Navid Kermani: "Ich befürchte, dass das Regime noch härter gegen die eigene Bevölkerung vorgehen wird.“

Der deutsch-iranische Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani über das mögliche Ende des liberalen Westens, die Anziehungskraft der Rechten auf die Jugend und seine Gedanken zum Irankrieg.
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Sommer 2024: Die globale Entwicklung ist besorgniserregend. Kriege rücken näher. Ukraine, Gaza und Sudan. In den USA steht der Wahlsieg Donald Trumps bevor. Navid Kermanis Roman „Sommer 2024“ ist eine Bestandsaufnahme einer Zeit, in der sich gerade Vieles verschiebt. Alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Auch dem Westen könnte das Ende der liberalen Demokratien bevorstehen. Ein Ich-Erzähler namens Navid, Schriftsteller wie Autor Navid Kermani selbst, berichtet vom Freitod eines alten Bekannten.

Der Galerist Rudolf, der jüdische Nachkomme von Holocaust-Opfern, hatte zuletzt Sympathien für die AfD geäußert. Dabei hielt er sich immer für einen Linken. Der Ich-Erzähler, der das Gerede seines immer mehr nach rechts rutschendem alten Freundes kaum aushält, will auf der „richtigen“ Seite bleiben. Und fragt sich dennoch manchmal, ob nicht nur die Welt, sondern auch er sich verändert hat. „Heute bin ich hoffentlich noch kein Reaktionär, wie Rudolf in den letzten Jahren einer wurde, gleichwohl halte ich Begriffe wie Diversität, Augenhöhe und Achtsamkeit kaum mehr aus, seitdem selbst die Werbung uns damit einlullt.“

Rhetorik der Aufsässigen

Befinden wir uns im Endstadium des liberalen Zeitalters? „Zumindest ist diese Stimmung da, und mein Buch ist vielleicht selbst Ausdruck davon. Das bedeutet nicht, dass der Westen objektiv auf ein Ende zuläuft, das wissen wir noch nicht“, sagt Navid Kermani im Gespräch mit dem KURIER. Und doch: In dieser krisenhaften Zeit scheinen sich viele Koordinaten verschoben zu haben. „Es fällt auf, dass die Rhetorik des Aufsässigen heute gerade von denen vertreten wird, die sehr viel Geld und Macht besitzen. Denken Sie an Peter Thiel oder Elon Musk. Gerade letzterer tritt in der Pose des Rebellen auf, hält sich schon äußerlich nicht an Konventionen, ist aber der mit Abstand reichste Mensch der Welt und steht für ein sehr rechtes Weltbild. Das Attribut konservativ, das wir früher mit der politischen Rechten assoziierten, trifft hier überhaupt nicht mehr zu. Das sind nur zwei Beispiele dafür, dass die Koordinaten, mit denen wir aufgewachsen sind, nicht mehr zu stimmen scheinen.“

Was sie attraktiv macht

Auch in Deutschland und Österreich sei diese Tendenz zu beobachten „Ob in der Pandemie oder im Ukrainekrieg: Die deutschen Grünen, die aus einer Bewegung hervorgegangen sind, die den Staat als Feindbild sah, treten heute betont staatstragend auf. Während die Rechten im Gegensatz zu früher heute gegen das aufzubegehren scheinen, was vom Staat vermittelt wird, gegen den öffentlichen Rundfunk und die etablierten Medien. Das macht auch ihre Attraktivität aus, weil besonders junge Menschen oft gegen etwas sein möchten. Der Kampf gegen das sogenannte Establishment ist heute Teil der Rhetorik Donald Trumps und der Rechten in Europa. Früher war dieser Kampf der grün-alternativen Friedensbewegung vorbehalten. Heute ist sie als Generation, die in den Institutionen und Ämtern angekommen ist, Teil des Establishments und gibt Verhaltensregeln vor, gegen die andere aufbegehren.“

Viele Menschen ließen sich immer weniger in ein Weltbild von links und rechts einordnen. „In den USA haben auffallend viele, die zuvor Obama gewählt haben, in der darauffolgenden Wahl Donald Trump gewählt. Das zeigt, dass es nicht einfach Rassisten sind. Sowohl bei Obama als auch bei Trump ging es vielen Wählern darum, sich gegen das wirkliche oder angebliche Establishment zu stellen.“

Alte Gewissheiten

In einer Welt, die aus den Fugen geraten ist und in der alte Gewissheiten nicht mehr zählen, beschäftigt sich Kermanis Ich-Erzähler mit den Romanen von Thomas Mann. Welchen Stellenwert hat Literatur in dieser krisenhaften Zeit? „Gerade dann, wenn die Zeitungen von Nachrichten zu bersten scheinen, bekomme ich einen viel besseren Überblick über die Welt, wenn ich gute Romane lese. Die Romane von Thomas Mann zum Beispiel, sie sind über ihre Zeit hinaus gültig und helfen mir, das Hier und Jetzt zu begreifen. Gerade weil sie, anders als Zeitungen, über das Hier und Jetzt hinausdenken und es in seiner Vergänglichkeit beschreiben, helfen sie mir, es zu begreifen. Literatur ist für mich das Medium schlechthin, um die Welt zu erfahren.“

Hoffnung für den Iran?

Ob der Schriftsteller und Orientalist, der iranische Wurzeln hat, im aktuellen Iran-Krieg Hoffnung für die Menschen sieht? „Ich war bis vergangenen Sommer ziemlich hoffnungsfroh. Die Protestbewegungen wurden immer größer, die Menschen haben die Gebote der Islamischen Republik nicht mehr akzeptiert, die Frauen haben das Kopftuchgebot gebrochen, die Islamische Republik fand kein Mittel, sich gegen die eigene Bevölkerung zu wehren. Doch schon der 12-Tage-Krieg hat zu einer unglaublichen Brutalisierung des Regimes geführt. Dann kam das Massaker vom 8. und 9. Januar mit vermutlich 30.000 Toten innerhalb von zwei Tagen. Jeder kennt jemanden, der dort umgekommen ist. Die meisten Iraner wünschen sich nichts mehr, als dass dieses Land endlich die Freiheit erlangt, für die es so mutig kämpft und dass es dieses Regime loswird, das die Menschen zerdrückt, die eigene Bevölkerung erschießt und das Land in Grund und Boden gewirtschaftet hat. Aber ich bezweifle, dass dieser Krieg mit der Befreiung enden wird. Ich befürchte, dass das Regime, wenn dieser Krieg aufhören wird, zwar geschwächt sein wird, aber umso härter gegen die eigene Bevölkerung vorgehen wird.“

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„Sommer 24“. Hanser
160 Seiten
24,95 Euro