Seiler & Speer: Sind die Vorwürfe das Ende der Band?
Spätestens im August ist alles wieder gut.
Davon geht zumindest das Management von Seiler & Speer aus. Die nächsten drei Konzerte des erfolgreichen Austropopduos wurden verschoben, zwei in den Dezember, das dritte aber eben bereits in den August.
Ist im August wirklich alles wieder gut? Immerhin wird gegen Christopher Seiler derzeit ermittelt. Der Sänger, für den die Unschuldsvermutung gilt, hat sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Eine Frau hat Anzeige erstattet, was sie ihm genau vorwirft, ist nur indirekt aus Medienberichten bekannt.
Seiler selbst hat seine Sicht dargelegt – und die allein stellt, mal wieder, die Frage neu, was das Poppublikum seinen Stars zu vergeben bereit ist. Schließlich sagte der 39-Jährige selbst auf Instagram, dass sein Vorgehen nicht entschuldbar sei: „Man geht zu keiner Person, egal in welchem Zustand, egal wie illuminiert man ist, nimmt’s so und schmiert ihr dann Kokain auf die Lippen.“ Die Strafe gehöre ihm. Gewaltanwendung oder einen sexuellen Übergriff bestreitet er.
Steile Karriere
Die Popbranche ist, zurecht, in Aufruhr. Diese Affäre betrifft nicht irgendwen, sondern einen der erfolgreichsten Acts des Landes. Soeben erhielt das Duo den Amadeus Awards als Live-Band für den Auftritt im Happel-Stadion 2025.
Und auch das Schaffen von Seiler & Speer selbst spielt hier eine Rolle – geht es hierin doch eben um Formen der Männlichkeit. Die Mundartsongs des Duos sind oft satirisch oder humoristisch. Diesen Bonus hat man sich bemüht, auch ihrem Männerbild zuzugestehen. Die Band hat sich immer klar als weltoffen positioniert, hat etwa beim Konzert für Asylsuchende am Heldenplatz mitgespielt. Sie wird jedoch durchaus eingemeindet in eine popkulturelle Rückkehr zum Hiesigen – und auch zu jener Feierabendbier-Renitenz, die mit gesellschaftlichen Weiterentwicklungen fremdelt. Das spiegelt sich in Texten nieder, die durchaus klassische Männerbilder nachzeichnen.
Dies wird andererseits begleitet von einer gewissen Reflexionsfreude, das Duo fand mehrfach offene Worte über den Umgang mit Alkohol oder eben auch ihr eigenes Männerbild. Seiler zeigt sich nun auch auf eine Art reuig, die wenige andere Männer in dieser Situation hinbekommen – oftmals streiten die nämlich jede Verantwortung ab.
Sein Verhalten habe in unserer Gesellschaft „nichts zu tun“, sagt er. „Das hat mit Menschlichkeit nichts zu tun, mit Vorbild-Sein überhaupt nichts zu tun.“ Und weiter: „Tut es mir leid vom Herzen? Absolut. Tut es mir leid um die Person, die es betrifft? Absolut.“
Was verzeihen die Fans?
Genau diese Gratwanderung zwischen dem eindimensionalen Machobild und dem reflektierte(re)n Mann, die das Image von Seiler & Speer bestimmte, wirft nun eben eine Frage auf, die über den Vorfall und seine gerichtliche Klärung hinausgeht – wie nämlich die Fans reagieren werden. Die verzeihen im Großen und Ganzen mehr, als man denken sollte. Das sieht man etwa bei Rammstein, die durch eine Affäre rund um den Umgang mit jungen, weiblichen Fans in die Negativschlagzeilen gerieten. Viele Fans zeigten sich jedoch weitestgehend ungerührt. Auch andere Acts haben, siehe unten, den Weg zurückgefunden.
Die Unterhaltungsbranche hat ihre eigenen Gesetze – und eines davon ist, dass das Publikum (fast) alles verzeiht.
Beispiele gibt es zuhauf. Da wäre etwa Xavier Naidoo („Dieser Weg“). Lange Zeit war der Soulpopsänger mit Aussagen aufgefallen, die ihm Antisemitismus- und Rassismus-Vorwürfe einbrachten. Naidoo trat mit sogenannten Reichsbürgern auf, verbreitete Theorien der QAnon-Verschwörungsideologie, wonach angeblich Kindern in satanischen Ritualen Blut abgezapft werde. Zudem vertrat er in der Vergangenheit die Ansicht, dass die Erde nicht rund sei. und polarisierte mit Äußerungen zur Corona-Pandemie. Ein Entschuldigungsvideo genügte, um das auszubügeln – zumindest fast: Rund um den Jahreswechsel ging er wieder auf Tournee durch volle Hallen, auch in Wien.
Gleich danach aber irritierte er auf einer Demo mit neuerlich höchst zweifelhaften Aussagen: „Wir reden von Menschenfressern“, sagte der 54-Jährige mit Bezug zu den Epstein-Akten. „Wir reden nicht von normalem Sex-Trafficking und jungen Frauen und so. Nee, die fressen unsere Babys.“
Hat er den Bogen nun überspannt? Es steht zu bezweifeln. Wer schon bisher für Lieder wie „Ich kenne nichts“ oder eben „Dieser Weg“ über die Aussagen des Sängers hinweggesehen hat, dürfte dies auch weiter tun.
Auch die Kontroverse um Rammstein – es ging um den Umgang mit jungen weiblichen Fans bei Partys nach den Konzerten – ebbte rasch ab, Anzeigen verliefen im Sand, Medien mussten ihre Berichte teils zurückziehen. Die Band hat seither zwar nicht mehr live gespielt, Sänger Till Lindemann, der im Zentrum der ursprünglichen Vorwürfe stand, ging aber alleine auf Tournee, u. a. auch in die Wiener Stadthalle.
Auch international gibt es Beispiele für verschiedenste Skandale, die weitgehend folgenlos blieben. Chris Brown ist, obwohl er Gewalt gegen Rihanna selbst zugegeben hat, immer noch im Business. Auch Kanye West ist trotz antisemitischer Aussagen und vielen weiteren Kontroversen immer noch ein Star.
In anderen Fällen aber war die Karriere nach Vorwürfen verschiedenster Art vorbei, etwa bei Marilyn Manson oder Ryan Adams. Die Gesetze des Popbusiness sind auch nicht immer leicht zu durchschauen.
Schließlich hält man sich Popstars ja, damit diese Grenzen überschreiten. Dass es hier solche und solche gibt – verstaubte gesellschaftliche Zwänge auf der einen, Übergriffigkeit auf der anderen Seite –, das wird gerne weggewischt. So auch in den durchaus gespaltenen Fanreaktionen auf den Vorfall, der Seiler zur Last gelegt wird. Diese reichen trotz ungeklärter Umstände von plumpen frauenfeindlichen Äußerungen bis zur Enttäuschung darüber, dass das Männlichkeitsbild vielleicht doch nicht so ironisch war wie gedacht.
Beschwert
Also, frei nach dem 2017er-Album von Seiler & Speer: Und weida? Die Bewertungsherausforderung für die Fans ist nun, ob sie die Video-Entschuldigung als Schadensbegrenzung oder als Besserungsgelöbnis einordnen. Oder auch, wie weit das von Seiler Zugegebene allein schon einem unbeschwerten Konzertgenuss in Zukunft entgegensteht. Oder ob man weiter mit dem „bösen Buben“ als Entertainmentvorlage liebäugelt, dem so etwas ja mal passieren kann, wie in Kommentaren gemeint wird.
Ist also im August alles wieder gut? Oder gar im Juni? Am 19. 6. ist das nächste Konzert des Duos angesetzt, in Gloggnitz. Wird es verschoben? Sonst dürfte es auf seine Art eine „schware Partie“ für alle Beteiligten werden.
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