Kultur
22.11.2017

Nina Proll: Schauspielerinnen "haben es schwerer"

Die Neo-Drehbuchautorin über ihren Film "Anna Fucking Molnar", das Altern und ihren Traumberuf.

Von Gabriele Flossmann

Sexuellen Annäherungsversuchen von Männern steht sie positiv gegenüber und ist bereit, diese zunächst einmal als Kompliment zu verstehen. Mit diesem Facebook-Posting zur aktuellen Debatte über sexuelle Belästigungen zeigte sich einmal mehr: Nina Proll liebt die Kontroverse und scheut auch nicht vor einem entsprechenden Shitstorm zurück. Und damit es nicht zu Missverständnissen kommt, hält sie dazu im KURIER-Interview fest, dass sexy Kleidung aber keineswegs als Einladung zu verstehen sei und dass es sie überhaupt nerve, wenn Frauen nach ihrem Look beurteilt werden.

Mit "Anna Fucking Molnar", dem neuesten Film der "Vorstadtweiber"-Regisseurin Sabine Derflinger, gibt Proll – gemeinsam mit Ursula Wolschlager – ihr Debüt als Drehbuchautorin. In ihren (selbst)ironischen und bissigen Dialogen liefert sie originelle Wortmeldungen zum Thema "Und ewig lockt das Weib" und zur Frage "Zum Teufel mit den Männern".

An Nina Prolls Seite agiert ihr Ehemann, Gregor Bloeb, als sexbesessener Theaterdirektor. Und Murathan Muslu macht als Feuerwehrmann nicht nur mit seinem gut gebauten Körper auf Anna Molnar Eindruck. Auf jeden Fall geht es alles andere als politisch korrekt zu. Gedreht wurde auch während der letzten ROMY-Verleihung in der Wiener Hofburg.

KURIER: Sollte der Film nicht eher "Anna Fucking Schnitzler" heißen? Denn er erinnert viel mehr an Schnitzlers "Reigen" als an eines der Stücke von Ferenc Molnár.

Nina Proll: Ja, das stimmt (lacht). Die ursprüngliche Idee war es auch, die Geschichte einer Schauspielerin zu erzählen, die den "Reigen" auf der Bühne spielt und im wirklichen Leben Ähnliches erlebt. Um den "Reigen" aus meiner Sicht zu interpretieren: Ich glaube wir neigen alle dazu, jemanden mit besonderer Leidenschaft zu lieben, der unerreichbar ist. Und der liebt wieder jemand anderen, der auch unerreichbar ist. So ist sicher auch das Phänomen der Fan-Kultur und des Star-Kults zu erklären. Das Drehbuch war ursprünglich so angelegt, dass die Protagonisten durch eine Geschlechtskrankheit miteinander verbunden sind (lacht schallend).

Hatten Sie Bedenken, sich quasi eine Hauptrolle auf den Leib zu schreiben?

Wir Frauen warten in vielen Fällen darauf, ob uns irgendjemand erlaubt, etwas Außergewöhnliches zu tun. Oder wir denken: Ich mach dieses und jenes, wenn die Kinder groß sind. Das ist eine beliebte weibliche Ausrede. Oder: Mein Mann oder Partner ist eh so viel weg, da muss ich bei den Kindern bleiben. Was natürlich alles Quatsch ist! Und daher habe ich mich einmal selbst beim Schopf genommen und gesagt: Jetzt schreibst du einfach alles auf, was dir so in den Sinn kommt und dann ziehst du das Ganze auch durch!

Das Schreiben eines Drehbuchs ist eine eher einsame Beschäftigung. Die Schauspielerei ist dagegen eine Tätigkeit, mit der man sich dem Beifall, aber auch der Kritik vieler Menschen aussetzt. Sie haben beides probiert. Was liegt Ihnen mehr?

Ich muss zugeben, dass mich der Schauspielberuf von Anfang an fasziniert hat, weil ich gesehen werden will. Das hat sicher mit dem Wunsch nach Selbstbestätigung zu tun, aber auch mit dem Drang, große Emotionen aus mir hervorzuholen und mit möglichst vielen anderen Menschen zu teilen. Seit meiner Kindheit habe ich eine Unzahl an Gefühlen in mir aufgestaut und ich habe sicher die Schauspielerei als Ventil gebraucht, um sie zu verarbeiten. Dass man dafür bisweilen auch Kritik einstecken muss, gehört zum Geschäft. Und Kritik hat ja auch positive Seiten, wenn sie nicht verletzend ist.

Trotz Ihrer Liebe zur Schauspielerei bereiten Sie ja schon Ihr nächstes Drehbuch vor. Was wird das sein?

Gemeinsam mit Ursula Wolschlager arbeite ich tatsächlich schon wieder an zwei Drehbüchern. Eines wird eine Geschichte rund um mehrere Frauen sein, und das andere basiert auf einem Roman, in dem es um österreichische Innenpolitik geht. Mehr kann ich darüber noch nicht sagen. Auf jeden Fall aber möchte ich weiterhin Drehbücher schreiben, weil ich mir dann Rollen schreiben kann, die ich gerne spiele und die mir sonst nicht angeboten würden.

In Hollywood klagen Schauspielerinnen, dass die Rollenangebote weniger werden, wenn man über 40 ist. Wie sehen Sie die Situation in Österreich?

Auch in Österreich haben es Frauen in diesem Beruf viel schwerer als Männer. Das liegt unter anderem daran, dass es zehn Mal mehr Schauspielerinnen gibt als Schauspieler. Männer drängt es offenbar weniger in diesen Beruf als Frauen. Wenn man als Schauspielerin eine Rolle ablehnt, dann sind gleich Dutzende andere da, die sich darum reißen. Dazu kommt, dass Frauen wegen Männern ins Theater oder ins Kino gehen, aber nicht wegen Frauen – und Frauen stellen nun einmal zwei Drittel des Publikums. Außerdem kennen Männer offenbar keinen Genierer, wenn es darum geht, als Mittvierziger einen "jugendlichen Liebhaber" zu spielen, was man einer gleichaltrigen Frau nie gestatten würde. Ein Mann darf sogar eine Glatze haben und viele Frauen finden ihn trotzdem attraktiv. Aber zeigen Sie mir eine Frau mit Glatze, von der Männer sagen: Hauptsache, sie ist g’scheit! Oder sie hat Geld – das geht vielleicht auch (lacht schallend). Trotzdem ist die Schauspielerei für mich ein Traumberuf. Mit dem Alter muss man halt umgehen lernen, denn sonst bleibt einem nichts anderes übrig, als jung zu sterben. Und wer will das schon!