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Was alles Glück sein kann

Das Leben des Heinz Engel alias Zwi Nigal (1923–2023) spiegelt ein Jahrhundert österreichischer und europäischer Geschichte wider.
Zeitzeugengespräch mit Schülern

Was für ein Leben! Und doch eines, das exemplarisch für viele steht: jenes von Hermann Heinz Engel, geboren 1923 in der Wiener Leopoldstadt, 2023, drei Monate nach seinem 100. Geburtstag, in Israel verstorben. 1939 konnte er gemeinsam mit 200 anderen Jugendlichen Wien mit dem Zug verlassen, um schließlich per Schiff im Hafen von Tel Aviv zu landen; seinen Vater sollte der knapp 16-Jährige beim Abschied am Bahnhof das letzte Mal sehen – Theodor Otto Engel (geb. 1877) wurde zunächst nach Theresienstadt deportiert und schließlich in Auschwitz ermordet, die Mutter Jeanette Engel verließ Wien Ende 1939, ein Wiedersehen mit ihrem (einzigen) Sohn gab es erst nach dem Krieg – sie starb hochbetagt mit 102 Jahren 1987.

„Glück musste man haben“ – unter diesen angesichts der Biografie eigentlich unglaublichen Titel hat Heinz Engel alias Zwi Nigal (so hieß er später als israelischer Soldat) seine Erinnerungen gestellt. Dass er sie überhaupt aufgeschrieben hat, ist der Altphilologin, Publizistin und Israel-Kennerin Laila Scharfenberg zu verdanken. Sie hatte den knapp 30 Jahre jüngeren Nigal 1998 als Reiseleiterin in Israel kennengelernt und im Laufe der Jahre dazu überredet. Lange widersetzte sich Nigal dem Ansinnen, um schließlich doch einzulenken: „Das Schreiben ist für mich ein neues, vielleicht letztes Abenteuer“, schrieb Nigal 2002: „Ich hoffe, die Leser nicht zu enttäuschen.“

Frei von Pathos

Das tut er gewiss nicht, das Buch ist lebendig und flüssig, dabei schnörkellos und frei von Pathos geschrieben, wie gesagt: Glück musste man haben … Gerade deswegen freilich, wegen seines unprätentiösen Stils, ist die Lektüre des Buches auch immer wieder sehr berührend und bewegend, bisweilen auch mehr als das.

In den Schilderungen entsteht das Bild vom Wien der Zwischenkriegszeit – aus der Sicht einer jüdischen Mittelstandsfamilie („nicht besonders fromm“, aber die großen Fast- und Feiertage einhaltend, „bescheiden und sparsam“, aber nicht notleidend). Dann die sich wandelnde Stimmung gegen die jüdischen Mitbürger mit der schrecklichen Zäsur des 9. November 1938, das schon erwähnte Auseinanderreißen der Familie ab 1939. Im Krieg diente Nigal in der britischen Armee, später dann in der Armee des neugegründeten (1948) Staates Israel.

7. Oktober 2023

Ende 1945 das Wiedersehen mit der Mutter in Haifa, am 13. April 1946, dem 23. Geburtstag, dann der erste Besuch in Wien seit 1939: eine Spurensuche an den Plätzen der Kindheit mit gemischten Gefühlen. In seinen späten Jahren trat Nigal als Zeitzeuge an Schulen in Deutschland und Österreich auf. „Heute nun schließt sich ein Kreis. Wo ich damals wehrlos hinausgeworfen wurde, stehe ich heute eingeladen und willkommen, zusammen mit Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese schlimme Vergangenheit, die manche lieber verschweigen wollen, wieder ins Gedächtnis zu rufen, ja, sie als Mahnung wachzuhalten.“

Was Zwi Nigal nicht mehr erleben musste: den 7. Oktober 2023.

46-227261220

Zwi Nigal, Laila Scharfenberg (Hg.):„Gl ück musste man haben“, Hentrich & Hentrich, 404 S.. 32 Euro

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