Kultur
13.08.2018

Monteverdi in Salzburg: Das Musikkunsttanztheater

Kritik: Neuproduktion des Meisterwerkes „L’incoronazione di Poppea“ – schwindelerregend und gut.

Diese Aufführung – wir reden von Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“ im Haus für Mozart – ist nicht die beste der Salzburger Festspiele 2018. Aber sie ist die bisher radikalste. Und, bei allen Einwänden, in ihrer Innovationskraft eine der faszinierendsten. Weil sie die Grenzen des Musiktheaters nicht nur auslotet, sondern sprengt und neu definiert.

Was ist Oper heute? Was vermag uns dieses mehr als 400 Jahre alte Genre heute zu sagen, im konkreten Fall mit einem 375 Jahre alten Werk? Ist Musik-Theater primär eine möglichst hochqualitative orchestrale Umsetzung einer Partitur, kombiniert mit Schöngesang von im Idealfall darstellerisch unpeinlichen Protagonisten? Oder kann es nicht viel mehr?

Die Inszenierung

Jan Lauwers, der Künstler, Choreograf und Theatermacher, hat bei seinem Operndebüt eine Neudefinition zumindest versucht. Man erlebt: Musikkunsttanztheater. Sprich: Eine Verschränkung unterschiedlichster Formen, eine Aufweichung der oft so starren Grenzen, ein emanzipiertes Miteinander von Kunstrichtungen. Das kann man nun mögen oder ablehnen (Ihr Rezensent zählt ganz klar zu den Mögenden), die theatralische Sogwirkung ist aber nicht zu leugnen.

Anne Teresa De Keersmaeker hatte zuletzt im Pariser Palais Garnier mit ihrer Inszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ triumphiert, als sie den Sängerinnen und Sängern jeweils ein tänzerisches Alter Ego zur Seite stellte. Diese Doppelung war ein szenischer Geniestreich, ein Motivationsschub für die Singenden und brachte durch den speziellen Erzählstil auch neue Erkenntnisse.

Auch bei Jan Lauwers sorgen das getanzte Wort oder der getanzte Ton für Bereicherung. Wovon man nicht singen kann, darüber muss man tanzen, könnte man eingedenk Wittgensteins sagen.

Lauwers doppelt die Protagonisten aber nicht, sondern kreiert mit einer fabelhaften Solotänzerin (Sarah Lutz) aus seiner Needcompany und mit Tänzerinnen und Tänzern von Bodhi Project & Sead Salzburg Stimmungen im Geiste der Musik, erzählt die Geschichte mit rein körperlichen Mitteln und schafft hinreißende Tableaux vivants. Auf ein klassisches Bühnenbild wird verzichtet, der Boden ist übersäht mit Bildern nackter Leiber wie in Barock-Gemälden, dazu gibt es nur ein paar Requisiten wie einen gigantischen Luster, der ebenso ständig in Bewegung ist.

Ein Kunstgriff besteht darin, dass sich jeweils ein Tänzer 15 bis 20 Minuten lang um die eigene Achse dreht – allein beim Hinschauen wird einem schwindlig. Aber der Lauf der Zeit, die unaufhaltsame Machtausübung, das Irresein im Reiche Neros wird so brillant dokumentiert.

Diese Tänzer-Kulisse hat freilich auch Nachteile. Sie lenkt oft stark von den Sängern ab. Und man versteht nicht annähernd alles. Aber wie bei der „Salome“ in der Felsenreitschule sind hier Fragen wichtiger als Antworten.

„L’incoronazione di Poppe“ ist eine megabrutale Oper und wäre heute durchaus Stoff für eine neue Netflix-Serie. Nero findet in Poppea eine neue Geliebte, bringt Gegner dieser Liebschaft ins Grab oder in die Verbannung und lässt Poppea am Ende mit Pomp zur Kaiserin krönen. Die traumhaft schöne Musik wirkt wie ein Gegenpol zu diesem Schlachten. Szenisch sieht man dank Lauwers das Morden, den gnadenlosen Umgang mit Andersdenken , mit Minderprivilegierten und bekommt eine Vorahnung, dass es auch Poppea nicht anders ergeben wird.

Die Musik

Das Orchester Les Art Florissants, von William Christie vom Cembalo aus geleitet, sitzt diesmal nicht im Graben, sondern in kleinen Vertiefungen auf der Bühne. Es spielt phänomenal schön und zart. Insgesamt gibt es nur 16 Musiker, elf davon bilden die Basso-continuo-Gruppe. In manchen Szenen wünscht man sich jedoch ein größeres Orchester und einen kräftigeren, volleren Klang.

Sonya Yoncheva, mittlerweile ein Weltstar, begeistert als Poppea bei ihrer Rückkehr ins alte Fach mit ihrem ausdrucksstarken, perfekt geführten Sopran. Kate Lindsey ist als Nerone eine Art Alt-Hippie und mit ihrem ganz linearen, vibratofreien Mezzo ideal für den Nerone. Stéphanie d’Oustrac als Ottavia, Ana Quintans als Drusilla, der Countertenor Carlo Vistoli als Ottone, Renato Dolcini als Seneca und Dominique Visse in der Bufforolle der Arnalta runden die gute Besetzung ab.

Publikumsreaktion: Applaus, einige Buhs gegen die Regie, teilweise Ratlosigkeit.