Kultur
05.12.2011

Nicholas Ofczarek: Die Geschichte des O.

Am Montag stand er für heuer zum letzten Mal als Jedermann auf der Bühne. Egal, Ofczarek ist sowieso in ganz Österreich zu bewundern - im Kino.

Richard III., Jedermann, Nestroy, Grillparzer oder Karl Farkas. Er hat sie alle drauf. Im Wort. In der Gestik. Im Ton sowieso. Charmant, herrisch, hysterisch, kindisch, komödiantisch oder auch anarchisch: Nicholas Ofczarek, brodelnder Vulkan der Burg.

Sein Blick, seine Bewegungen, seine Energie fesseln und faszinieren Theaterbesucher seit Jahren. Sicher auch, wenn sie den 40-jährigen Schauspieler in seiner neuesten Rolle sehen - als Wolfgang. Das ist kein Charakter aus der Geschichte, sondern ein gestrauchelter Mensch von hier und heute. Ein echtes Wesen mit Tattoos und Ticks, ein brodelnder Vulkan.

"Am Ende des Tages"

Im Kinofilm "Am Ende des Tages" von Peter Payer ist dieser Wolfgang der Motor hinter dem Spiel mit dem Grauen. Getrieben und gefährlich heftet er sich quer durch Österreich an die Fersen des Jugendfreundes Robert (Simon Schwarz). Der, mittlerweile Politiker, will das Wochenende mit Ehefrau (Anna Unterberger) in Tirol verbringen. Ihr Pech. Wolfgang hat noch eine Rechnung aus der Vergangenheit zu begleichen. Wo genau die Schnittstellen der unterschiedlichen Biografien liegen, bleibt lange, quälend lange im Dunkeln. Payer legt Fährten aus, Nicholas Ofczarek nimmt die Spur auf. Bis es zum Knalleffekt kommt. Das Ergebnis ist großes, verstörendes Kino - und das nicht nur, weil Ofczarek einen Gutteil des Films in zerrissenen Frauenkleidern auftritt.

Bei den Dreharbeiten hat sich das Team der Textvorlage von Kai Hensel wie einem Theaterstück genähert, meint Regisseur Payer. "Drei Personen, zwei Autos, eine Straße von Wien nach Tirol. Es gibt bis auf ein paar ganz wenige Momente nur drei Figuren. Wir haben wochenlang mit fertigem Text geprobt und den Film szenenweise durchgespielt."
Für Ofczarek, den zweifachen "Nestroy"-Preisträger, ist "Am Ende des Tages" nicht der einzige Auftritt im Kino in diesem Jahr. Anfang Juli war er im Schweizer Mystery-Thriller "Sennentuntschi" als Dorfpolizist zu sehen. Ungewöhnlich auch die Rolle, die der Familienvater in "Braunschlag" verkörpert, einer im April im Waldviertel gedrehten Fernsehserie von David Schalko ("Sendung ohne Namen", "Aufschneider"): "Jedermann" brilliert hier als heruntergekommener Discobesitzer.

Natürlich wird das Burgtheater weiterhin Priorität haben. Aber es könnte gut sein, dass Burg-Direktor Matthias Hartmanns vielseitigster Schauspieler demnächst schwer damit beschäftigt sein wird, seine Termine zu koordinieren. Denn mit der brillanten Perfomance als brutaler Politiker-Schreck empfiehlt sich der gebürtige Wiener nachhaltig für intensive Hauptrollen bei internationalen Kinoproduktionen.

5 Fragen an Nicholas Ofczarek

1. Herr Ofczarek, bekamen Sie vor sich selbst Angst, als Sie den Film "Am Ende des Tages" erstmals sahen?
Nicholas Ofczarek: Wenn man selbst in einem Film mitwirkt, betrachtet man die Sache etwas nüchterner.
Es fällt mir schwer, vor mir selbst Angst zu haben. Die Funktion der Figur allerdings macht nicht nur mir große Angst: ihre Unerbittlichkeit, zum Ziel zu kommen, ohne Rücksicht auf Verluste.

2. Man hat den Eindruck, dass Sie in Ihrer Filmrolle genau das Gegenteil des "Jedermann" verkörpern?
Die beiden Rollen sind überhaupt nicht miteinander zu vergleichen, schon allein weil sie in einem völlig unterschiedlichen literarischen Kontext zu sehen sind. "Jedermann" ist eine Allegorie und betrifft jedermann . . . Wolfgang ist ein verirrter Einzeltäter, der unter allen Umständen abrechnen will. "Jedermann" fürchtet nichts mehr, als Bilanz zu ziehen.

3. Wie haben Sie sich auf diese schwierige Rolle vorbereitet? Etwa durch Ansicht einschlägiger Thriller wie "Kap der Angst" mit De Niro?

Ich bereite mich nicht durch Filme auf eine Rolle vor, sondern versuche einen eigenen, persönlichen Zugang zu finden - aber natürlich begleiten mich die Meisterwerke des Thriller-Genres seit meiner Jugend, bewusst und unbewusst.

4. "Wunderwelt", der Neue-Deutsche-Welle-Song von Klaus Prünster, spielt eine wichtige Rolle im Film.
Wie bekamen Sie den Ohrwurm wieder aus dem Ohr?
Gar nicht. Die Melodie ist zu eingängig. Auch dieses Lied ist Teil meiner Jugend . . .

5. Erwarten Sie, dass Sie jetzt mit Rollenangeboten aus dem Thriller- und Horrorgenre überhäuft werden?

Ich habe durch harte Lektionen gelernt, nichts zu erwarten. Aber ich gebe zu, ich würde mich über eine Häufung interessanter Rollenangebote freuen.

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