Monchi über AfD-Anhänger: „Kein Bock auf Weltuntergangsszenarien“
Monchi neben dem Ortsschild seiner Heimatstadt Jarmen.
„Ich lebe in einem Ort, in dem 54 Prozent der Menschen ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben.“ So beginnt Monchi, Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet sein neues Buch „Jenseits der Brandmauer“ (KiWi). Der 38-Jährige ist in Jarmen „in der vorpommerschen Provinz“ geboren und nach einigen Jahren in der Großstadt Rostock wieder dorthin zurückgezogen. Weil er Jarmen liebt – obwohl ihm seine Aktivitäten gegen den Rechtsruck das Leben dort nicht leicht machen.
Mit dem Buch will der als Jan Gorkow geborene Musiker mit ehrlichen Erzählungen aus seinem Alltag Gedanken und Widersprüche aufzeigen und versuchen, herauszufinden, was einen Unterschied machen könnte: „Ich sage ganz bewusst nicht, alles ist ganz schlimm, hier sind alle Nazis“, erklärt er im KURIER-Interview. „Nein, ich beschreibe, dass es hier auch ganz, ganz viel Schönes gibt.“
Angst um Familie
Die negativen Seiten des Dorflebens werden trotzdem nicht ausgeklammert. Immer wieder geht Monchi kurz auf die Morddrohungen ein, mit denen er konfrontiert wird, wischt diese Gedanken im Leben wie im Buch aber schnell weg: „Natürlich gibt es dabei Angst – vor allem in Bezug auf meine Familie. Aber ich will diesen Ideologen, die mir drohen, nicht meine Angst und meine Lebenslust schenken. Ich habe keinen Bock auf Weltuntergangsszenarien. Wenn ich rausgehe, ist es wunderschön. Die Leute quatschen mich an. Wir hatten gerade das 20-Jahre-Geburtstagskonzert vor 17.000 Leuten, unser größtes Einzelkonzert, und die Leute fragen: ,Monchi, wie geht es, wie war das?’ Die beste Medizin gegen Angst ist, unter Menschen zu gehen.“
Das eindrucksvollste positive Beispiel, das der Sänger in „Jenseits der Brandmauer“ beschreibt, ist das der „Crash Kids“, die er zum Festival „Wasted in Jarmen“ einlud, das Feine Sahne Fischfilet seit 2016 jährlich als Zeichen gegen den Rechtsruck in der Region organisieren. Die Jugendlichen erzählten zwar, wie cool sie Björn Höcke von der AfD finden, waren aber nach Monchis Einschätzung „noch keine Überzeugungsnazis“. Er gab ihnen Jobs beim Aufbau des Festivals, wobei sie „AfD“ auf Begrüßungsbanner malten. Aber er schmiss sie nicht raus, machte nur klar, so geht das hier nicht.
Sein Motto: Man muss die Jugendlichen abholen, wo sie sind. „Junge Leute suchen Gemeinschaft und Zusammenhalt, etwas das sie stark macht. Fascho-Subkulturen, die vielleicht vor 15 oder 20 Jahren noch weniger angesagt waren, strahlen diese Stärke aus. Und sie strahlen Rebellion aus. Ich war ja genauso: So etwas wie Fridays for Future, wo die Eltern beklatschen, wenn du Freitag nicht in die Schule gehst, wäre für mich das Schlimmste gewesen. Es gab nichts Geileres, als die Eltern zu schocken. Aber solche Kids abzuschreiben, wäre ein Riesenfehler. Man muss stattdessen in den Streit reingehen und um sie kämpfen. Das heißt nicht, dass diese Kids gleich anders denken, dazu braucht es mehr Kontinuität. Aber es ist wichtig, dass sie sehen, da sind Leute, die sie ernst nehmen und nicht als Loser empfinden, aber auch sagen, auf AfD haben wir keinen Bock. Ich denke immer: Wo wäre ich, wenn Leute nicht so um mich gekämpft hätten?“
Blutgeruch in der Nase
Das Umdenken kam bei Monchi mit seinem Freund, dem Pfarrer Lothar König. Mit ihm fuhr er ab 2016 nach Suruc an der syrischen Grenze in der Türkei, um Hilfsgüter wie Kleidung und medizinische Geräte zu bringen. Dabei kam er dem Tod sehr nahe: „Kurz bevor wir ankamen, gab es dort ein Selbstmordattentat mit 30 Toten, und wir standen zwischen all den Leichen. Das war schon krass. Noch heute, wenn ich von so etwas nur höre, habe ich sofort wieder den Blutgeruch in der Nase. Aber ich hatte einen Pass, konnte wegfahren, was die Leute dort nicht konnten. Früher habe ich Demokratie für selbstverständlich genommen. Aber das war so ein Moment, wo ich schätzen gelernt habe, was ich mit meiner Herkunft gratis mitgeliefert bekommen habe.“
Ungeachtet der traumatischen Folgen dieser Hilfsaktion liest sich das Buch wie ein Plädoyer dafür, rauszugehen und im Kleinen etwas zu bewegen. Etwa so, wie Monchi es mit dem Skatepark in Jarmen gemacht hat. Er initiierte den Bau, sammelte Spenden, und gab trotz der vielen behördlichen Verzögerungen nie auf. „Man darf nicht die ganze Zeit nur auf den Rechtsruck reagieren, man muss agieren“, sagt er. „Man kann schon mal meckern, das tue ich auch. Aber man muss auch am Start sein, nicht auf dem rumreiten, was uns trennt, sondern fördern, was verbindet uns. Damit macht man es den Parteien auch schwerer, die Spaltung voranzutreiben.“
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