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So war Helene Fischer in Wien: Was für ein riesengroßer Wir-Sinn!

Die allergrößte Menschenzusammenbringerin des deutschen Musikgeschehens schaute in Wien vorbei – und lieferte vor 57.500 Fans eine in vielerlei Hinsicht erstaunliche Show.
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Helene Fischer brauchte in Wien nur ein paar Sekunden, um das ganze Helene-Fischer-Universum aufzufächern.

Im knallroten Kostüm schwebte sie am Drahtseil aus lichter Höhe herab auf die supertolle Superbühne, die sie in die Mitte des Happel-Stadions stellen ließ. Und nein, auch geübte Konzertgeher haben so etwas Aufwendiges noch nicht oft gesehen.

Und noch während sie herniedersauste, begrüßte sie die Fans auf diese freundlich-unverbindliche Flugbegleiterinnenart, die nur Helene Fischer zu etwas ganz Besonderem machen kann. 

Da war sie wieder, die große, die allergrößte Menschenzusammenbringerin des deutschen Musikgeschehens, und Wien war bereit für den riesengroßen Wir-Sinn, der ein Helene-Fischer-Konzert ausmacht.

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Groß sein ist alles

Fischer hat ihre kleine Schlagerheimat längst hinter sich gelassen, und ja, das war auch Thema des Konzerts am Samstagabend: Schließlich galt es, 20 Karrierejahre zu feiern. Sie hat den Kern dieser Unterhaltungsmusik, die in weitesten Teilen vom Effizienzgedanken beseelt ist – wenig Aufwand, viele Einnahmen – bewahrt und zu etwas Gigantischem gemacht: Helene-Fischer-Shows sind keine Konzerte, es sind Liebeserklärungen an die größten Gefühle, und dazu eine riesige Unterhaltungsmaschinerie im Geiste des Zirkus.

So auch bei dieser Tour, vielleicht sogar ganz besonders bei dieser Tour, die zugleich Triumphzug als auch einigermaßen gemischte Retrospektive war: Es gab Hochseilakrobatik und Feuerwerk, Bühnenzauber und einen Helene-Fischer-Thron, es gab Fan-Selfies und einen Reißverschluss, der „vor Freude“ (sagte Fischer!) platzte

Letzterer sollte das zweite, blauglitzernde Kostüm von Fischer am Rücken zusammenhalten, wollte er aber nicht. Nun gut (und dass auf einem Plakat „Helene, du geile Sau“ stand, wie Fischer freudig verlas, hatte damit nichts zu tun).

Das Generalthema Kleidungsfehlfunktion ist uns an diesem Abend noch einmal begegnet, und zwar in Form einer Textzeile, anhand derer man gut darüber nachsinnen konnte, wie lange 20 Jahre Karriere eigentlich sind. „In zerrissenen Jeans um die Häuser ziehen“, singt Fischer in „Mit keinem anderen“, aber ist das derzeit überhaupt in? Seit Veröffentlichung des Songs im Jahr 2013 scheinen Jeans mit vorgefertigten Löchern mindestens zwei Mal out und dann wieder in gewesen zu sein. Man verliert so schnell den Überblick.

Wobei Geschmacksfragen ja eben nicht im Zentrum des Fischerschen Angebots stehen, im Gegenteil. Sie heißt alle ihre Schäfchen gleichermaßen willkommen, streng im Geiste Nirvanas: Kommt, wie ihr seid. Denn Helene Fischer ist jene Bühnenfigur, die uns sagt, dass alles, wirklich alles gut ist, die es schafft, mindestens vier Generationen und zwei Dutzend sozioökonomische Milieus zu einer großen Fangemeinschaft zu machen. Und das ganz ohne jene Ab- und Ausgrenzung, die im Schlager durchaus auch gerne als Marketinginstrument verwendet wird.

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Liebe für alle

Nicht bei Fischer. Sie will ihre große Liebe verteilen, wie sie alsbald ruft, und man hat das schöne Gefühl, es ist ihr egal an wen. Im Gegenzug fördert – und fordert! – sie das Glücklichsein, das, geht es nach den Lyrics, bereits im zweiten Song des Abends, „Unser Tag“, erreicht sein soll.

„Willst du wissen, ob ich glücklich bin, dann frag’“, singt sie da, „ich sage ja“. Ja sagen auch die Fans: Sie sind gekommen, um glücklich zu sein und sich am genussfertigen Gefühlsbüffet zu laben.

Und zwar ohne Bitterstoffe: „Hast Du Träume, die Du nicht erreichen kannst? Gefühle, die Du niemandem zeigen darfst?“, singt Fischer in „Regenbogenfarben“. Na no na net, würde man in der Stadt der Psychoanalyse gerne rufen, aber Derartiges ist im Fischer-Reich verboten. „Die gibt es nicht!“, dekretiert sie. Okay! 

Man schaut also roten Schmetterlingen beim Fliegen zu, und auch Helene Fischer, die in einem berührenden Seilduett über den Köpfen der Fans mit ihrem Mann, dem Akrobaten Thomas Seitel, vor 57.500 Besuchern einen persönlichen, intimen Moment schafft.

 

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Man lauscht, wie Fischer die Schlagworte der Sehnsucht nach Größerem, die uns Menschen abseits des Bürojobs umtreibt, in den Abend hineinmassiert: Es geht um Liebe, die bis ans Ende des Universums reicht, um Unendlichkeit, um die längste Nacht, und wenn es sein muss, auch um Sterne.

Wie schön

Und um ein Wir-Gefühl: „Wir sind“, rief sie ihren Fans zu, „zusammen schon seit so vielen Jahren. Wir sind immer noch wir, schöner könnte dieser Abend nicht sein.“

Wer hier nur eine Mischung aus hohler Gefühlsbehauptung und der Bereitschaft zur Gutgläubigkeit ortet, dürfte aber falschliegen: Man tut gut daran, dieses Gegenangebot zur gezielt eingesetzten Polarisierung nicht gering zu schätzen. Fischer liefert jene Erzählung, zu der sich die demokratischen Regierungen derzeit nicht zusammenraufen können: Je breiter man den Fokus stellt, und, ja, je weniger genau man auf den einzelnen Menschen schaut, desto weniger gibt es, was uns trennt. Man will ja nur lieben, und hin und wieder ein großes Gefühl haben. 

Fischer zeigt: Dieses Gefühl muss nicht Hass oder Zorn sein, das kann auch die Sehnsucht danach sein, noch einmal atemlos durch die Nacht zu ziehen. Beim Wien-Konzert war Atemlosigkeit leicht, weil einfach so viel passierte: Die Bühne klappte ihre Seiten auf und wieder zu, ein roter Tisch wurde nur dazu aufgestellt, dass Fischer darauf tanzen kann, und beim Überhit „Atemlos“ trugen die Tänzerinnen und Tänzer Fischer auf Händen.

Die Bühne, mitten im Publikum, wurde mit großer Geste bespielt. Und wer gerade nicht mitsang oder mitfilmte, konnte mehr glückliche Gesichter sehen, als Wien sonst in einem Jahr zusammenbringt.

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