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Kultur
06/30/2012

Neuübersetzung von Faulkners bestem Buch

Die Höllenfahrt mit einer Leiche auf dem Maultierkarren angelt nach neuen Lesern, die sich auf den Nobelpreisträger einlassen.

von Peter Pisa

Das ist jetzt das Ende für "Opossums und ähnliches Gelichter".

Seit 1961 wurde die Übersetzung Hess’ und Schünemanns von insgesamt fünf Verlagen verwendet, darunter Suhrkamp und Diogenes, und die "Opossums und ähnliches Gelichter" haben den Hühnerstall der armen Mississippi-Familie Bundren ausgeräumt.

In der Neuübersetzung von Maria Carlsson wurde aus dem Original "possums and such" schlicht und einfach "Opossums und so".

Und es ist auch kein "Dachsbeil" (= adze) mehr, mit dessen Hilfe der Sarg für Addie Bundren gezimmert wird – während sie im Bett liegt und noch lebt, sie will ihren Sarg sehen!

Sondern ein "Breitbeil".

Das Geräusch, das es macht, bleibt gleich:

Tschack Tschack.

Mit "Als ich im Sterben lag" beginnt – vielleicht – eine Kontinuität einzusetzen: Zu viele, mehr als 15, haben William Faulkners auf mehrere Verlage verstreutes Werk ins Deutsche übertragen. Maria Carlsson hat bei John Updike gezeigt, wie es ideal ist: 50 Jahre, von der ersten bis zur letzten Erzählung, hat sie ihn für S. Fischer übersetzt.

Genug darüber.

Der amerikanische Nobelpreisträger und Alkoholiker hielt "Als ich im Sterben lag" aus dem Jahr 1930 für sein bestes Buch.

Ein schwieriges ist es. Geniale, moderne Dichtung, die nicht wärmen will.

Zwar wird hauptsächlich ein Leichenzug begleitet. Aber erzählt wird nur in inneren Monologen der Angehörigen, Nachbarn ... 15 Personen reden in 49 Kapiteln.

Selbst die Verstorbene Addie kommt zu Wort: "Mein Vater hat gesagt, der Sinn des Lebens sei, sich bereit zu machen fürs Totsein."

Neue Zähne

Nach vier Tagen wird Addie endlich im Sarg von ihrem Mann, den Söhnen und der Tochter auf einem Maultierkarren Richtung Kreisstadt gebracht. Die liegt weit entfernt von der Farm.

Aber Addie wollte dort unbedingt im Grab ihrer Eltern beigesetzt werden.

Ihr letzter Terrorakt.

Gute Gelegenheit für den Ehemann, der sonst eh nur herumsitzt, weil er nicht schwitzen will, weil er meint, Schweiß bringe ihn um ... gute Gelegenheit für diesen Südstaaten-Vogel, sich in der Stadt neue Zähne zu kaufen und eine neue Frau mitzunehmen.

Geld fürs Gebiss nimmt er seiner naiven Tochter weg –, sie hätte die gesparten zehn Dollar für eine Abtreibung gebraucht (und lässt sich vom Arztgehilfen missbrauchen, in der Annahme, das gehöre zur Abtreibung).

Es tut sich also viel während dieser tragikomischen Höllenfahrt. Man muss nur die Stimmen hereinlassen. Dann schreien sie die menschliche Tragödie.

Und hoch droben kreisen die Bussarde.

William Faulkner, 1962 gestorben, wollte im Fall einer Wiedergeburt als Bussard zurückkommen: "Niemand hasst, niemand beneidet ihn, niemand will ihn haben. Niemand braucht ihn, er wird weder belästigt und bedroht, und er kann alles fressen."

Es ist die Zeit für Neuübersetzungen. Literatur entwickelt sich weiter. Eben sind Jane Austens "Nothanger Abbey" (dtv) und James Joyce’ "Ein Portrait des Künstlers als junger Mann" (Manesse) erschienen. Im August folgt Flauberts "Bovary" (Hanser), im September Hemingways "Der alte Mann und das Meer" (Rowohlt).

KURIER-Wertung: ***** von *****

Alice Munro – "Was ich dir schon immer sagen wollte"

Da steht nicht viel. 13 kurze Geschichten, jeweils um die 30 Seiten lang, in denen Kakao getrunken, Gemüse geputzt, ein Boot repariert wird. Was NICHT steht, was ausgelassen wird, ist das Explosive. Ist Sehnsucht. Ist der Versuch, den Alltag auszuhalten.

Und dass es nicht steht und man trotzdem versteht – das ist der Grund, warum z. B. Jonathan Franzen ("Die Korrekturen") sagt, in den Kurzgeschichten übertreffe sie Tschechow.

Mit "Was ich dir schon immer sagen wollte" hat der Schweizer Dörlemann Verlag nach "Tanz der seligen Geister" erneut frühe, fast vollendete Erzählungen Munros aus den 1970er-Jahren herausgebracht. Es geht um Frauen. Ehefrauen, Tanten, Großmütter ... Das heißt nicht, dass die Geschichten nur Frauen unter die Haut gehen.

Eine große Ungerechtigkeiten der literarischen Welt ist: Die Kanadierin hat noch nicht den Nobelpreis bekommen. Am 10. Juli wird sie 81.

KURIER-Wertung: ***** von *****

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