Nelly Sachs im Hamakom: „Und es geschieht auf dieser Erde“
Wie das Unsagbare in Worte fassen? Der Gedichtzyklus „In den Wohnungen des Todes“ (1947) ist eine der ersten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust. Die spätere Literaturnobelpreisträgerin Nelly Sachs schreibt von der Ermordung von Juden im NS-Vernichtungslager Auschwitz und führt imaginäre Dialoge mit den Getöteten.
Sachs ist nicht so bekannt wie ihr Zeitgenosse Paul Celan. Seine „Todesfuge“ ist verwandt mit Sachs’ Texten, die auch an die Lyrikerin Rose Ausländer erinnern. Sachs’ Schaffen ist geprägt von den Erfahrungen der eigenen Verfolgung als Jüdin und den persönlichen Verlusten, aber auch von der Fassungslosigkeit angesichts der Massenvernichtung.
Wie bringt man so etwas auf die Bühne? „An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt“ heißt das am Donnerstag im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführte Stück, das Sachs’ Schaffen andeutungsweise umfassend zeigt. Ein Titel, so sperrig und zugleich so eindringlich wie das Stück selbst.
Der Abend basiert auf Gedichten, Briefen und Dramen der deutsch-jüdischen Schriftstellerin, die 1891 in Berlin geboren wurde und 1940 mit ihrer Mutter nach Schweden emigrierte. Ein Musiker (Lukas Lauermann), eine Schauspielerin (Dagna Litzenberger-Vinet), eine Tänzerin (Adi Hanan) und eine Puppenspielerin (Almut Schäfer-Kubelka) begeben sich auf die Spur von Sachs’ Leben und Werk. Von Flucht, Bedrohung und Tod ist die Rede, aber auch von Liebe und Sehnsucht nach Frieden. Am Ende werden Blumen gepflanzt. Doch die Hoffnung auf Heilung ist begrenzt. Denn immer wieder ist da dieser Satz: „Und das geschieht auf dieser Erde.“
Atemberaubend
Unter der Regie von Ingrid Lang, die auch die Texte ausgewählt hat, entsteht eine beeindruckende Performance. Nelly Sachs hat eine Sprache dafür gefunden, was Jüdinnen und Juden während der Nazizeit an Flucht, Exil und Tod ertragen mussten.
Dem Hamakom gelingt es, diese Sprache in verschiedenen Disziplinen auf die Bühne zu bringen. Die interdisziplinären Ausdrucksformen, allen voran die atemberaubende Körpersprache der Tänzerin Adi Hanan, ergeben Sinn: Tanz war Sachs’ erste Ausdrucksform, noch vor dem Schreiben. Auch Puppen, die man dieser Tage oft sieht, kommen bei ihr bereits vor. Sie träumte von einer Art Kulttheater, wo die Künste sich verbinden sollten. Das tun sie nun im Hamakom auf auf sehr eindrucksvolle Weise. Dass die Musik zeitweise die Konzentration auf den Text erschwert, muss man hinnehmen. Einfach ist hier gar nichts. Man sollte sich auf diesen herausfordernden Abend einlassen.