„Missy Misdemeanor“ heißt dieses kotzende Küken, das auf einer Rakete reitet: Ein typischer Bewohner der Welt von Cosima von Bonin

© /Galerie Neu, Berlin

mumok
10/06/2014

Am Spielplatz des Weltekels

Das Werk der Künstlerin Cosima von Bonin wird in einer groß angelegten Retrospektive gezeigt.

von Michael Huber

Sich in der Welt zu behaupten, ist bekanntlich nicht einfach. Man ist in Arbeitskreisläufe eingespannt, wird mit Bildern und Konsumangeboten überflutet, und wer einmal kreativ sein will, findet sich ganz rasch in den Mühlen der Unterhaltungsindustrie oder des Kunstmarkts wieder. Was also ist zu tun?

Cosima von Bonin hat es geschafft, sich in den widrigen Umständen zumindest flauschig einzurichten. Das zeigt die Ausstellung "Hippies Use Side Door" im Wiener mumok, die bisher größte Werkschau der 1962 in Kenia geborenen Deutschen.

Die Schau ist ein absurdes Wunderland voller riesiger Kuscheltiere, genähter Stoffbilder und Pappkulissen. Hier findet ein großes Versteckspiel statt, in dem Fährten ausgelegt und wieder verwischt und unablässig Haken geschlagen werden. Die Ausstellung ist hervorragend gemacht, sieht oft ziemlich lustig aus – und ist doch auch sehr traurig.

Schutzanzug aus Ironie

Cosima von Bonin als Pop-Künstlerin zu bezeichnen, ist nicht ganz falsch – auch wenn "Pop" hier nicht die Pop-Art der 1960er meint, sondern eher jene Sensibilität, die sich in den 1980er- und ’90er-Jahren manifestierte. Statt über die Macht der Kulturindustrie zu jammern, erhoben die Protagonisten in Musik und Kunst damals die Doppelbödigkeit zum Prinzip, surften mit einem Schutzanzug aus Ironie über die Wellen des Kommerzes, sammelten, zitierten, kombinierten Dinge in seltsamer Weise neu.

Auch die Welt der Cosima von Bonin ist ein Kosmos aus Anspielungen, doch es fehlt der überlegene Gestus, mit dem die Hipster aus der Popkultur normalerweise damit jonglieren.

Rückzug

Bei der Künstlerin kommt – nicht zuletzt durch den Handarbeits-Charakter vieler Arbeiten – vielmehr eine Note des Rückzugs ins Spiel: Ein schickes Yves-Saint-Laurent-Sackerl wird von ihr auf ein kariertes Tüchlein montiert, der Plattenspieler auf der Nachbildung eines Party-Trucks ist ebenfalls aus Karostoff genäht. Die Arrangements mit falschen Scheinwerfern und Mikroständern, die von Bonin in der Schau realisierte, haben oft den Charakter unaufgeräumter Zimmer oder halb abgebauter Konzertbühnen: Es ist nicht klar, ob hier jemand etwas zeigen oder eher etwas verbergen möchte. Und wenn in von Bonins Zimmern Kuscheltiere wohnen, dann sind es oft Faultiere oder Muscheln, die sich – schnapp – rasch verschließen könnten.

Im Schneewittchensarg

Tatsächlich bewegt sich die Künstlerin immumokim Kreise großer Eigenbrötler: Ihr Mentor Martin Kippenberger ist mit einem "Schneewittchensarg" aus Plexiglas präsent, Isa Genzken mit einem in Beton gegossenen Radio ("Weltempfänger") – und Thomas Bernhard mit einem Foto, das ihn 1957 am Tonhof in Maria Saal zeigt. Wie diese Vorbilder oszilliert von Bonin zwischen Zweifel, Weltekel und einer Gegenwelt der Kunst: Gemeinsam mit einem Freundeskreis, mit dem sie ihre Arbeiten realisiert, entsteht bei ihr eine Insel, auf der Logik und Sinnstiftung auch einmal Pause machen dürfen.

Gammeln für die Kunst

"Das Gammeln ist die einzige angemessene Form der Annäherung und stellt mithin den einzig richtigen Weg der Partizipation dar", schrieb Dirk von Lowtzow, der mit seiner Band Tocotronic am Samstag ein Eröffnungs-Konzert zur Schau bestritt und ein enger Vertrauten der Künstlerin ist, über den Zugang zu Cosima von Bonins Arbeit.

In diesem Befund verbirgt sich aber auch die triste Seite dieser vordergründig so verspielten Kunst: In dem ewigen Fließen der Bedeutungen, dem Sich-nicht-festlegen-Wollen, ist irgendwann auch kein Fortkommen mehr möglich. Bei Cosima von Bonin ist man zum Gammeln verdammt.

Die Künstlerin
Cosima von Bonin wurde 1962 in Kenia geboren. Seit 1990 stellt sie aus, u. a. bei der Documenta 12 (2007). In Österreich war ihr Werk zuletzt in Bregenz (2010) und der Galerie Senn (Wien) zu sehen, die Skulptur „Tagedieb“ stand 2010 am Wiener Graben.

Die Schau im mumok
Die Retrospektive mit dem Titel „Hippies Use Side Door. Das Jahr 2014 hat ein Rad ab“ ist bis 18. 1. 2015 im mumok Wien zu sehen. Der Katalog zur Schau kostet 29,80 €.

www.mumok.at

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