Kultur 05.12.2011

Neuer Grisham-Thriller in alter Qualität

© Bild: apa

John Grishams "Das Geständnis" könnte verlorengegangene Fans des Meisters der Justiz-Thriller zurückholen.

Er kann wütend werden, wenn ihm (wieder) jemand sagt, seine 22 Romane seien alle gleich. Auch nach mehr als 250 Millionen verkauften Büchern kann der heute 56-jährige John Grisham darüber in Rage geraten.

Unter uns, und ganz leise: Anders als seine früheren Justiz-Thriller ist "The Confession" zwar auch nicht. Aber die amerikanische Kritik feiert genau deshalb Grishams Rückkehr zu den Wurzeln, die er - siehe unten - vorübergehend verlassen hat: "Sozialkritisch in der Tradition von Upton Sinclairs Roman 'Der Dschungel'" (Washington Post). "Grisham bearbeitet die Leser, wie es ein guter Strafverteidiger bei den Geschworenen tut" (Philadelphia Inquirer).

Wütend

Das 527 Seiten dicke Drama erscheint am 22. August übersetzt im Münchner Heyne Verlag. Es könnte verloren gegangene Fans zurückholen, weil die Leser so fest im Griff gehalten werden wie 1991 von "Die Firma", verfilmt von Sidney Pollack mit Tom Cruise als Robin Hood einer Anwaltskanzlei.

Dieser Roman machte John Grisham, damals noch ein schlecht verdienender Strafverteidiger in der Kleinstadt Southaven, Mississippi, berühmt. Das Thema im neuen Buch ist nicht gerade neu, nicht einmal für den Autor, der schon in "Der Gefangene" mit Wut im Bauch gegen die Todesstrafe angeschrieben und in dem zugrunde liegenden wahren Justizskandal ein politisches Statement abgegeben hat: Ron Williamson saß elf Jahre wegen Mordes als Todeskandidat in Gefangenschaft. Als man ihn, war halt doch ein Irrtum, freiließ, starb er an Leberzirrhose.

Jetzt ist es (sozusagen) fiktiv und geht so: In Kansas kommt ein Mann, ein Häfnbruder, zu einem lutherischen Pfarrer und sagt: Erstens habe er einen Hirntumor und werde also sowieso sterben. Zweitens habe er vor zehn Jahren in Texas die damals 17-jährige Cheerleaderin Nicole vergewaltigt und umgebracht und ihre Leiche so gut vergraben, dass sie bis heute nicht gefunden wurde. Für diesen Mord an dem weißen Mädchen sitzt allerdings ein schwarzer Football-Spieler, verurteilt von weißen Geschworenen. In fünf Tagen soll er hingerichtet werden. Der Pfarrer und der wahre Mörder setzen sich ins Auto und fahren nach Texas.

John Grisham und ein befreundeter Rechtsprofessor haben jahrelang in Texas recherchiert. "Dort", sagt der Bestsellerautor, "müssen die Angehörigen sogar bei der Exekution vor kugelsicherem Plexiglas stehen und haben ein Telefon in der Hand, um mit dem Verurteilten wenigstens reden zu können."

Jedenfalls ist die Justiz bereit, über Leichen zu gehen; und - was im Roman vermittelt wird - auch Religion bringt keine Klarheit: Weil man die Bibel so oder so lesen kann; weil schwarze und weiße Christen ganz Unterschiedliches herauslesen.

Grisham "hätte nie geglaubt, dass sich so viele Menschen irren können, nicht beweisbare Überzeugungen haben und aufgrund von Vermutungen Leute zum Tode verurteilen".
Er fürchtet, wir haben uns derart gewöhnt ans Töten, dass nicht nur die Todesstrafe in den USA akzeptiert ist, sondern dass es überhaupt egal ist, ob "der Richtige" hingerichtet wird. In Mississippi dürfen der Verurteilte und seine Verwandten einander vor der Hinrichtung wenigstens berühren. "The situation is much more relaxed" (Originalzitat Grisham). Naja.

Der andere Grisham

Für die Demokraten war John Grisham Abgeordneter im Parlament von Mississippi. Aber das Taktieren und die Lobbyisten verärgerten ihn. Er wird wohl ein Buch darüber schreiben.
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Football passte nicht
Das war ein netter Ausrutscher. Bloß weil Grisham in Italien auf Urlaub war, musste er in "Touchdown" ( Heyne, 2007) über einen US-Footballprofi schreiben, der in Parma, bei den existierenden Parma Panthers, seine Karriere beendet.

KURIER-Wertung: *** von *****

Ironie war die Überraschung
In den sieben Kurzgeschichten von "Das Gesetz" (Heyne, 2009) überraschte Grisham mit Witz und Ironie. Er kann schreiben! Zwar geht es auch hier um Gerechtigkeit, aber man blättert nicht nur um, um zu erfahren, wie alles ausgeht.

KURIER-Wertung: **** von *****

Theo für die Buchmuffel
Nächste Überraschung: sein erster Jugendroman . In " Theo Boone und der unsichtbare Zeuge" (Heyne, 2010) ist der Held ein 13-jähriger Anwaltssohn. Und Theos Leidenschaft ist - die Juristerei. Auch Buchmuffel möchten weiterlesen.

KURIER-Wertung: ***** von *****

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011