Strauss-Jahr: 2,5 Millionen Euro übrig, 400.000 Besucher und "Eifersüchteleien"

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Roland Geyer zieht Bilanz darüber, was geklappt hat, was nicht und was er heute vielleicht anders machen würde.

"Wir werden am Schluss einen erklecklichen Betrag übrig haben“, sagte Roland Geyer, Intendant des Strauss-Jahres 2025, im Oktober dem KURIER. 22 Millionen Euro betrug das Budget. Wie viel davon nun an die Stadt zurückgeht, war damals noch nicht klar.

Nun aber steht es fest, wie Geyer im großen Bilanz-Interview erzählt. Ein Gespräch über Kritik, Eifersucht, Bleibendes und Schnitzel.

KURIER: Wie viel ist denn nun übrig geblieben?

Roland Geyer: Die Zwischenrechnung liegt bei 2,5 Millionen Euro, die an die Stadt zurückfließen. Am 30. 4. wird die Ges.m.b.H. geschlossen, da wird es dann die exakte Zahl geben.

Wie ist das gelungen?

Wir haben einnahmenseitig ein Plus von 1,5 Millionen im Vergleich zur Planung. Und wir haben ausgabenseitig, nicht zur Freude einzelner Künstlerinnen und Künstler, keine königlichen, sondern sträussliche Gagen bezahlt. Als ich das Plus im KURIER angekündigt habe, hab ich gleich zwei Anrufe bekommen.

Kaup-Hasler und Ludwig?

Nein! Von Künstlerinnen und Künstlern, die für ihre Produktion noch 20.000 Euro mehr wollten. Aber es gab nicht mehr. Ganz ehrlich, ich würde es genauso machen.

Jetzt mit ein bisschen zeitlicher Distanz: Würden Sie alles im Strauss-Jahr noch einmal genauso machen?

Es gab kein Jahr im Theater an der Wien, nach dem ich nicht gesagt hätte, dass man einiges hätte anders machen können, künstlerisch besser, wirtschaftlich besser. Natürlich sage ich das auch jetzt.

Und was?

Der Zirkus „Cagliostro“ war am Ende viel erfolgreicher als gedacht. Aber im Vorverkauf waren wir unter Plan. Da habe ich mir schon gedacht, da ist irgendwie der Wurm drin. Wir haben da die Kommunikation nicht optimal hinbekommen.

Also dass das Publikum weiß, was es erwartet?

Ich würde gar nicht einmal Erwartungshaltung sagen. Das Publikum wusste einfach nicht, was das wird. Es war ein Zirkusevent diffundiert mit einer Art Musiktheater. Aber wiederum nicht die Strauss-Operette. So, wie Nesterval das bei „Fürst*in Ninetta“ gemacht haben, da waren am Ende vielleicht 10 Minuten, wenn überhaupt, aus dem Werk. Bei „Cagliostro“ ist nicht optimal gelungen, den Menschen zu vermitteln, was mich daran inspiriert hat. Die Musik des Stücks ist an vielen Stellen erstklassig, an manchen nicht – und sie ist überaus heterogen. Wir haben nicht vermittelt, dass das ein völlig neues Stück wird. Daher waren die ersten Vorstellungen auch nur so zu 90 Prozent voll. Aber dann ging die Mundpropaganda los – und es wurde letztlich das, was auch der Auftrag für das Strauss-Jahr war: Etwas für alle zu bieten.

Etwas „für alle“ lässt sich aber auch schwer kommunizieren – dass sich die Richtigen angesprochen fühlen.

Nach der Premiere ist vor der Premiere – das war im Theater an der Wien schon stressig, aber hier war das noch extremer. Es war oftmals nicht einmal eine Woche zwischen den Premieren, und die Kommunikationsarbeit war wegen der großen Heterogenität eine Herausforderung. Das machte auch viel Spaß und brachte schlussendlich 400.000 Zuschauer.

Gerade bei Strauss ist ja eher immer die Gefahr, dass alles gleich klingt.

Als ich mit der Planung anfing, habe ich anfangs ganz klassische Konzertprogramme geplant. Beim vierten hab ich schon gemerkt ... ja, es gibt 500 verschiedene Werke, aber ob ich die 20 nehme oder andere 20, ist eigentlich dasselbe. Für mich ist das wie der ABBA-Sound: Man weiß sofort, dass es ein Song von denen ist, egal, ob das jetzt „Money Money Money“ oder „Super Trouper“ ist.

Es ist schnell zu viel Strauss.

Die fehlende Breite in dem Oeuvre war mein erstes Aha-Erlebnis. Weil Sie mich das letzte Mal gefragt haben: Ja, ich kann jetzt wieder eher Strauss hören als vor einem Monat. Aber mehr als vier Strauss-Walzer hintereinander halte ich nicht aus. Man isst ja auch nicht vier Schnitzel hintereinander.

Oder Punschkrapfen.

Ja, es war klar: So komme ich nicht durch das Jahr. Da habe ich spätestens im Februar kein Publikum mehr. Daher haben wir uns zehn verschiedenen Genres gesucht und dann mit Kreativen zusammen Projekte entwickelt. Deswegen gab es 95 Uraufführungen. Wir haben als Katalysator gearbeitet. Wir wollten nicht Neujahrskonzerte für die Menschen vor dem TV-Schirm machen, sondern Programm für alle. Und da mussten wir oftmals von Null anfangen, weil es vieles so vorher noch nie gegeben hatte.

Roland Geyer.

Nun ist ja Wien so wie es ist, und wenn man sehr verschiedene Szenen – Klassik, Pop, Performance, Theater ... – zusammenbringt, dann findet sich nicht nur für jeden etwas, sondern ...

... für viele Nichts.

Und dann sind da sehr schnell jene Art von Eifersüchteleien, die nun auch das Strauss-Jahr begleitet haben.

Ja, das war vielleicht eine der unangenehmsten oder unerwartetsten Erlebnisse für mich. Ich war erfolgsverwöhnt – von der Außenwirkung, die das Theater in der Wien hat. Alle waren einig, dass das Theater an der Wien als Opernhaus erhalten gehört. Und egal, ob die einzelnen Produktionen jetzt gut oder schlecht kritisiert worden sind – als Gesamtes wurde das nicht infrage gestellt.

Nicht so beim Strauss-Jahr?

Schon 2024 gab es polemische Kritik an der angeblichen „Geheimniskrämerei“. Aber man muss, wenn man etwas auf den Weg bringt, doch erst mal schauen, ob das funktioniert – und kann nicht im vornherein schon irgendwelches Blabla erzählen. Vielleicht funktioniert das in er Politik so. Und ja, diese Eifersüchteleien sind mir alle begegnet – warum wer wie viel Geld bekommt ...

Auch das Budget selbst wurde kritisiert. Ein Unterschied zum Mozartjahr, das ja der Startschuss für die Opernbespielung im Theater an der Wien war, war jedenfalls, dass nichts gebaut oder permanent aufgestellt wurde.

Diesen Gegenwind hatten wir damals nicht. Ich will das nicht vergleichen. Damals war eben das Glück gewesen, dass dieses Theater als Mozarthaus zur Verfügung stand und ich dort alle Opern spielen konnte.

Da fand dabei auch eine Neubesinnung in der Mozartinterpretation statt, die es in bei Strauss nicht gab, oder?

Stimmt. Dazu war das Programm zu vielfältig, das war nicht der Anspruch. Wir blieben im Spirit von Strauss, es war ein bisschen Spektakel und ein großes Veranstaltungs-Remassuri. Die Wertigkeit, die Mozart zugesprochen wird, ist ja auch prinzipiell viel höher als jene für Strauss. Der gilt immer noch als Walzerkönig, als Tanzkomponist. Das wirklich auszulöschen ist uns nicht gelungen. Wir haben es da und dort ein bisschen verbessert.

Was bleibt also?

Es wäre weniger Arbeit gewesen, wenn wir eine Strauss-Skulptur aufgestellt hätten. Es gab auch schon einen Schriftverkehr mit dem US-Künstler Jeff Koons und auch eine österreichische Option. Aber ich habe das aus verschiedenen Gründen fallen lassen. Vielleicht würde ich heute, wenn ich mich noch einmal an so etwas heransetzen würde, das näher in Betracht ziehen.

Apropos noch einmal heransetzen: Was machen sie denn nun persönlich ab dem 1. Mai?

Weil das immer im Raum steht: Für das Schubertjahr habe ich dankend abgelehnt. Ich mache jetzt 45 Jahre Kultur. Die Herausforderungen der vergangenen drei Jahre und die Dichte der Veranstaltungen – ich gönne mir jetzt eine Auszeit. Meine Freunde glauben mir das nicht. Meine Frau hofft, dass ich die Wahrheit sage. (lacht)

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