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„Tosca“ in St. Margarethen: Puccini mit Kanone

Kanonendonner, ein üppiger Altar, mehrere Morde - bei der Premiere gibt es im Steinbruch viel zu schauen. Aber wie steht es um die Substanz? Die Kritik.
Gert Korentschnig
++ HANDOUT ++ OPER IM STEINBRUCH ST. MARGARETHEN: FOTOPROBE " TOSCA" VON GIACOMO PUCCINI

Dass es bei den Opernfestspielen im Steinbruch St. Margarethen einen Hauch von Regietheater zu sehen gibt, ist zumindest überraschend. Tosca stürzt sich am Ende nicht von der Engelsburg, wäre auch schwierig nahe des Neusiedler Sees und weniger nah am Tiber. 

Sie stürzt sich nicht einmal von einem Felsen der beeindruckenden Kulisse. Sie ersticht Scarpia ein zweites Mal (nachdem sie zuvor auch einen seiner Wächter erwürgt hatte, Mehrfachmörderin, saperlott), diesmal mit einem Schwert statt mit einem Messer. Sie verharrt in dieser Position wie ein Drachentöter und wird zu Stein, zur Skulptur als Teil eines opulenten Altarbildes.

Und sonst?

++ HANDOUT ++ OPER IM STEINBRUCH ST. MARGARETHEN: FOTOPROBE " TOSCA" VON GIACOMO PUCCINI

Die Marmorisierung ist nicht der einzige Zugriff von Regisseur und Bühnenbildner Thaddeus Strassberger. Gleich zu Beginn hört man nicht den berühmten hochdramatischen „Tosca“-Auftakt, sondern Orgelklänge (immerhin ebenfalls von Giacomo Puccini), damit währenddessen gleich einmal Heerscharen von religiösen Würdenträgern in Position gebracht werden können. 

Das ist das vielleicht wesentlichste Merkmal dieser sehr ästhetischen Produktion: die Aufladung mit christlicher Symbolik, der Fokus auf die visuelle Kraft katholischer Riten mit Unmengen von kostümierten Geistlichen, sodass man glaubt, der Steinbruch ist eine Art burgenländischer Petersplatz, die zusätzliche Verkirchlichung einer an sich schon stark theologisch aufgeladenen Geschichte.

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Cavaradossi wird im  St. Margarethener Palazzo Farnese an einem Kreuz gequält, sogar Scarpia wird von Tosca nach dem (ersten) Mord so drapiert, als handelte es sich um Jesus.


Man merkt vielleicht schon: Es gibt enorm viel zu schauen bei dieser Puccini-Produktion, die bestimmt enorm viel Publikum anlocken wird. Das Bühnenbild ist irre aufwendig und durchaus spektakulär – schade nur, dass es den ebenso spektakulären Steinbruch stark verdeckt. Man sieht üppigsten italienischen Barock und sogar Herrschaften in Rokoko-Kostümen, die Teil der Tableaux vivants werden. Und außerdem will die Bühne auch die Geschichte miterzählen, indem sie das politische Chaos der damaligen Zeit mit viel Gerümpel darzustellen versucht. Eine gewisse Entrümpelung wäre nicht falsch gewesen, dann hätte es vielleicht mehr Fokus auf das Wesentliche gegeben.

Fernbeziehung

Der ist leider auch in der Personenführung nicht durchgehend gegeben, und das ist das größte Manko an diesem Abend. Da wird die ganze Bühne bespielt, eh grundsätzlich fein und nachvollziehbar, bei einem Kammerspiel wie „Tosca“ (im Prinzip ist diese Oper eine Dreiecksgeschichte mit viel zwischenmenschlicher Komplexität) braucht es in den entscheidenden  Szenen eine Verdichtung, eine Reduzierung, einen Spot auf die Protagonisten. Hier spürt man von der Liebe zwischen der Titelheldin und Cavaradossi wenig, auch weil sie einander aus -zig Metern Entfernung anschmachten.  Mit ihm führt Tosca eine damals noch nicht so beliebte Fernbeziehung, pandemietauglich mit sehr vielen Babyelefanten dazwischen.

Auch das tödliche Duell zwischen ihr und Scarpia findet räumlich distanziert statt. Und besonders schade ist, dass sowohl Scarpia beim „Te deum“, als auch Cavaradossi sein „E lucevan le stelle“ und Tosca ihr „Vissi d’arte“ ganz weit seitlich auf dem Dach eines der vielen Gebäude singen müssen. Die Protagonisten gehören doch dabei ins Zentrum. 

Wahnsinnig aufwendig ist der Altar, der hinter dem Tor zur Kirche Sant’Andrea della Valle liegt und zweimal freigegeben wird: ein weißes, üppigst überladenes Bild, das nahe am Kitsch schrammt.

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Gesungen wird nicht übel, allerdings von der Tonanlage teils seltsam ausgesteuert. Warum Gevorg Hakobyan als Scarpia einen derartigen Hall mitbekommt, erklärt sich höchstens dadurch, dass man ihm mehr Dämonie schenken will, als er sonst in der Stimme hätte. Dabei ist er ein solider Bariton mit einer profunden, linearen, fast mächtigen Stimme.


Yongzhao Yu als Cavaradossi beginnt mit einem bemerkenswerten Tremolo, dass einem da schon angst und bange um ihn wird. Bis zum Finale, bis er erschossen wird (und mit ihm gleich zwei Priester dazu), steigert er sich aber massiv und singt seine große Arie mit schönem Timbre und viel Italianità.


Floria Tosca wird von Joyce El-Khoury gegeben – präzise, mit einigen bemerkenswerten Phrasierungen und einem Hang zur Dramatik. Auch die kleineren Rollen sind adäquat besetzt, der Philharmonia Chor Wien und die Gumpoldskirchner Spatzen machen ihre Sache sehr professionell.


Das klanglich durchaus ansprechende Orchester namens Piedra Festivalorchester wird von Valerio Galli dirigiert, der zu wenig Spannung entwickelt. „Tosca“ im Steinbruch blüht nur ganz selten auf (am schönsten noch im dritten Akt), es fehlt  auch an Kraft und Volumen, die Genialität der Partitur kann man sich gut dazudenken.


Aber es geht ja dort ohnehin mehr ums Schauen als ums Hören. Apropos: Von ganz oben feuert eine alte Kanone mehrfach drauflos, die hört man ordentlich, bis nach Mörbisch.


Insgesamt kann diese „Tosca“ aber durchaus zum Erfolg werden. Sie hat es wesentlich leichter als der „Fliegende Holländer“ im Vorjahr (weil das Werk viel eingängiger ist), aber auch ungleich schwerer (weil der geneigte Besucher musikalische Vergleiche ausblenden muss).

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