Kultur
29.07.2017

Michael Köhlmeier: Reden für die Fische

"Der Mann, der Verlorenes wiederfindet": Novelle über den Heiligen Antonius von Padua

Eine Bauernregel besagt: "Regnet’s am Antoniustag (13. Juni), wird’s Wetter später wie es mag."

Ähnlich präzise ist das Leben des Heiligen Antonius von Padua dokumentiert, dessen Grab unter der Basilica di Sant’ Antonio liegt, wo u.a. seine Zunge verehrt wird, denn er war ein derart guter Prediger, dass ihm – es soll sich in Rimini ereignet haben – sogar die Fische im Meer zuhörten.

Auch der Vorarlberger Michael Köhlmeier war gewiss von den angeblichen rhetorischen Fähigkeiten des aus Lissabon stammenden Theologe und Franziskaner beeindruckt und steuert seinem riesigen literarischen Lebenswerk die Novelle "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" bei.

Kein Wasser

Der Titel klingt geheimnisvoller als er ist: Antonius holte verloren gegangene Schäfchen in die katholische Kirche zurück, indem er Anfang des 13. Jahrhunderts deutlicher, verständlicher über Glaubensfragen redete als die Kollegen.

Entwürfe seiner Predigen sind erhalten geblieben – die Forschung hält die entdeckten "Sermones" für authentisch.

Köhlmeier fantasiert und philosophiert.

Er lässt Antonius auf der Straße von Camposampiero nach Padua zusammenbrechen und sterben. Ein kleiner Mönch will ihm Wasser geben, aber er wird von einem mächtigeren zurückgehalten: Man pfuscht Gott nicht drein. Antonius sei schon fast ein Heiliger (und wurde tatsächlich in Rekordzeit elf Monate nach seinem Tod heiliggesprochen).

Kein Wasser also.

Er liegt auf dem Pflaster und erinnert sich an an seine Zweifel, an den Großvater, an ein Mädchen, an Hochmut und Eitelkeiten.

Eine Schönheit

Kann ja sein, dass etwas Religiöses mit vielen Bibelzitaten im Moment nicht kombiniert – obwohl es um das Nichts geht, um das Böse, um die Besuche Luzifers im Himmel, denn einst war er der Liebling Gottes usw.

In diesem Fall könnte "Der Mann, der Verlorenes wiederfindet" trotzdem von Interesse sein.

Denn Michael Köhlmeier – 67 ist er – erreicht in dieser Novelle eine Schönheit, eine sprachliche Schönheit, in der sich Lockerheit mit Weihevollem paart.

– während rund um den sterbenden Antonius 3000 "Fans" in 20 Meter Entfernung einen Kreis bilden, Lagerfeuer anzündeten, Fische rösteten, Kinder spielen mit Pfeil und Bogen, Händler verkaufen saure Milch und Honigkuchen ...


Michael Köhlmeier:
„Der Mann, der Verlorenes wiederfindet“
Hanser Verlag.
160 Seiten.
20,60 Euro.

KURIER-Wertung: ****