© Stadtkino Filmverleih

Kultur
09/17/2020

Neuer Dardennes-Film: Auf einmal ein fanatischer Moslem

Le jeune Ahmed. Die Dardennes erzählen von der Radikalisierung eines Teens (Von Susanne Lintl).

Plötzlich ist sie da: die Begeisterung für den Islam. Für die Rituale in der Moschee, für das rituelle Waschen vor dem Gebet, das Tragen der Kutte beim Beten, das gebannte Lauschen jedes Wortes des Imam. Nichts hatte sich abgezeichnet, nichts von dieser Radikalisierung war absehbar. Denn Ahmed schien stets das Gegenteil von extrem zu sein: ein guter Schüler und gewissenhafter Bub, der seiner alleinerziehenden Mutter keine Probleme machte.

Jetzt ist er Islamist.

In ihrer gewohnt lakonischen und präzisen Art erzählen die Brüder Dardenne von der gefährlichen Verwandlung eines 13-Jährigen. Wie er sich plötzlich weigert, der Lehrerin die Hand zu geben. Wie sein Hass auf sie ins Unendliche wächst, weil sie in ihren Arabischkursen lieber Alltagssprache und Lieder als den Koran lehrt. Schließlich attackiert er sie mit einem Messer, versucht sie zu ermorden. Zum Glück scheitert er.

Ahmed ist ein Eigenbrötler, ein Einigler mit dickem Panzer, durch den keine Rationalität dringt. Er lässt nicht in sein Inneres blicken, lässt niemanden an sich heran. Als er als jugendlicher Straftäter zur Sozialarbeit auf einem Bauernhof verdonnert wird, lehnt er selbst die Nähe des Hundes, der seine Hand abschlecken will, ab: Sein Speichel sei unrein. Der scheue Kuss der gleichaltrigen Tochter des Bauern verwirrt ihn endgültig.

Empathisch, aber wertungsfrei zeigen die Dardennes – langjährige Meister bedrückender Sozialstudien – die aus den Fugen geratene Welt eines Heranwachsenden, der am Ende von seiner Adoleszenz und seinem Irrglauben völlig überfordert ist. Dass das Ganze kein gutes Ende nehmen kann, ist von Anbeginn klar.

Gebannt und teils angewidert verfolgt der Kinozuschauer die Taten des jungen Fanatikers, ohne etwas über die Hintergründe seiner Fanatisierung, seine Familienverhältnisse, seine Sozialisierung zu erfahren. Das ist auch ein Vorwurf, den man den Filmemachern machen könnte – dass sie nur ja kein Mitgefühl aufkommen lassen wollen, sich stets als pure Chronisten zeitgeistiger Sozialphänomene sehen.

In Cannes erhielten sie im Vorjahr für „Le jeune Ahmed“ den Regiepreis, nachdem sie 1999 für „Rosetta“ und 2005 für „L’Enfant“ die Goldene Palme gewonnen hatten. Dieser ist nicht ihr bester Film, aber immer noch große Klasse.

INFO: Das Wiener Stadtkino zeigt noch bis 24. September eine Filmschau der Dardenne-Brüder unter dem Titel „Am Puls der Gegenwart“

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