Kultur
23.02.2018

Norbert Gstrein über die kommenden Jahre

Der neue Roman: Fremd sein, fremd werden.

Ein Blick in "Die kommenden Jahre":

Norbert Gstrein hat für seinen neuen Roman einen Gletscherforscher erfunden, der ihm ähnlich ist.

Richard ist (ebenfalls) Tiroler, hat einen Bruder, der ein bekannter Skifahrer war, und er lebt jetzt mit Frau und Kind in Hamburg.

"Willst du unter den Deutschen sterben, Richard?" fragt ein kanadischer Forscherkollege. "Allein schon das Wort. Du musst nur einmal das Wort Deutschland sagen und weißt Bescheid. Kann man danach Sehnsucht haben?"

Aus Damaskus

"Willst du bei Natascha bleiben?" bohrt eine mexikanische Forscherkollegin, die sich – nur halb im Spaß – die dunklen Haare rauft: "Ich hasse Natascha."

Natascha ist Richards Frau. Blond. Schriftstellerin.

Ob seine kommenden Jahre Veränderung bringen / bringen sollen: So kann man Norbert Gstrein lesen, und im Klappentext steht brav, es gehe nicht nur um die kommenden Jahre, es gehe um jeden Augenblick des Lebens.

Wär’ das alles, würden Kalendersprüche reichen.

Aber eine vierköpfige Flüchtlingsfamilie aus Damaskus zieht in den Roman ein und wartet auf den Asylbescheid. Das heißt: Natascha überlässt ihr das nahe Hamburg an einem See gelegene Sommerhaus.

Richard würde gern mit ihr eine Reise nach Kanada besprechen, um bei Gefallen vielleicht "richtig" auszuwandern.

Natascha hört kaum zu. Sie will jetzt denjenigen helfen, die hier fremd sind ... und dabei werden sie und ihr Ehemann einander fremd.

Vielleicht hat es in Gstreins Umfeld ein ähnliches Problem gegeben. Jedenfalls hängen die mit etwas Gewalt verbundenen Erzählstränge mit offenen Enden herum. Die Gefahr ist groß, dass am Schluss wenig vom einen und weniger vom anderen hängen bleibt.

Ein Traum

Geurteilt wird nicht.

Angerissen wird, abgeklopft – dann ist man allein, wenn die große Welt und eine Pistole in die kleine dringen.

Richard überlegt, dass man kaum etwas weiß über die Menschen, denen man hilft. Sehr richtig, man kennt nicht einmal seinen Partner.

Norbert Gstrein entdeckte eine großartige Formulierung übers Zwischenmenschliche und über DEN Traum: Ich will auf dir nach Süden. Will you go south on me?

Norbert Gstrein:

„Die kommenden
Jahre“
Hanser Verlag.
288 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: ****