Georg Baselitz 1938-2026: Maler als Widerborst und Weltstar

Der Künstler, der mit auf dem Kopf stehenden Motiven bekannt wurde und die Malerei seit den 1960er-Jahren prägte, starb 88-jährig.
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Vor Kurzem war Georg Baselitz noch zu einer Ausstellung im Salzburger Museum der Moderne gekommen und hatte der Institution eines seiner Bilder geschenkt. Am Rande der Venedig-Biennale hätte er kommende Woche noch eine Schau eröffnen sollen: Bis zuletzt arbeitete der Maler, der seit 2015 auch die österreichische Staatsbürgerschaft besaß, an seinem Bildprogramm.

Auf einen Rollator angewiesen, hatte er sein Altern auch bildnerisch thematisiert – stillgehalten hatte er nicht. Was bleibt, ist das Werk eines „Malerfürsten“, der oft aneckte, sich manchmal mit Macho-Aussagen selbst ins Eck stellte, aber zweifellos zu den zentralen Künstlern der jüngeren Vergangenheit zählte.

Ein Querkopf

Eigentlich hieß Baselitz Hans-Georg Kern – den Künstlernamen nahm er 1961 an, in Anlehnung an Deutschbaselitz im Bundesland Sachsen, wo er 1938 zur Welt gekommen war. Von der Zerstörung und der Belastung der deutschen Geschichte durch die NS-Zeit geprägt, gehörte er zu einer Generation, die sich abgrenzen wollte und nach einem Neuanfang strebte. 

In seinen Anfangstagen malte Baselitz wild und ungestüm – und provozierte 1963 mit dem Werk „Die große Nacht im Eimer“, das einen onanierenden Buben zeigte, einen Skandal. Die Aufregung kam freilich nicht ganz ungelegen – Baselitz sollte seine Rolle als Reibebaum später noch genüsslich zelebrieren.

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Hinter dem Provokateur stand freilich ein Künstler, der sich intensiv mit dem Wesen und der Geschichte von Bildern auseinandersetzte. In der Beschäftigung mit Diskursen der Nachkriegszeit, die sich unter anderem um die Frage drehten, ob man nach Krieg und Holocaust noch gegenständlich malen dürfe bzw. könne, kam Baselitz auf eine Idee, die zu seinem Markenzeichen werden sollte: Beginnend mit dem Werk „Der Wald auf dem Kopf“ (1969) malte er Motive verkehrt herum und enthob sie damit der Darstellungsfunktion, sie wurden „abstrakt“. 

Mit diesem Vorwand konnte sich Baselitz Formen nähern, die ihm manchmal als deutschtümelnd ausgelegt wurden – eben dem „deutschen“ Wald oder dem Adler als Wappentier. Ein solcher, als „Fingermalerei“ ausgeführt, hing ab 1998 im Büro des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder.

'Georg Baselitz. Paintings 2014-2025. Something Everywhere' exhibition to open in Bilbao

Ein Aufsteiger

Zu jener Zeit war Baselitz längst nicht mehr der Bürgerschreck, sondern Liebling der – unter anderem von Schröder verkörperten – Elite, die in seiner Generation zu Wohlstand gekommen war. Seine Formate wurden größer, seine Motive begannen sich in mehrfacher Hinsicht um sich selbst zu drehen: In „Remix“-Serien verarbeitete der Maler seine eigenen Werke, erprobte Positiv-negativ-Umkehrungen oder Verdopplungen, und auch die Umkehrung wurde in Richtung einer Spiegelung entlang mehrerer Achsen erweitert. 

Als Gegenüber erwies sich dabei immer wieder Baselitz’ Frau Elke, die der Künstler 1972 geheiratet hatte und die ihm sein liebstes Modell war. Im Rollenverständnis blieb Baselitz traditionell: Die Aussage „Frauen malen nicht so gut“, 2013 in einem Spiegel-Interview getätigt, hing ihm lange nach.

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Ein Erfolgsmodell

Baselitz’ unermüdliche Bildproduktion harmonierte aber mit dem Appetit von Sammlern und mit dem Aufstieg einiger Galerien zu globalen Unternehmen: Neben Thaddäus Ropac, der Baselitz’ Reputation unermüdlich hochhielt, platzierte der Branchengigant Gagosian die Bilder in US-Sammlungen.

„Zu viele Menschen haben zu viel Geld für seine Bilder gezahlt“, monierte die Washington Post 2018 anlässlich einer Retrospektive in der US-Hauptstadt und nannte Baselitz „überschätzt“. Als der Meister dann 2023 das Wiener KHM bespielte – die Alten Meister mussten zur Seite rücken – sah es ein wenig nach Selbstüberschätzung aus. 

Der Künstler, der auch Skulpturen mit der Motorsäge fräste, stand allerdings auf solider Basis: Georg Baselitz hatte die Kunstgeschichte längst nicht nur verinnerlicht, sondern sich auch selbst in diese eingeschrieben, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln.

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