War der Superamerikaner, den Gregory Peck 1962 in "To Kill A Mocking Bird" spielte, denn eine Lüge gewesen?

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Neu entdeckter Harper Lee-Roman irritiert Amerikaner
07/15/2015

Neu entdeckter Harper Lee-Roman irritiert Amerikaner

Der Vorläufer des amerikanischen Klassikers "Wer die Nachtigall stört" ist irritierend, aber ehrlicher.

von Peter Pisa

Beim Buchhändler von Monroeville waren 7000 Vorbestellungen eingelangt. Das ist beachtlich für das Städtchen in Alabama mit 6500 Einwohnern.

Es gibt halt Leute von auswärts, die wollen den am Dienstag in den USA veröffentlichten Roman direkt an jenem Ort kaufen, wo Harper Lee seit 89 Jahren lebt: Wo sie das Lieblingsbuch der Amerikaner geschrieben hat. Wo "To Kill A Mockingbird" bzw. "Wer die Nachtigall stört" spielt.

Gut 30 Millionen Exemplare wurden seit 1960 verkauft, und für seine Rolle im Film bekam Gregory Peck 1962 den Oscar.

Symbol

Er war Anwalt Atticus Finch – mutig, auch wenn er von Anfang an weiß, dass er verlieren wird: In den 1930ern gab es in den Südstaaten überhaupt keine Gleichbehandlung. Der zu Unrecht wegen Vergewaltigung angeklagte Schwarze, den Finch verteidigt, durfte demnach nicht freigesprochen werden …

Und Finch/Peck sprach: "Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen."

Ein moralisches Symbol.

Aber seit Dienstag ist bekannt: Er ist Mitglied des Ku-Klux-Klan. Er hält Afroamerikaner für rückständig und für unfähig, Bürger zu sein.

Im Internet gab es sofort einen Aufschrei: Das geht doch nicht, das ist ja, als würde Santa Claus sein Rentier verprügeln!

Bilder vom Ansturm auf Harper Lees zweites Buch

A large crowd gathers to buy "Go Set A Watchman" a

A large crowd gathers to buy "Go Set A Watchman" a

Julia Stroud is the first in line to buy "Go Set A

Owner Spencer Madrie pops champagne before opening

A birdhouse sits near the town square in the homet…

Eric Richardson

Gregory Peck

File photo of U.S. President George W. Bush awardi

Harper Lee

USA HARPER LEE BOOK RELEASE

Julia Stroud

Eric Richardson portraying Atticus Finch performs

Judy May

Hassreden

"Go Set A Watchman" bzw. "Gehe hin, stelle einen Wächter" klingt wie die Fortsetzung von der " Nachtigall".

Aber der Roman ist die Vorstufe. Der erste Versuch der damals 31-jährigen Harper Lee, von Atticus Finch und seiner achtjährigen Tochter Jean Louise, genannt Scout, zu erzählen.

"Dort" ist Finch 72 und hat Arthritis. Er geht oft in die Kirche. Seine Freunde halten Hassreden (die an zwei Stellen ausführlich wiedergegeben werden), er schweigt.

Das wäre keine gute Rolle für Gregory Peck gewesen.

Und es wurde damals, 1957, kein Buch daraus: Verleger lehnten das Manuskript ab, mit der richtigen Begründung, es sei zu anekdotisch.

Harper Lee – einstige Spielgefährtin von Truman Capote – lebt seit einem Schlaganfall vor acht Jahren im Heim. Ihre rechtliche Beraterin hat das Manuskript angeblich zufällig gefunden.

Und angeblich hat die Schriftstellerin gar nichts gegen die Veröffentlichung gehabt.

"Angeblich" ist ein wichtiges Wort im Zusammenhang mit dem neuen, alten Roman. Vieles bleibt im Dunkeln.

Auch der harte Weg von der einen Version zum überarbeiteten, so andersartigen Roman lässt rätseln. Wer half? (Auch an Truman Capote, der in beiden Büchern als Exzentriker namens Dill vorkommt, wird gedacht.)

Es ist seltsam und verwirrend, wenn sich über das von Gregory Peck geprägte große Bild plötzlich ein hässlicheres schiebt.

"Wer die Nachtigall stört" hat in so vielen Köpfen einen schönen Platz bekommen. Muss der supergute Atticus Finch jetzt Rassist sein? Es gibt genug andere Rassisten!

Schon, schon, aber "Go Set A Watchman" ist ein ehrlicheres Bild, auf das wir jetzt schauen können.

"Scheißkerl"

Tochter Jean Louise geht auf die 30 zu und kehrt aus New York zurück ins unmenschliche Monroeville.

Sie ist überzeugt: "Jeder Mensch auf dieser Welt wurde mit Hoffnung im Herzen geboren."

Atticus Finch ist überzeugt: Die Zeit sei noch nicht reif, dass Schwarze und Weiße gemeinsam in die Schule gehen, gemeinsam im Bus sitzen, gemeinsam im Spital liegen ...

Jean Louise ist über ihren Daddy, der doch ein so kluger Mann ist, schockiert. Der Roman hat seinen Höhepunkt, wenn sie ihn mit Hitler vergleicht und ihn "Scheißkerl" nennt. (Später umarmt sie ihn, und er ist stolz auf sie.)

Sonst geschieht gar nicht viel. Man redet über die immer niedriger werdenden Autos und über ein weißes Kleid mit Puffärmeln.

Die deutsche Übersetzung erscheint am Freitag.

Harper Lee: „Wer die Nachtigall stört“

KURIER-Wertung:

Harper Lee: „Gehe hin, stelle einen Wächter“

KURIER-Wertung:

Ansturm auf Harper Lees Buch

Mehr als 50 Jahre nach dem Welterfolg "Wer die Nachtigall stört" ist in den USA der mit Spannung erwartete zweite Roman der Pulitzer-Preisträgerin Harper Lee (89) erschienen. Vor zahlreichen Buchhandlungen bildeten sich schon am frühen Dienstagmorgen Schlangen von Menschen, die "Go set a Watchman" ("Gehe hin, stelle einen Wächter") kaufen wollten.

Lee hatte "Gehe hin, stelle einen Wächter" bereits vor "Wer die Nachtigall stört" geschrieben. Das lange verloren geglaubte Manuskript war aber erst vor kurzem wiederentdeckt worden. Das Buch, dessen Veröffentlichung die New York Times als "eines der größten Ereignisse im Verlagswesen seit Jahrzehnten" gefeiert hatte, erscheint in den USA mit einer enormen Startauflage von zwei Millionen Exemplaren. Im deutschsprachigen Raum erscheint der Roman mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren.(apa)

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