© Burgtheater/Marcella Ruiz Cruz

Kritik
10/24/2021

"Moskitos" im Akademietheater: Chaos und Hölle menschlicher Beziehungen

Umjubelt: Ein Familiendrama rund um die Selbstgewissheit wissenschaftlicher Wahrheiten und deren Ablehnung durch Ignoranz und Dummheit.

von Werner Rosenberger

Ist das Universum instabil? Wie wird es enden? Wird es kollabieren? Nur so viel steht fest: Die Liebe ist nicht die stärkste Kraft im Universum. Sie rangiert sogar weit hinter der Schwerkraft – und dem Sekundenkleber.

„Moskitos“ von Lucy Kirkwood spielt im Akademietheater im gleißenden Licht einer leeren Bühne (Jessica Rockstroh) mit weißen Wänden: Wie man beschleunigte Elementarteilchen aufeinanderprallen lassen kann, die nur die Wucht zweier Moskitos haben, krachen da gänzlich inkompatible Persönlichkeiten und gegensätzliche Denkweisen aufeinander.

Geschwister-Zwist

Im Mittelpunkt der pointierten Inszenierung von Itay Tiran stehen zwei ungleiche Schwestern.

Alice (Sabine Haupt) ist High-Tech-Physikerin am CERN in Genf, sucht nach den fundamentalen Gesetzen des Universums und steht vor der bahnbrechenden Entdeckung des „Higgs Bosons“.

Jenny (sehr beeindruckend: Mavie Hörbiger), sprunghaft und impulsunkontrolliert, nervt gewaltig, jobbt im Call-Center: Sie ist das bildungsferne und selbstmordgefährdete Sorgenkind der Familie.

„Für Leute wie sie drucken sie ,Vorsicht heiße Flüssigkeit!‘ auf den Becher.“ Als Impfverweigerin hat sie den Tod ihrer Tochter an Masern verschuldet. „Ich bin Forrest Gump“, sagt Jenny zu ihrer Schwester, „und du der Scheiß-Zauberer von Oz.“

Familie als Kampfplatz

Beide liegen im Dauerclinch mit ihrer Mutter Karen (großartig: Barbara Petritsch), die einst auch eine ambitionierte Wissenschafterin war, aber ihr Mann den Nobelpreis bekam, und die jetzt an Inkontinenz und Gedächtnisverlust leidet. „Nein, die Liebe ist nicht die stärkste Kraft im Universum“, sagt sie nachdenklich. „Sie ist nur etwas, das wir erfunden haben, um uns zu helfen, das Chaos zu überwinden.“

Diese Erkenntnis bleibt aber ohne Konsequenz in der Familie im emotionalen Dauernotstand nahe am Nervenzusammenbruch. Karriereträume, Beziehungsprobleme, Fragen um Schicksal und Schuld, das plötzliche Verschwinden von Alices Teenager-Sohn Luke (Felix Kammerer), der ewig unverstanden, verhaltensauffällig, aber hochbegabt patschert durch den Tag tölpelt: All das führt zu Szenen großer Dramatik.

Die Familie ist dabei tragikomischer Kampfplatz. Eigentlich will das Stück viel zu viel erzählen, aber dank präzise gestalteter Beziehungskonstellationen und scharf geschliffener Dialoge gibt es auch viel zu lachen. Und die Figuren verharren nicht in den Rollenklischees.

In der aufgeheizten Konfliktzentrifuge geht es um Teilchenphysik und Kindstod, Autismus und globale Vernetzung, Fake und Fakten, Atomkerne und das Phänomen Angst.

Und um die Dummheit.

Die Macht der Einfältigen

Die gilt allgemein als Handicap fürs praktische Zurechtkommen auf der Welt. So sagt Alice zu Jenny: „Du vergötterst die Dummheit ja förmlich. Du betest sie an. Wahrscheinlich bist du sogar regelrecht stolz darauf.“

Und: „Weil du schwach bist, glaubst du, du bist machtlos, aber in Wahrheit, und das macht mir wirklich Angst, bist du eine sehr mächtige Frau, Jenny.“

In unserer turbulenten Gegenwart ein erschreckender Gedanke.

Aber am Ende zeigt sich, als wär’s eine Soap: Herz besiegt Hirn. Die stets kühle und kopflastige Alice könnte etwas von Jennys Zivilcourage und emotionaler Intelligenz gebrauchen.

Alice ist klug, obsessiv und gönnerhaft gegenüber ihrer Schwester, die ihr detailreiches Nichtwissen und ihre Ängste aus dem Internet hat. Aber die Intellektuelle scheint weniger gerüstet zu sein für die Realitäten des Lebens.

Schließlich ist es Jenny, die als warmherzige Pragmatikerin mit den täglichen Problemen der Demenz ihrer Mutter fertig wird, den unsicher-coolen Luke am besten versteht, sogar die Verantwortung für eine seiner kriminellen Handlungen übernimmt und im Grunde die Familie im Wahnsinn und Wirrwarr der Gefühle zusammenhält.

Am Ende ist Jenny nicht so dumm und Alice bei weitem nicht so sicher, wie alle annehmen. Denn sicher ist nur: Das Chaos ist überall. Im Universum und vor allem zu Hause.

Das Stück
Fragen über Wissenschaft, Glauben und die katastrophalen Barrieren für Kommunikation und Verständnis werden durch das Prisma eines Familiendramas untersucht

Die Autorin
Lucy Kirkwood, Jahrgang 1984, ist eine der interessantesten Dramatikerinnen ihrer Generation. „Himmelszelt“ wurde 2020  am Burgtheater aufgeführt, und „Moskitos“ 2017 in London uraufgeführt
 

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