Kultur
11.03.2013

NS-Aufarbeitung: "Man wird Unangenehmes finden"

Die ersten Texte zur NS-Zeit sind online. Weitere sollen folgen.

Ein Rätsel ist gelöst – und prompt taucht ein neues auf. Das eine Rätsel: 1966/’67 wurde dem Kriegsverbrecher Baldur von Schirach der Ehrenring der Wiener Philharmoniker bis nach München gebracht. Von wem, wusste man bisher nicht. Seit den jüngsten Nachforschungen rund um die NS-Verstrickungen des Orchesters gibt es nun aber eine glaubhafte Theorie: Trompeter Helmut Wobisch soll der Überbringer gewesen sein, sagt ein für den Historiker Oliver Rathkolb „plausibler“ Zeuge in der ORF-Doku „Schatten der Vergangenheit“ (noch zu sehen am Mittwoch, 20.15 Uhr, ORF III sowie am 30. März um 21.15 Uhr, 3sat). Wobisch, 1945 als NS-Belasteter entlassen und später wieder eingestellt, war damals Geschäftsführer der Philharmoniker. Eine „Hypothek“, sagt Orchestervorstand Clemens Hellsberg. Rathkolb, der die Theorie glaubwürdig findet, will aber weitere Nachforschungen anstellen.

Widmung

Das neue Rätsel ist „eine schreckliche Geschichte“, schilderte Rathkolb. Denn nach den Ehrungen für Schirach und den später als Kriegsverbrecher hingerichteten Arthur Seyss-Inquart ist in den Archiven der Philharmoniker eine Unterlage über eine weitere Auszeichnung aufgetaucht. Eine Nicolai-Medaille, 1942. Gewidmet „dem Führer“. Ob diese Medaille überreicht wurde, weiß man noch nicht.

Unangenehmes

Hellsberg sieht die Auszeichnungen durch die Wiener Philharmoniker während der NS-Zeit als eine der Fragen, mit der man sich in Zukunft noch auseinandersetzen muss, auch bei der nächsten Hauptversammlung. „Man wird noch weitere unangenehme Sachen entdecken“, sagt Hellsberg.

Das Orchester müsse „Verantwortung gegenüber den Fehlern und Versäumnissen“ der Vergangenheit übernehmen, betont der Vorstand. Darum gehe es auch bei der karitativen Arbeit der Philharmoniker. Und auch ums Erinnern, etwa an die Wurzeln der späteren Katastrophen: am 28. Juni 2014 ist ein Gedenkkonzert in Sarajevo anlässlich 100 Jahre Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand geplant – ein musikalischer „Blick in eine hoffentlich bessere Zukunft, wo das Wort Krieg nur noch in den Archiven auftaucht“.

Vorerst jedenfalls sind jene ersten Texte der drei Historiker auf der Philharmoniker-Webseite online gegangen, die sich mit der NS-Zeit des Orchesters auseinandersetzen (siehe Bericht rechts). Diese sind ohne Einfluss oder Kontrolle durch die Philharmoniker entstanden, betont Rathkolb. Es gebe kein vergleichbares Orchester, das Ähnliches unternommen habe. „Es wird sicherlich eine sehr intensive Diskussion auch im Orchester selbst geben, wie man mit diesen Erkenntnissen umgeht.“

Dirigent Zubin Mehta fand die ORF-Doku zum Thema „eine Offenbarung. Es ist schwer, nach so vielen Jahren all das zu hören. Es muss uns gelingen, das in Israel auf Englisch zu zeigen, das ist sehr wichtig.“

Erste Ergebnisse der Historiker-Arbeit liegen vor

Mit Entlassung, Vertreibung, Ermordung, aber auch mit Interventionen für jüdische Musiker und der Wiedereinstellung belasteter Philharmoniker nach Ende des Krieges beschäftigen sich die ersten Historiker-Texte auf der Website der Wiener Philharmoniker. „Aus dem Philharmonischen Verband bzw. aus dem Orchester der Staatsoper wurden 1938 dreizehn aktive Musiker vertrieben“, heißt es. „Drei weitere Philharmoniker, die bereits in der Pension waren, fielen dem Holocaust zum Opfer. Insgesamt fünf Philharmoniker wurden im Zuge der rassistischen Säuberungen ermordet. Ein Philharmoniker starb infolge der Delogierung aus seiner Wohnung. Ein weiterer verstarb noch vor der drohenden Deportation in Wien.“

Das Orchester habe sich teils „äußerst kooperativ“ im Umgang mit NS-Behörden gezeigt: „Trotz ihres Vereinsstatus wiesen die Wiener Philharmoniker im Nationalsozialismus deutliche Züge einer regimenahen Reichsorganisation auf.“

Bereits vor 1938 habe es eine „sehr aktive ,illegale‘ Zelle“ im Orchester gegeben.

www.wienerphilharmoniker.at