Michael Niavarani: "Ich bin der größte Trottel von allen"

Michael Niavarani
Foto: KURIER/Gilbert Novy  

Michael Niavarani, 49, spielt, redet und schreibt sich zum kabarettistischen Dauerbrenner. Sein neuestes Werk: Ein Buch mit Geschichten über die Dummheiten des Menschen. Ein Gespräch über die eigene Vertrotteltheit, das Ende der Welt und seinen 50er.

19 Uhr, Wiener Innenstadt. Michael Niavarani hat anlässlich der Präsentation seines neuen Buches einen Interview-Marathon hinter sich. Ob er noch Stimme hat? Er hat und sagt: „Ich bin überfettet, aber unterzuckert. Trotzdem bestell ich mir einen Toast.“ Frisch gestärkt beantwortet er dann die letzten Fragen des Tages.

Herr Niavarani, Sie haben in Ihrem neuen Buch Geschichten über die Vertrotteltheit der Menschen gesammelt. Wer ist für Sie konkret der größte  Trottel?

Die Menschen an sich. Wir werden ins Universum geworfen und haben keine Ahnung, woher es kommt, woher wir kommen und warum wir überhaupt da sind. Wir haben keine  Ahnung. Wie kann es sein, dass es ein Wirtschaftssystem gibt, das Menschen unterdrückt? Das haben wir selber gemacht. Der Mensch ist einfach ein Idiot, das ist so.    

Und da schließen Sie sich selbst nicht aus?   

Im Gegenteil, ich bin der größte Trottel von allen.

Dabei lautet das Credo unserer Zeit doch, man soll sich selber lieben.

Ich glaube, dass diese esoterische Feng-Shui-Einstellung, sich jeden Tag zu sagen, wie gut man ist,  eher zu einer größeren Vertrottelung führt. Wichtig ist, sich als Menschen und sein Trottelsein zu mögen. Aber sich vorzusagen, wie toll man ist? Ich glaube, dass das der Herr Trump gemacht hat.  

Sie stehen nie vor dem Spiegel und sagen sich: gut gemacht, Michael!?  

Nein, das tun ja eh schon die anderen. Ich möchte ihnen nicht alles nachreden.

In einer Ihrer Geschichten bezeichnen Sie zwei feine Damen als „fressende Grazien“. Das Bild regt zum Schmunzeln an ...  

Ich kann nix anderes, außer die Menschen zum Lachen zu bringen.

Das ist offenbar zum Leben mehr als ausreichend.

Absolut, ich leide auch nicht darunter, aber es hat auch ein bissel damit zu tun, wie ich die Welt sehe. Wenn man nicht selber gerade in einer Tragödie steckt, sieht man sehr schnell die Ironie des Schicksals. Bei mir ist es so, dass ich selbst mitten in einer Tragödie ein paar Sekunden später die Ironie spüre. Das ist kein intellektueller Vorgang, das ist ein rein emotionaler Akt. Ich kann mit dem Gehirn relativ wenig, das Meiste machen bei mir Gefühl und Instinkt. Das hilft meinem Gehirn, weil es nix Besonderes ist. Ich merke mir wenig.  

Kaum zu glauben. Ihr Buch ist voller Fakten.  

Ich weiß. Aber die längste Zeit habe ich nicht mit dem Schreiben, sondern in der Bibliothek verbracht, um Bücher zu suchen, in denen ich eine Stelle gefunden habe – wobei ich mich aber weder an den Namen des Buches erinnert habe, noch wusste, worum es in der Stelle ging. Ich wusste nur: Es war etwas Großartiges! Außerdem macht mich das Wissen von Fakten nicht unbedingt intelligenter. Es zeigt nur, dass ich den ganzen Tag nix zu tun habe und mich mit diesen Dingen beschäftigen kann.

Und damit auch noch Geld verdienen.

Dass ich mit dem Blödsinn, den ich manchmal mache, Geld verdienen kann, ist das größte Glück meines Lebens.

Mittlerweile haben Sie es mit diesem Blödsinn zur Humorlegende und zum Publikumsliebling gebracht. Wie geht es Ihnen mit solchen Begrifflichkeiten?  

Jeder, der gerade viele Karten verkauft oder ankommt bei den Leuten, ist ein Publikumsliebling. Das ist nichts Negatives, heißt aber auch nicht viel. Einem „Publikumsliebling von heute kann es passieren, dass die Leute fünf Jahre später fragen: „Wie hat der g’heißen?“ Es ist eine Bezeichnung, die mich freut, mich aber auch nicht besonders euphorisch macht.

Sie haben einmal gesagt, es sei störend, dass die meisten Leute Sie kennen, es umgekehrt aber nicht so ist.  Würde Sie ein fremder Mensch denn interessieren?  

Sehr sogar. Wenn jemand wegen einem Autogramm auf mich zukommt, denke ich mir oft: Wer ist das? Was macht der? Und warum findet er mich lustig? Ich finde Begegnungen mit Menschen generell interessant. Manchmal bleiben sie oberflächlich, und manchmal spürt man, da kann mehr entstehen. Trotzdem ist es ein Ungleichgewicht, weil mir Fremde immer  einen Schritt voraus sind. Sie haben schon ein Bild von mir, dass ich mir im Laufe eines Gesprächs erst machen muss.

So weiß ich zum Beispiel, dass Sie nächstes Jahr 50 werden. Wie geht es Ihnen damit?

Der Unterschied zwischen mir und einem jungen Menschen ist, dass der junge Mensch, angenommen, sein Leben wäre ein Zimmer, die Türe aufmacht und in einem Riesensalon steht, bei dem er ganz hinten die Wand gar nicht sieht. Er weiß auch nicht, wieviele Fenster das Zimmer hat und wie groß es ist. Wenn ich in mein Leben gehe, ist da ein relativ kleines Zimmer und  ich sehe sein Ende, auch, wenn ich nicht weiß, wie schnell ich dort bin.  Manchmal ist man halt lieber im großen Salon als im kleinen Zimmer. Ich habe schon Angst, dass sich nicht mehr alles ausgeht, was ich noch machen will.  Aber das hätte auch mit 25 sein können, wenn ich vom Auto überfahren worden wäre. Abgesehen davon, kann das Alter auch  ein angenehmes Gefühl sein.

Zum Beispiel?  

Manchmal denke ich mir, ich habe schon so viel erreicht. Wenn ich morgen tot umfalle, macht es mir eigentlich nichts. Es wäre unendlich schade, weil ich noch so viel vorhabe, aber ich habe viel erlebt. Ich suche die Balance zwischen „Um Gottes Willen, ich habe noch so viel vor“ und  „Naja, die Mitte des Lebens ist definitiv überschritten.“ Da müsste ich jetzt schon hundert werden.

Die Zahl der Hundertjährigen steigt kontinuierlich. Sie haben gute Chancen.

Ich weiß nicht, ob ich das will. Das Schlimme am Alter ist nicht, dass man einmal stirbt. Was habe ich davon, wenn ich zwischen 60 und 120 krank bin und nix mehr auf die Reihe kriege? Die Angst ist eher, in einem Zustand zu sein, in dem vieles, was man gerne macht, nicht mehr möglich ist. Das erscheint mir schrecklicher als die Tatsache, dass ich einmal nicht mehr existiere. Ich habe ja schon einmal nicht existiert. So schlimm kann das nicht sein.

Sie meinen vor Ihrer Geburt?  

Genau. Ich werde also nach meinem Tod in einem Zustand sein, den ich schon kenne.  So schlimm kann das nicht sein.

Ich hatte als Kind oft den Traum, dass ich sterbe, sich die Welt unendlich weiter dreht und ich nie mehr auf die Welt komme, weil die Ewigkeit eben ewig ist.  

Da kann ich Sie beruhigen. Die Weltkugel hat ein Ende. Irgendwann wird sich die Erde nicht mehr drehen, weil unsere Sonne sich in einen roten Riesen verwandeln wird und die Erde verbrennt. Man weiß zwar noch nicht wie, aber das ganze Universum wird aufhören, sich weiterzubewegen. Es gibt sogar für das Universum ein Ende.

Michael Niavarani Foto: KURIER/Gilbert Novy

Michael Niavarani beim interview mit Barbara Reiter in der Wiener Innenstadt

Das ist auch kein schöner Ausblick. Sie interessieren sich für Quantenphysik, aber auch Geschichte. Kaum zu glauben für einen Schulabbrecher.  

Das war als Schüler auch schon so, ich wusste es nur nicht. Geschichte hat mich immer schon interessiert, obwohl ich in dem Fach sitzen geblieben bin. Aber das Allerwichtigste für mich war immer das Theater, das Komischsein und die Menschen zum Lachen zu bringen.

Sie wissen zumindest etwas mit Ihrer Zeit anzufangen. Da wissen viele nicht.

Mir geht es genauso wie allen anderen.  Wenn ich etwas mit meinem Leben anzufangen wüsste, würde ich nicht Komödien und Bücher schreiben. Es ist schon so, dass Kreativität entsteht, weil man keine Ahnung hat, was man aus seinem Leben machen soll. Dann spielt man halt Geige oder malt ein Bild. Ich glaube, Woody Allen hat einmal gesagt, Filmemachen ist für ihn dazu da, um sich vom Elend seines Lebens abzulenken.  Nun ist das Leben natürlich nicht so elend, es ist aber immer auch ein bissel Beschäftigungstherapie.  

Jeder kennt das Bild vom Autor, der vor einem leeren Blatt Papier sitzt. Ist Ihnen das auch schon einmal passiert?  

Ständig. Das Absurde ist, dass ich so viele Ideen für Theaterstücke oder Bücher habe, dass ich erst recht vor leeren Blättern sitze. Ich leide darunter, dass mir fast auf eine manische Art zu viel einfällt. Wenn ich das eine mache, vernachlässige ich das andere.  Es ist egal, ob dir nichts oder zu viel einfällt. Das hebt sich auf.  

Vielen wären lieber 1000 Ideen als keine.  

Das Allerwichtigste für Menschen in künstlerischen Berufen ist, nichts zu machen, wenn ihnen nichts einfällt. Die schlechtesten und langweiligsten Sachen entstehen, wenn Künstler etwas machen, obwohl ihnen nichts eingefallen ist. Tom Waits hat einmal beschrieben, wie man richtig improvisiert. „Wenn dir was einfällt, sag was, wenn nicht, halte den Mund.“ Genau das ist es.

Und daran haben Sie sich gehalten?

Ja, bei „Was gibt es Neues?“ gibt es Folgen, in denen ich von 45 Minuten 42 Minuten nichts sage. Man hat mir unterstellt, ich mache das absichtlich. Es war aber so, dass mir einfach nichts eingefallen ist.  Dann wird aus dem, dass dir nichts eingefallen ist, der Hauptschmäh.

Sie haben während unserem Gespräch einige Zigaretten geraucht. Ist es rund um den 50er kein Thema für Sie, aufzuhören?  

Natürlich sollte ich aufhören. Andererseits rauche ich gerne. Ich bin da so ein Trottel, um den Kreis zu schließen, dass ich erst aufhöre, wenn es mir richtig schlecht geht. Selbst dann rauch ich wahrscheinlich noch, weil ich mir denke, jetzt ist es auch schon wurscht.

Sie standen zuletzt im Globe mit Otto Schenk auf der Bühne ...

Wir sind gesessen, nicht gestanden.

Mache niemals ein Interview mit einem schlagfertigen Menschen. Also gut, Sie sind gesessen. Was kommt im Sommer?

Ich bin im Juli und August mehr oder weniger auf Urlaub. Es wirkt nur so, als ob ich so viel arbeite. Ich bin drei Wochen mit meiner Tochter in Schottland und danach in London, wo ich schon was für den Herbst vorbereite.  

Ihr Leben von außen betrachtet wirkt wie ein erfülltes Leben. Sind Sie glücklich?  

Im Prinzip schon, abgesehen davon, dass ich mir das halt einrede und nicht wirklich glücklich bin. Aber was ist ein glücklicher Mensch? Ich kann den ganzen Tag grantig sein und mich ärgern, was ich alles zu tun habe. Also bin ich ein sehr glücklicher Mensch, weil ich eigentlich keine  Sorgen habe.

Auf einer Skala von eins (gar nicht gut) bis zehn (großartig): Wo stehen Sie derzeit?

Komplett unterschiedlich. Wenn ich an  mein nächstes Theaterstück denke, bin ich bei gar nicht gut, weil ich noch keine Idee habe. Werden überhaupt Leute kommen? Wird das lustig sein? Wer soll mitspielen oder hat wieder keiner Zeit? Aber wenn ich mir denke, dass dieses Buch endlich fertig ist, bin ich bei großartig.

Wir müssen wohl damit leben, dass das Leben immer gute und schlechte Seiten hat.   

Der Otto Schenk sagt in unserem Programm, dass es kein durchgehendes Glücklichsein und keine durchgehende Depression gibt, außer es passiert etwas. In der Euphorie des Verliebtseins zum Beispiel, hat man das Gefühl, durchgehend glücklich zu sein, aber nur, weil man hormonüberschüttet ist.  In der Trennungsphase hat man hingegen das Gefühl, durchgehend depressiv zu sein, obwohl man nur einen Hormonmangel hat. Je nach Thema bin ich auf Ihrer Skala also bei großartig. Zwei Sekunden später kann ich aber auf entsetzlich fallen.  

Sie hatten heute einen langen Promo-Tag für Ihr Buch. Was wünschen Sie sich für den Feierabend?

Ich habe viel geredet heute und wünsche mir, nichts mehr sagen zu müssen. Obwohl ich zugeben muss, dass ich mich schon auch gerne reden höre.

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DER TAUSENDSASSA

Michael Niavarani
Foto: KURIER/Gilbert Novy

Michael Niavarani, 49,  wird 1968 als Sohn eines Persers und einer Österreicherin in Wien geboren und wächst auch in Wien auf. Schon während seiner Schulzeit spielt er Theater und bricht die Schule ab, um Schauspiel-Unterricht zu nehmen. Seine erste Station ist das Graumanntheater, danach wechselt er ins Kabarett Simpl und wird 1993 dessen künstlerischer Leiter. Anfang der 1990er startet er im Fernsehen mit dem „Comedy Express“ und beginnt zur selben Zeit auch seine Kinokarriere.  1999 schreibt Niavarani sein erstes Soloprogramm „Niavaranis Kühlschrank“ und steht ab 2005 auch gemeinsam mit Viktor Gernot auf der Bühne. Sein erstes Buch „Vater Morgana“, in dem sich Niavarani mit seinen persischen Wurzeln beschäftigt, veröffentlicht er  2009 und verkauft allein in Österreich über 100.000 Stück.   Niavarani schreibt auch Theaterstücke und spielt sie im 2014 eigens dafür gegründeten Shakespeare-Theater.  Der Vielbeschäftigte hat eine Tochter und lebt in Wien.

Info:  Michael Niavaranis neues Buch „Ein Trottel kommt selten allein“, ist im Amalthea Verlag erschienen und kostet 25  Euro.  

www.niavarani.at

(Kurier freizeit am Samstag) Erstellt am
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