"Nouvelle Vague": Als das Kino revolutioniert wurde
Zoey Deutch als Jean Seberg, Guillaume Marbeck als Jean-Luc Godard.
Von Susanne Lintl
Sie waren jung, rebellisch und ungestüm und wollten nichts weniger als das Kino von Grund auf revolutionieren. Die französischen Filmpioniere der Fünfziger- und Sechziger-Jahre, deren wichtigste Exponenten Godard, Truffaut, Rivette und Chabrol sind, wollten ganz anders sein, auf einer neuen Welle reiten. Dem biederen Nachkriegskino die Zöpfe abschneiden.
Jean-Luc Godard, der Dandy aus reichem Schweizer Haus, war einer der Ersten, dem das gelang: Mit seinem unkonventionellen Gangsterfilm „Außer Atem“ machte er 1960 Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg zu Kultfiguren. Ganz nebenbei verstieß er gegen alle bis dato geltenden Regeln des Inszenierens, begründete die „Nouvelle Vague“. „Der Film hätte eigentlich ,Ein Mädchen, eine Kamera und eine Knarre‘ heißen sollen, das hätte es auch sehr gut getroffen“, scherzt Guillaume Marbeck, der in Richard Linklaters grandioser Hommage an den Kultfilm Godard spielt. „Man muss sich das einmal vorstellen: Godard ging mit ein paar Leuten einfach raus auf die Straße, sie machten die Kamera an und filmten drauf los. Ganz schnell, ohne Ankündigung, ohne viel Vorbereitung. Godard erschien am Morgen mit seinem kleinen Notizbuch und sagte ihnen ganz spontan, was er für eine Szene drehen wollte. Klappte es nicht so, wie er wollte, dann brach er ab, mitunter schon nach zwei Stunden. Gab der Crew für den Rest des Tages frei nach dem Motto ,Das wird heute nichts mehr‘“.
Nicht imitieren
Marbeck ist hinreißend in seiner Darstellung des eigenwilligen Regiemeisters. „Ich wollte Godard auf keinen Fall imitieren, das wäre lächerlich gewesen. Aber ich habe ihn natürlich bis ins letzte Detail studiert: seinen Gang, seine Gesten, seine Art, sich zu kleiden, wie er sprach. Ich habe ihn mir angeeignet.“
Da es sein erster Kinofilm als Schauspieler war, sei das Ganze ziemlich furchteinflößend gewesen, so Marbeck. „Aber ich habe mir dann gesagt, ich spiele nicht die Ikone Godard, sondern einen Menschen. 1960 waren das ja auch alles nur junge Wilde, die nicht wissen konnten, dass sie einmal zu Superstars werden.“ Wie damals Godard setzte Linklater in seiner humorvollen Hommage auf neue Gesichter. Neben Marbeck, der eigentlich Profifotograf ist und an Filmschulen in Paris und in den USA Regie studiert hat, engagierte er den unbekannten Franzosen Aubry Dullin als Jean-Paul Belmondo und die hauptsächlich als Serienstar bekannte US-Schauspielerin Zoey Deutch als Jean Seberg. Auf Marbeck stieß Linklater durch ein Youtube-Video, in dem der schlagfertige Pariser von seinen Skateboardkunststücken und DJ Sessions als Jugendlicher erzählt. „Ich war echt erstaunt, als mich der Castingdirektor anrief“, so Marbeck, „noch nie hatte mir jemand gesagt, dass ich eine Ähnlichkeit mit Godard hätte.“
"Super harmoniert"
Das sei aber auch keine Priorität für Linklater gewesen. „Richard hatte vorgegeben, dass es wie bei den guten alten Playmobil-Figuren einen ähnlichen Vibe geben musste so nach dem Motto ,Ja, wir schaffen das‘. Ein Team, das zusammenpasst und glaubhaft durch dick und dünn geht. Eine eingeschworene Truppe, bei der kein Löschblatt dazwischen passt. Es war natürlich schwierig, diese Leute zu finden. Noch dazu, wo Richard unverbrauchte Gesichter wollte. Aber er hat es geschafft: Wie haben super harmoniert und hatten eine Menge Spaß beim Dreh.“
Und die Sonnenbrille?
Am Ende kommt Marbeck noch auf die ikonische schwarze Sonnenbrille – Godards Markenzeichen – zu sprechen. „Wir hatten überall nach einer Originalbrille Godards gesucht“, erzählt er. „Wir haben nichts gefunden. Schließlich beschlossen wir, die Brille anhand von alten Fotografien nachmachen zu lassen.“ Am Abend vor Drehbeginn sei die neue Brille geliefert worden und er habe weinen müssen, als er sie das erste Mal aufsetzte. „Sie gab mir das Gefühl, nun wirklich Godard zu sein. Ich wusste, wenn ich sie trage, dann kann ich meine Arbeit richtig machen.“
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