Kultur
03.06.2017

Mit dem Meer reden, ohne dass Schnösel zuhören

Der Italiener Paolo Rumiz reiste, ohne sich vom Fleck zu bewegen

Das ist kein Logbuch der Seele, wie es vielleicht zu erwarten war.

Der Franzose Jean-Pierre Abraham (1936 – 2003), ja, der hatte das Licht seiner Kindheit gesucht. Das Licht eines Weihnachtsabends, das man nur sehen kann, wenn man allein ist.

Abrahams Buch "Der Leuchtturm", vor sechs Jahren im Salzburger Verlag Jung und Jung erschienen, ist schnörkellose Dichtung.

Und spürbare.

Paolo Rumiz ist kein Dichter, sondern Journalist. Der Italiener aus Triest hat gar nicht versucht, außen aufs Papier zu bringen, was sich bei ihm innen abspielte.

12 Watt

Er wohnte wochenlang in einem Leuchtturm auf einer von ihm geheimgehaltenen kleinen Mittelmeerinsel und hat bloß – wahrgenommen.

Die Möwen: Hier sind sie die Herren und können zu hungrigen Raubtieren werden. Das sind keine Bettler wie in den Städten am Meer.

Die Winde: Beim trockenen Mistral gibt er die nassen Socken auf die Wäscheleine; beim Schirokko versteckt er sich; der hinterhältige Levante verjagt die Seelen der Toten: beim Nahen der Nevera machen sich alle auf eine kalte Stunde gefasst.

Das Licht: Es ist nur eine 12-Watt-Glühbirne, die Schiffen den Weg zeigt, kreisend und blinkend, verstärkt durch fantastische Linsen.

Usw.

Zwei Wärter waren auf der (griechischen) Insel, die nur 1,2 Kilometer lang und 200 Meter breit ist. Vom Strand führen 500 Stufen zum höchsten Punkt. Dort steht der Turm wie ein einäugiger Riese.

Der italienische Besucher kochte den Männern als Dank für die Gastfreundschaft Risotto und wilden Spargel mit Zwiebel und Eiern und öffnete viele mitgebrachte Flaschen Malvasier.

"Der Leuchtturm": Das ist Paolo Rumiz’ Versuch, mit dem Meer zu reden und mit den Sternen, ohne dass sich Schnösel dazwischenstellen und lauschen können.

Wenn Luft aus Höhlen und Ritzen entweicht, gibt das Meer Klagelaute von sich. Rumiz hörte: Uuuooo.

Das muss besonders nett sein, wenn zwei, das Meer und ein Mensch, einander anjammern.

Zum Beispiel wegen der Katastrophe, dass der Fischbestand im Mittelmeer um 70 Prozent zurückgegangen ist.

Nein, sie sind sogar zu dritt! Der Leuchtturm ächzt und quietscht mit, wenn der Sturm riesige Wellen gegen ihn schleudert.

Es ist ein anderer Zauber als in Jean-Pierre Abrahams Buch. Die Kindheit wird nicht zurückkommen. Bei Rumiz ist der Zauber sichtbar – so wie die Sonne, wenn sie das Meer berührt und es bronzefarben färbt.


Paolo Rumiz:
„Der Leuchtturm“
Übersetzt von
Karin Fleischanderl.
Folio Verlag.
160 Seiten. 20 Euro.

KURIER-Wertung: ****