Von Wölfen, Schafen und Künstlern

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Foto: 2013 hunt kastner, Prag

Das Wiener MUSA zeigt die Ausstellung "Der Menschheit Würde...".

In der Videoinstallation von Olga Alia Krulišova & Jana Mořkovská erwachen Menschen aus hundert Jahre alten Fotografien zum Leben. In Endlosschleife  reagieren sie auf  auf ein unsichtbares Ereignis  – jenen folgenschweren Schuss aus der Waffe Gavrilo Princips, dessen Echos noch hundert Jahre später durch Europa hallen, nicht zuletzt in Form unzähliger Gedenkaustellungen, die sich 2014 dem ersten Weltkrieg widmen.

Mit „Der Menschheit Würde...“ präsentiert das MUSA die Ihrige. Das Ausstellungsprojekt, das gemeinsam mit den Städten Sarajewo und Brno entstanden ist, ist noch bis 31. Mai in Wien zu sehen. Die Schau gedenkt nicht nur des Kriegsausbruchs, sondern auch der 1914 verstorbenen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner – mit dem Begriff der Würde als Knotenpunkt.

Sieht man Krieg als Zustand des ultimativen Würdeverlusts und Frieden als Mindestvoraussetzung, keineswegs aber als Garant der Menschenwürde an, so öffnet dies den Raum für grundlegende künstlerische Reflexionen über Menschenwürde – nicht nur im Ausnahmefall Krieg, sondern auch im Alltag unserer Gegenwart.

Impressionen der Ausstellung

Milomir Kovačević Strašni
„Mali vojnici“ (Kindersoldaten), 1993-1995
SW-Fotografie Jiři Petrbok
„Nuclear Years“, 1998
Öl/Leinwand
245 x 490 cm Christian Wachter
„Demonstrantin, 1984“, 1984
SW-Fotografie
60 x 50 cm Tanja Boukal
„Am seidenen Faden“, 2008-2010
Gestickte Medienbilder
Je 25 x 25 x 4,5 cm Maja Bajević
„How do you want to be governed?“, 2009
nach: Raša Todosijević, Was ist Kunst?, 1976
1 Kanal Videoinstallation, 10.40 Min. Maja Bajević
„How do you want to be governed?“, 2009
nach: Raša Todosijević, Was ist Kunst?, 1976
1 Kanal Videoinstallation, 10.40 Min. Eva Koťátková,
„NOT HOW PEOPLE MOVE, BUT WHAT MOVES THEM“, 2013,
Collage, SW-Fotografie

Gleich am Anfang wird der Besucher  auf die Probe gestellt und muss entscheiden, ob der den Obdachlosen, deren auf den Boden geklebte Porträts den Weg versperren, entwürdigenderweise ins Gesicht steigt, oder sich die Mühe macht, auf dem schmalen Streifen zwischen den Bildern zu balancieren.

Weiter geht die Risikodiagnose der Würdeverluste: Eine Dokumentation zu abweisendem Bahnhofsbankdesign (Anna Jermolaewa), eine Wohnzimmergarnitur aus Umzugstaschen (Vendula Chalánková), ein Wolf im Schafspelz (Deborah Sengl), eine Fotoserie von Kindern, die mit Spielzeugwaffen posieren (Milomir Kovačević). Fünfzig Künstler und Künstlerinnen nähern sich dem Thema Würde aus verschiedenen Perspektiven.

Einen besonders genauen Blick wirft man dabei auf ausgegrenzte und von der restlichen Gesellschaft auf besondere Weise abhängige Gruppen – Obdachlose, Migranten, aber auch Kinder. Kritik an Gesellschaft, Politik und Kapitalismus kommt hier in Form von treffend-sarkastischen Bestandsaufnahmen und  didaktischem Zaunpfahlwinken daher.

Doch auch über Auswege wird nachgedacht. Der zweite  Teil der Ausstellung widmet sich der Frage, wie Kunst zum Instrument der Menschenwürde werden kann. In diesem Sinne könnte man auch das  Musil-Zitat, das Marc Mer an der Außenmauer des MUSA anbringen ließ, ins Positive wenden: „Wenn die Wirklichkeit keinen Sinn mehr hat, muss man sich eben der Unwirklichkeit bemächtigen.“

(KURIER / Daniela Fasching) Erstellt am
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