Ausstellungen: In Salzburg ist Frühling der neue Herbst
Der Abdruck eines menschlichen Körpers auf einem Tuch steht am Ursprung zahlreicher Bildtheorien: Das Turiner Grabtuch oder die Legende vom Schweißtuch der Veronika gelten Gläubigen als Beleg dafür, dass Gott in Jesus einen Körper hatte. Doch die legendenumwobenen Abdrücke stellen auch die Frage nach der Beweiskraft von Bildern generell.
Im Museum der Moderne am Salzburger Mönchsberg fällt es schwer, nicht an das Turiner Tuch zu denken. Denn im Gemälde „Weißes Bett“ hat Georg Baselitz ein Tuch über einer schemenhaft gemalten Figur appliziert. Die Farbe wurde ihrerseits abgeklatscht – das Bild ist also auch ein Abdruck, die Pinsel-Handschrift des Künstlers ist verwischt.
Georg Baselitz, 88, hat das 2022 gemalte Bild nun überraschend dem Salzburger Museum geschenkt: Eine Geste der Verbundenheit des Künstlers, der einen Salzburger Wohnsitz und seit 2015 die österreichische Staatsbürgerschaft besitzt. Im Sommer wird es eine weitere Baselitz-Schau mit frühen Zeichnungen im Rupertinum geben.
Müde, aber wach
Die Schau „Baselitz jetzt“ (bis 18. 10.) fokussiert nun auf das Werk ab 2015. Anders als die breitbeinige Präsentation des Malerfürsten im Wiener KHM 2023 zeigt die Ausstellung an dunkelgrauen Wänden viel Fragilität, ja Morbidität: Neben dem „Weißen Bett“ zeugt der an der Stirnwand kopfüber gehängte Adler (Titel: „Ich kann kein Sex“) von Müdigkeit, als Motiv taucht das Gehgestell auf, auf das der Maler seit einiger Zeit angewiesen ist.
Es wäre freilich nicht Baselitz, wenn er in seinem Feld nicht agil bleiben und Finten einbauen würde: Verdopplungen wie bei Rorschachtests, Negativ-Positiv-Umkehrungen, röntgenartige Durchleuchtungen sind längst Teil seines Repertoires.
Das Markenzeichen, Motive auf den Kopf zu stellen, hat sich entwickelt: Bilder werden entlang aller Achsen gespiegelt, sie rotieren – und legen falsche Fährten: Wenn das „Weiße Bett“ auf dem Kopf steht, ist das Tuch weniger Leichen- als Leintuch, und die Figur ist gerade dabei aufzustehen.
Ein Geschenk
Auch wenn Museumschef Harald Krejci betont, dass die Schau auf seiner Initiative beruht, tritt Baselitz’ Salzburger Galerie Thaddaeus Ropac als Förderer auf: Das unvermeidbare „Gschmäckle“ eines kommerziellen Nebeneffekts wird durch die Qualität der Schau, aber auch durch die Schenkung etwas relativiert.
Ropac, dem man seinen Erfolg kaum zum Vorwurf machen kann, zeigt am Mirabellplatz ebenfalls Spätwerke: Die Serie „Black Roses“ des heute 98-jährigen US-Malers Alex Katz (bis 16. 5.) reduziert Blumen auf schemenhafte, fast monochrome Umrisse: Man denkt an Nachbilder und an die Scherenschnitte des greisen Henri Matisse. Zugleich schließt sich ein Kreis zum Abstrakten Expressionismus, von dem sich Katz einst mit seinen gegenständlichen Bildern abgrenzte.
Dazu präsentiert Ropac noch Bronzeskulpturen aus den letzten Lebensjahren von Joan Miró (1893–1983). Aus Alltagsdingen aufgetürmte Figuren und Tonklötze, in die der Künstler grob hineinschnitzte, sind hier in dauerhafter Form abgegossen: Die Melancholie, die diesen Monumenten eines Lebens innewohnt, lässt sich nicht wirklich ausblenden.
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