Wohl aus den 1940er-Jahren: Ausschneidebogen „Tankstelle“ vom Alleskleber UHU 

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Kultur
05/07/2019

"Mythos Tankstelle": Das Beisl der Benzinbrüder

Das Volkskundemuseum Graz widmet sich liebevoll der Tankstelle - als Ort der Kommunikation und des Konsums

In „Junger Mann“ von Wolf Haas, letztes Jahr veröffentlicht, jobbt ein Gymnasiast im Sommer 1973 an einer Tankstelle: Er ist bestrebt, einen eleganten Betrag „hinzutanken“, also eine gerade Schillingsumme, und will „am Zerquetschungsgrad der Wespen und Fliegen auf den Windschutzscheiben“ die Fahrer typologisieren können. Haas macht einen sentimental. Damals gab es, aufgrund der Ölkrise, den autofreien Tag. Damals verpesteten die Puch Mopeds mit Zweitaktgemisch die Luft. Damals kontrollierte der Tankwart den Ölstand – und er füllte das Wasser in der Batterie nach. Und damals gab es Mobil, Aral, Total und Esso: Pack den Tiger in den Tank!

Der Ansatz von Helmut Eberhart, im Grazer Volkskundemuseum bis 6. Jänner 2020 eine Schau über die Tankstelle als mythischen Ort zusammenzustellen, ist aber ein anderer: Dem Kulturanthropologen war aufgefallen, dass sich die Tankstelle zu einem multifunktionalen Ort entwickelt hatte; sie ist auch Supermarkt wie Stammbeisl. Kommunikation und Konsum bestimmen daher die Architektur des Masterstudienlehrgangs Ausstellungsdesign, die im hinteren Teil einem Tankstellenshop nachempfunden ist. Es gibt u. a. eine Eistruhe, gefüllt mit Werbeartikeln vom Schlüsselanhänger bis zum Reifenprofilmesser. Eine Regalwand führt vor Augen, wie sich das Warenangebot im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Und am Stehtisch kann man besondere Tankstellenerlebnisse teilen.

Zunächst geht Helmut Eberhart recht chronologisch vor. Er erwähnt zwar, dass die erste Zapfsäule mit Schlauch und Pumpe 1907 in Seattle installiert wurde, beginnt seine Erzählung aber 1888 in Deutschland: Carl Benz habe seinen Motorwagen wegen des Lärms und Gestanks nicht in der Öffentlichkeit erproben dürfen. Seine Frau habe jedoch die Vorschriften ignoriert – und sich mit ihren zwei Söhnen auf die 100 Kilometer lange Fahrt von Mannheim nach Pforzheim gemacht. Unterwegs sei der Treibstoff ausgegangen – und so habe sie in der Apotheke von Wiesloch die Bestände des als Waschbenzin erhältlichen Ligroins gekauft.

Blasenfrei zapfen!

Illustriert wird diese Anekdote über die allererste Tankstelle Deutschlands mit einem Nachbau des Benz Patent-Motorwagen Nr. 1; die Ausfahrt machte Bertha Benz allerdings, wie man im Kleingedruckten lesen kann, erst mit dem Nachfolgemodell.

Die erste heimische „Benzinabgabestelle“ wurde 1924 auf dem Grazer Jakominiplatz eröffnet. Gegen einen Ausbau protestierten die Bürger zwei Jahre später erfolgreich. Die Tankstelle existierte noch im Winter 1947/’48, wie man auf einem Gemälde von Johanna Straff erkennen kann – inmitten „nachkriegszeitlicher Trümmer“.

Aufgrund des beschränkten Raums kann manch interessantes Thema nur angerissen werden. Zum Beispiel: Entlang der Reichsautobahnen wurden bis 1939 Tankstellen nach US-Vorbild mit weit auskragenden Vordächern errichtet; erst danach schwenkte das NS-Regime zum „Heimatstil“ (Häuser mit Giebeldach) über.

Die Tankstelle, oft futuristisch designt, wurde zum Faszinosum: In der liebevoll zusammengetragenen Schau sieht man jede Menge Spielzeug (Lego-Bausätze, UHU-Ausschneidebogen) sowie Beispiele für den Einfluss auf den Film („Die Drei von der Tankstelle“) und die Kunst. Ed Ruschas legendäres Buch „Twentysix Gasoline Stations“ (1969) wird um die Fotoserien „Twentysix Abandoned Gasoline Stations“ (2008) von Eric Tabucchi und „Sechsundzwanzig Grazer Tankstellen bei Nacht“ von Philip Schütz ergänzt. Das großartig sentimentale Bild „Gas“ (1940) von Edward Hopper – ein Tankwart bei einer Zapfsäule im Nirgendwo – ist natürlich nur in einer Reproduktion zu sehen.