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Kultur
12/05/2011

Mikrokosmus mit Dreck: Dexters "Deadwood"

Buchkritiken: Man fällt unter die Revolverhelden und will nicht mehr weg: Pete Dexters Roman ist ein Mikrokosmos mit Dreck.

von Peter Pisa

James Butler Hickok, genannt "Wild Bill", brauchte eine Viertelstunde zum Pinkeln. Seinem Ende zu dann eine halbe Stunde.
Dass er seinen syphilitischen Körper mit Quecksilber einrieb, brachte nur insofern etwas: Jetzt fielen ihm auch die Zähne aus.
Revolverhelden sind halt auch nichts Besonderes.

Genau das ist das Besondere an diesem historischen Roman; diesem Western, für dessen Lektüre man sich nicht zu genieren braucht - im Gegenteil, den kann man, den muss man guten Freunden empfehlen.

"Deadwood" verherrlicht nicht. Aber "Deadwood" kratzt auch nicht an den Legenden. Die waren (fast) wie du und ich, manchmal tödlich, manchmal zum Schießen komisch. Rassistisch(er) waren sie; und dreckiger - wobei zumindest Bill Hickok und vor allem sein Partner Charley Utter oft im Badehaus saßen.

Calamity Jane war dort nie. Sie hat sich gewünscht und eingebildet, mit Bill verheiratet zu sein. Eine herzensgute Zicke, Krankenschwester und Hure.
Deadwood, jetzt eine Kleinstadt mit immerhin 1300 Einwohnern, war damals ein Goldgräberdorf bei den Black Hills im Land der Sioux. Es hat sich von Leichen ernährt.

Rosa Gin

Im "Saloon No. 10" endete Bill Hickoks Leben. Er war bloß, höchst manierlich, hierhergekommen, um rosa Gin zu saufen, beim Pokern zu verlieren und in Ruhe zu pinkeln.

39 Jahre alt war der einstige Bürgerkriegsoffizier, Sheriff und Landstreicher mit dem langen, gewellten Haar, als er - mit zwei Assen und zwei Achten in der Hand - 1876 grundlos von einem idiotischen Katzenhändler erschossen wurde.

Das ist nicht das Ende des Buches, das der profilierte amerikanische Drehbuchautor Pete Dexter schon vor zwei Jahrzehnten genauestens recherchiert und inkl. Sexszenen staubtrocken aufgeschrieben hat.
Das ist ein neuer Anfang.

Denn langsam ändern sich die Zeiten. Ein "richtiges" Theater hat aufgesperrt, die Frauen werden stark, und es ist nicht mehr ganz so "in", mit dem Kopf eines Feindes im Lederbeutel an der Theke zu stehen.

Hickoks Partner Charley Utter bleibt in Deadwood. Er schafft es nicht, auf den Dreck zu verzichten. Er bleibt eng verbunden mit der sympathischsten Figur in diesem Mikrokosmosgatsch: mit dem angeblichen Schwachkopf, der Flaschen sammelt, weil in Flaschen alles Wissen und Begehren gesammelt ist ...

Nachtrag: Der allererste Zeitungsmann im Ort klärt Charley Utter auf, dass er das Wort "verdammt" in seinem Blatt nicht duldet. Er doziert: "Ein Redakteur muss häufig Entscheidungen treffen, die ihm niemand abnehmen kann." Toller Job.

KURIER-Wertung: ***** von *****

Stavarič & Sengls - "Nadelstreif & Tintenzisch"

Bestiarium - Bist du g'scheit, das hätte schiefgehen können! Aber der 1972 in Brno geborene und 1979 mit seinen Eltern nach Wien emigrierte Michael Stavaric; hat schon den Teufel mit einem Goldhamster namens Bruno zusammenleben lassen (in "Magma"). Und gelehrt hat er uns, dass Heuschrecken für eine bessere Durchblutung der Kopfhaut sorgen (in "Terminifera").

Er riskiert viel und ist deshalb der ideale Schriftsteller für "Nadelstreif & Tintenzisch". Für ein Bestiarium - eine Klassifikation von Tieren, die in diesem Fall erfunden sind; das heißt: Die Biester stecken in uns.

Michael Stavaric; gibt im KURIER-Gespräch zu, dass er sich im "Nadelstreif" wiedererkennt: So einer bedauert schon zu Lebzeiten den eigenen Tod, ist ein Verfechter der feinen Klinge und schreibt nie publizierte Essays, etwa über den "Jargon der Eigentümlichkeit".

Auch die 37-jährige Wienerin Deborah Sengl, deren Illustrationen das Buch so wunderbar "fett" machen, sieht das Nadelstreifische in ihrer Person - in Mischung mit der "Piorkowska", einem künstlerischen Tier, das in seinem Atelier ungebetenen Gästen (insbesondere mit Halskrause) die Köpfe abschlägt und diese zu dekorativen Zwecken räuchert. Die Piorkowska ernährt sich wie die meisten Künstler von Lichtpartikeln und Neonröhren.

Man sieht schon: Da muss man durch. Den zutiefst menschlichen Wahnsinn hält man nicht aus, will man ihn sich auf einen Sitz zu Gemüte führen. Man würde zu schnell satt werden.

Schlitzrüssler, Gieraffe, Sitzfleischriese, Faserschmeichler und Glutäugiger Schlingel brauchen Zeit, um sie zu durchschauen - und dann um dumm zu schauen, weil man sich ertappt fühlt. Ist man fertig, kommt "Das Biest, das dem Begräbnis folgt"und frisst die Leser. Aber das kommt sowieso, wenn man nicht in der Lage ist, das Tier in sich zu erkennen.

KURIER-Wertung: **** von *****

Heinrich Steinfest - "Die Haischwimmerin"

1. Ein Ohr, das atmen kann, liegt in einer schwarz lackierten Holzschatulle und ist unsichtbar. Spritzt man etwas Wasser drauf, kann man es für kurze Zeit sehen.

2. Die Schatulle ist in der exzentrischen Dahurischen Lärche Nr. 4.820 versteckt, welche in der russischen Verbrecherrepublik "Toad's Bread" wächst.

3. "Toad's Bread" liegt in einer mehrspurigen Röhre, die beim Dschugdschur-Gebirge unter die Erde führt. Interessanterweise gibt es dort keine Pizzerias.

So. Jetzt weiß man, worauf man sich bei "Die Haischwimmerin" einlässt. Fans von Heinrich Steinfest - geboren 1961 in Australien, aufgewachsen in Wien, wohnhaft in Stuttgart - wissen das längst. Aber es gibt ja noch ein paar andere Leser, die der irrigen Ansicht sind, ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi ist ein Krimi.

Steinfest ist sich voll bewusst, dass das neue Buch wieder verrückt geworden ist. Er schreibt: Was an den Börsen geschieht, ist ebenfalls nicht zu glauben; trotzdem geschieht es.

"Die Haischwimmerin" bringt eine alte Bekannte aus einem früheren Roman zurück: Lilli Steinbeck, die schöne, elegante Polizistin mit der zertrümmerten Nase. Hauptfigur ist allerdings ihr alter Freund Ivo, der sich mit Bäumen unterhalten kann.
Er soll die sibirische Lärche überreden, zu einem Pharmakonzern nach Bremen zu übersiedeln. Angeblich sind die Zapfen so gesund. Bremen? Der Baum ist ja nicht deppert!

Steinfest verteilt Geschichten und Bilder und unvergessliche Typen. Manchmal ist er zu großzügig. Und einmal, in der Mitte, rastet sich der Autor aus. Da ist wenig los.
Das hat den Vorteil, dass man nachdenken kann, worüber er philosophiert hat: Dass jeder Mensch zwei Mal stirbt. Dass der erste Tod, wenn man von einer absoluten und schmerzhaften Erkenntnis ereilt wird, wie ein Pfeil in die Brust schießt. Und dass man sich nachher drehen und wenden kann wie man will (und sogar zum Therapeuten gehen): Der Pfeil bleibt.

KURIER-Wertung: **** von *****