Kultur
10.11.2018

Neuer Roman von A.L. Kennedy: Briefe, je nach Bedürfnis

24 Stunden im Leben von zwei durchgebeutelten Menschen in London. Leider zu lang ...

Man soll London nicht den Rücken zuwenden.
Denn laut A.L. Kennedy ist London „ein gerissenes altes Biest“.
Diese Stadt gehört beobachtet – so wie Dublin einen Tag lang beobachtet wurde: James Joyce wollte  in „Ulysses“ ein Abbild erschaffen, damit  es aus dem Buch heraus notfalls vollständig wieder aufgebaut werden kann.
A.L. Kennedy (Bild oben) konzentriert sich mehr auf  zwei gebeutelte Menschen in London, die sich fest vornehmen, dass im weiteren Leben mehr Glück vorkommt.
 Sollten sie einst verschwunden sein – man könnte Jon, 59, und Meg, 45, sofort aus dem Buch  heraus wiederbeleben.
Jon ist Beamter, geschieden, er muss Politikerreden schreiben, er hat einen tyrannischen Vorgesetzten, er wird seinen Job bald verlieren. Vorgestellt wird er von A.L. Kennedy, indem Jon einen Babyvogel aus einem Netz befreit und dadurch riskiert, zu spät ins Büro zu kommen. Dabei wird seine Hose vom ängstlichen Vögelchen beschmutzt – alles Sch...

Liebling

Sozusagen nebenberuflich lässt er sich von Frauen als Briefeschreiber engagieren.
„Handgeschriebene Briefe, ganz nach Bedürfnissen der Damen. Nichts Pornografisches. „Nur“  nett. So in der Art: Meine Liebe, meine Süße, mein Liebling.
Dadurch hat auch er etwas Gesellschaft, aber damit es nicht zu eng wird, kosten die Briefe etwas,  um die zehn Pfund pro.
Und nun sind wir bei Meg. Sie arbeitet in einem Tierheim, sie ist Alkoholikerin ... und sie schreibt Jon zurück.
„Süßer Ernst“ dauert 24 Stunden. Von 6.42 Uhr bis 6.42 Uhr. Wie bei James Joyce geht es nicht allein um Außenhandlungen – gut die Hälfte des Buchs ist Innenleben, sind Gedanken, Gefühle – aber nicht chaotisch wie im Kopf von Joyce’ Romanfigur Leopold Bloom, sondern in Ordnung gebracht und kursiv gesetzt. Zum Beispiel: „Ich sollte froh sein, dass es bloß Übelkeit ist und  nicht Übelkeit und Migräne.“ Oder,  wichtig: „Trottel muss man heute sein!“
A.L. Kennedys Sprache ist wie immer Kulturgenuss. Zu verstehen ist „Süßer Ernst“ leicht, zu lesen aber  etwas mühsam.
Was hätte das für eine im Gedächtnis bleibende Erzählung sein können mit – sagen wir: 100 Seiten.
So aber sind es 560 Seiten,  und nach der Hälfte ist nur noch interessant: Kommen Meg und  Jon zusammen? Man will nur noch wissen, ob die drei Buchstaben zu leuchten beginnen:
Wir.

 

A.L. Kennedy:
„Süßer Ernst“
Übersetzt von
Ingo Herzke und Susanne
Höbel.
Hanser Verlag.
560 Seiten.
28,80 Euros.

KURIER-Wertung: ****