© Peter von Felbert

Kultur
07/30/2021

In der Cloud muss die Freiheit wohl grenzenlos sein

1152 Seiten über die Realität: Neal Stephensons bisher spektakulärstes Buch.

von Georg Leyrer

Es ist oft ein Fehler, Mehlspeisen zu essen (nebenbei: auch die Engländer kennen längst das deutsche Wort „Coronaspeck“).

Diesfalls aber ein fataler.

Richard Forthrast (der Neal-Stephenson-Leser kennt ihn als Dodge aus „Error“) geht entgegen den Anweisungen mit vollem Magen zur Routine-Operation.

Und stirbt. Würde man zumindest gerne schreiben, aber die weiteren 1.000 Seiten von Stephensons neuem Buch, „Corvus“, drehen sich darum, dass er eigentlich nicht stirbt. Oder auf eine Art nicht stirbt. Oder doch stirbt, es aber egal ist.

Stephenson ist ein Phänomen. Kaum ein Autor hat seinen Hirnmuskel so trainiert wie der Amerikaner. Er jagt regelmäßig Tausend-Seiten-Bücher raus, die übergehen vor Auskennerei in der Tech-Welt. Mit dem prägenden „Snow Crash“ (1991) hat Stephenson das vorweggenommen und mitgeprägt, was wir heute in unserem Online-Leben so tun. „Cryptonomicon“ ist ein fantastischer Blockbuster über Kryptografie als Buch. Nein, wirklich, das ist superspannend.

(Stephensons 3.000-Seiten-Faible für im Barock angesiedelte Bücher teilen offenbar auch manche.)

Hirn auf Eis

Nun also, in „Corvus“, geht es um auch nichts Geringeres als um die Realität und was man darunter so verstehen könnte. Der tote Dodge ist nämlich nicht nur tot, sondern auch superreich. Und da eröffnen sich doch neue Möglichkeiten nach dem Ableben. Man kennt das ja mit dem Einfrieren: Leute mit zuviel Geld wollen so eine Zeit abwarten, bis sie wieder zum Leben erweckt werden können. Was aber, wenn es dazu kein Hirn auf Eis mehr braucht?

Dodges Hirninhalt, all die Daten, die sein Leben, seine Persönlichkeit, seine Erinnerungen ausmachen, werden also eingescannt. Und in die Cloud hochgeladen.

Das kann ja nur gut gehen.

Ein riskanter Satz: „Corvus“ ist das spektakulärste Buch Stephensons bisher. Auch die Erzählung legt jede irdische Begrenzung ab. Und stürzt in eine wahnwitzige, aber hochrealistische Zukunft. Bis es gar nicht mehr realistisch ist. Das Datenhirn verselbstständigt sich, genauso wie das letzte Drittel des Buches. Man ist inspiriert und ratlos und sucht als Leser Halt in einer aus den Fugen geratenen Welt. Vielleicht hilft ja ein Stück Mehlspeise dabei.

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