© Franz Gruber

Kultur
12/05/2011

"Mundl"-Autor Ernst Hinterberger wird 80

Am Montag wird der letzte Arbeiterdichter 80. Was sich Ernst Hinterberger wünscht? "Nix - außer vielleicht a Krautfleisch im Schweizerhaus."

von Dieter Chmelar

Nein, er ist weder allein noch arm, er ist weder sterbenskrank noch erkaltet. Ganz im Gegenteil. Er wärmt von innen heraus. Die steinerne Mimik, wie aus der Hand Hrdlickas (dem er immer ähnlicher wird), verleiht ihm eine Form der Gelassenheit, die an Unverwundbarkeit grenzt. Nein, man muss sich keine Sorgen machen.
Er hat genug zum Leben, nicht vom Leben. Und er hat zum zweiten Mal in seinem Leben die große Liebe. Nach dem Tod seiner Greti (2001), mit der er Jahrzehnte teilte, nein: eins war, hatte er mit Karla erneut ein "Satori-Erlebnis". Mitten auf dem Gehweg, mitten am Tag, mitten ins Herz. Seit sieben Jahren sind sie verheiratet. Es wirkt, als wären sie's schon immer.

Satori (japanisch: "Verstehen") steht im Zen-Buddhismus für die "Erkenntnis vom universellen Wesen des Daseins". Ernst Hinterberger ist ein Botschafter dafür.
Freilich: Sein Buddhismus trägt urwienerische Züge. Er isst gern Fleisch, obwohl das streng genommen als "Mitwirkung am Mord" gilt. Und er trinkt auch Alkohol - am liebsten zu einer Zigarette.

Sein Lehrmeister aus dem 15. Jahrhundert hieß Ikkyu Sotcho, und sein Credo hieß:
"Man kann mich an drei Orten antreffen - im Kloster, im Bordell und im Gasthaus. So erreiche ich fast alle Menschen." Nur das Kloster fehlt Hinterberger noch. Obwohl: Bei ihm daheim, mit all den Buddha-Statuetten auf dem Tisch, am Fenster und in den Bücherregalen, herrscht ohnedies eine seltsame, sanfte, sakrale Besinnlichkeit.

Wunschlos

Am Vorabend seines 80. Geburtstags (am 17. Oktober) ist der Erfolgsautor viel mehr als nur glücklich. Er ist zufrieden. Zwar sieht er schlecht, was ihm Schreiben und Lesen zur Mühe macht, zwar atmet er durch Schläuche, die von einer Art Sauerstoff-Rucksack in die Nasenlöcher führen - aber: Auf den 44 Quadratmetern im vierten Stock des Gemeindebaus direkt am Margaretner Gürtel hat er die "höchste Stufe erreicht, die ein Mensch im Diesseits erreichen kann".

Weisheit? Wissen? Wohlstand? Nein, viel wertvoller: "Wunschlosigkeit."
Die nächste Stufe wäre die Erleuchtung im Nirwana.
Es ängstigt ihn überhaupt nicht, an den Tod zu denken, denn: "Was war, was ist und was kommt, ist sowieso alles nur ein
Traum."

Fast peinlich demnach die Frage, was er sich zum Geburtstag wünscht ... Die Antwort (eh kloa!): "Nix." Kurze Gedankenpause. Dann: "Außer vielleicht a Krautfleisch im Schweizerhaus."
Vermutlich werden's aber Eiernockerln daheim. Denn: Weitere Wege scheut Hinterberger wegen seiner chronischen Atemnot, der Spätfolge der Fabriksarbeit mit Säuren, Laugen und den Dämpfen, denen er schutzlos ausgeliefert war: "Alle Kollegen, die fünf Jahr' länger dort waren als i, san scho lang tot."

Damals, in diesen demütigenden und bedrückenden 1960ern im sozial kalten und gesellschaftlich grauen Wien, hatte er sich über Jahre hin mit beliebigen Bettgeschichten, käuflichem Sex und harten Getränken betäubt, ehe er begann, sich literarisch zu befreien. Da stand plötzlich eine ganz neue Welt offen - obwohl Hinterberger die seine niemals verließ.

"Margareten is a guter Boden. Da kommen der Moser, der Kreisky und der Falco her - schlecht? I möcht' nirgendwo anders leben."
Während für Otto Schenk etwa, wie er einmal gestand, Pressbaum die Grenze ist, an der er die ersten Tränen des Heimwehs zerquetscht, sieht Hinterberger schon Döbling oder Hietzing als "Ausland".

Von der winzigen Veranda aus, dort, wo er raucht und wo er am Laptop sitzt, blickt er durch einen trüben Glasfilm auf die Verkehrslawine.
Seine Karla will seit Jahren die Fenster putzen lassen. Er winkt nur ab: "Wozu? Bei an Auto zahlt ma sogar an Aufpreis für getönte Scheiben - wir ham den Luxus daheim."

Hoffnungslos?

Reden wir über Politik, Herr Hinterberger - Sie sind ja Arbeiterkind, waren lang Arbeiter und gelten als der letzte Arbeiterdichter Österreichs. Ihr Befund?
"Was soll i da scho groß erzählen? I bin ja heut' nur no a Samurai ohne Schwert."
Hört niemand in der SPÖ auf Sie? "Es frogt mi net amoi wer. I wer dir was sagen: Unlängst, bei aner Ehrung oder aner Lesung, i glaub es war in Floridsdorf, kummt der Faymann zuwi, streckt ma sei' Hand hin und strahlt mi an. Da schau her, hab i ma dacht - bis er g'sagt hat: ,Danke, Erwin!' und glei zum nächsten Tisch verschwunden is."

Zum "Ausgleich" kündigte ihn "irgend a Bezirksschackl" von
der Bühne herab noch als "unseren sehr verehrten Erich Hinterleitner" an.
Die größte Gefahr erkennt er im schlimmsten Feind der Sozialdemokratie: "Die Gier. Da hört si jede Solidarität auf - es wird alles no vü schlechter, wirst sehn."
Gängige Polit-Figuren , wie er sie selbst im "Kaisermühlen Blues" entlarvte, sind naturgemäß der exakte Gegenentwurf zu seinem Welt- und Menschenbild. Hinterberger geriet vor Jahren unabsichtlich in eine FPÖ-Wahlkundgebung im Bezirk. "Da hab i ma dacht , des schaust da jetz' an! I hab mi ganz hint' bei an Schaufenster aufs Sims hin-g'hockt. Auf amoi kummen zwa so riesige Bugln (wienerisch für "Bodyguards") vom Strache zu mir und grinsen mi höhnisch von oben herab an: ,Na sixt, Opa, so bös, wie du ollawäu schreibst über uns, san mir gor net!' Die hamma damit im Grunde nix anderes g'sagt als: Mir san guat, weil ma di net glei zsammhauen ..."

Für echte Strizzis hätte er ja zeitlebens Sympathie. Vor allem, wo er seinen "Trautmann" (siehe Bericht unten) just bei der Premiere der Strizzi-Lieder im Rabenhof fand. Er sah Adi Hirschal und Wolfgang Böck und wusste: "Der ane spielt an Strizzi, der andere is aner. Und waaßt wos? Die besten Kieberer san aus dem selben Material wie die ärgsten Strizzis. Sunst könnten sie si ja net einidenken in die kriminellen Gehirne."

"Schlimmer sind die Grassers in der SPÖ"

Doch die protzigen Parvenüs der Politik sind ihm zuwider. Freilich mit nuanciertem Unmut: "Natürlich sind die Grassers a Tragödie, aber schlimmer sind die Grassers in der SPÖ." So hoffnungslos, Herr Hinterberger? "Na, net hoffnungslos. Wann's allen gleich schlecht geht, wird wieder die Solidarität auferstehen. I hob des hautnah erlebt nach'm Kriag. Da hat jeder jedem g'holfen. Da waren alle Türen offen im Gemeindebau. Nur die ane net, die von dera Schastrommel, die immer wos Besser's sei' wollt'. Die hat am Sonntag in der Fruah mitn Hammer auf an Fetzen draufg'haut, nur, damit alle andern glauben, sie klopft a Schnitzel."

Hinterberger nennt Dinge beim Namen und spricht die dafür präziseste Sprache, die aus tiefster Seele. Wer ihn als ordinär denunziert, sagt viel mehr über sich als über ihn.
Noch ein Sinnspruch auf den Weg: "Wenn in Wien wer an andern als Arschloch bezeichnet, dann will er damit niemand beleidigen. Er stellt lediglich a Diagnose."

Initialzündung: Sic transit gloria "Mundl"

Polizist
Das Arbeiterkind (geboren am 17. Oktober 1931 in Wien-Margareten) lernte zunächst Elektriker und wurde danach Sicherheitswachebeamter. Wegen seiner Fehlsichtigkeit musste er als Expedient in eine Fabrik wechseln, in der er Säuren und Dämpfen ungeschützt ausgesetzt war. Die Spätfolge: eine chronische Lungenschwäche.

Prolet
Mit der Figur des herben Vorstädters "Mundl Sackbauer" ("Salz der Erde", 1966) startet er seine literarische Karriere. Ab 1975 entstehen drei der größten ORF-Serienhits: "Ein echter Wiener geht nicht unter", "Kaisermühlen Blues", "Trautmann".

Privat
Nach dem Tod seiner ersten Frau "Greti" (2001) ist der jahrzehntelang bekennende Buddhist seit 2004 in zweiter Ehe mit Karla (66) verheiratet. Die Buchhändlerin und Antiquitätenhändlerin sagt: "Dank ihm war ich mit 60 erstmals in meinem Leben eine glücklich Frau."

BUCHTIPP: "Blutreigen"

Erst wird in Wiens City ein ungarischer Geschäftsmann enthauptet; wenig später ein gleichfalls kopfloser Rumäne im Prater. Zwischendurch wird in Simmering eine unauffällige Frau zerstückelt. Krimineser "Polycarp" (benannt nach dem Judo-Trainer des Autors) Trautmann vermutet einen psychopathischen "Serial Killer". Aber welche Rolle spielt dabei die brutale lesbische Zuhälterin? Ja: Hinterberger lässt in seinem (voraussichtlich) vorletzten "Trautmann" - einen hätte er noch im Laptop - mit der "Schlagring-Geli " die wahrhaftige wilde Wanda Kuchwalek (2004) auferstehen. "Blutreigen" - ein Muss für Milieu-Melancholiker.

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Bilder