Michael Jackson: Der „King of Pop“ im trojanischen Pferd
Michael Jackson starb vor 17 Jahren. Davor hatte er eine beispiellose Karriere - und wurde mit schweren Vorwürfen konfrontiert.
Ende 2019 wurden bei einem US-Auktionshaus jene weißen, mit Strass besetzten Tennissocken angeboten, mit denen Michael Jackson zu besonderen Anlässen seinem berühmten Moonwalk-Tanzschritt noch mehr Glanz verliehen hat. Die Veranstalter witterten das ganz große Geschäft und verlangten ein Startgebot von 100.000 Dollar. Kein Wunder, erwarteten sie sich ja gar zwei Millionen von dem Toplos. Nur: Keiner wollte die Socken.
Es könnte am unglücklichen Timing gelegen haben. Ja, 2019 war es zwar runde zehn Jahre her, dass Michael Jackson gestorben ist. Aber es war auch das Jahr, in dem die Doku „Leaving Neverland“ herausgekommen ist. In dem Film erhoben zwei mittlerweile erwachsene Männer Vorwürfe des sexuellen Kindesmissbrauchs gegen Michael Jackson. James Safechuck lernte Jackson mit zehn Jahren kennen, Wade Robson mit fünf. Sie berichten, wie sie allein bei dem Weltstar übernachteten. Wie er mit ihnen Pornos angeschaut haben soll und sie zu Oralsex genötigt haben soll. Safechuck erzählt von einer Hochzeitszeremonie, bei der er einen Ring erhalten habe. Sie zeichnen das Bild eines manipulativen Mannes, der weiß, wie er seine Opfer in Schach hält.
Das war für viele ein Schock. Obwohl Vorwürfe des Kindesmissbrauchs in der Vita des Superstars keine Neuigkeit waren. 1993 erhoben die Eltern des 13-jährigen Jordan Chandler solche, das Ermittlungsverfahren wurde nach einer außergerichtlichen Einigung – die eine Millionensumme inkludierte – eingestellt. Zwölf Jahre später stand Jackson tatsächlich wegen derselben Anklage vor Gericht, er wurde freigesprochen.
Boykott? Vereinzelt
Ein Entlastungszeuge, der unter Eid ausgesagt hatte, dass Jackson sich ihm nie unangemessen genähert hatte, war damals Wade Robson. Nicht nur deswegen ist „Leaving Neverland“ heute nicht ganz unumstritten. Aber 2019 schlug die Doku hohe Wellen. In Kanada und Neuseeland kündigten Radiostationen an, Michael Jacksons Musik nicht mehr zu spielen. Und man fragte sich: Ist es nun so weit? Trifft die Cancel Culture den bisher unangreifbaren „King of Pop“?
Kein Ladenhüter auf Spotify
Die Debatten, ob man Werk und Künstler voneinander trennen kann, führt die Öffentlichkeit seit den ersten MeToo-Skandalen um Harvey Weinstein erbittert. Meistens ist man sehr schnell der Meinung, dass das nicht geht. Dass also Künstler mitsamt Werk verdammt werden müssen.
Im Musikbereich hat das oft den Hintergrund, dass man verhindern will, dass das Kaufen bzw. Streamen der Musik die Verfemten noch reicher macht. Bei R. Kelly, der tatsächlich für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen zu einer Haftstrafe verurteilt worden ist, hat das effektiv funktioniert. Im Radio ist er de facto nie zu hören, auf Spotify ist er zu finden, aber aus Playlists ausgeschlossen. Er hat fünf Millionen monatliche Hörer auf dem Streamingdienst. Klingt viel, ist es aber nicht. Michael Jackson hingegen hat immer noch 65 Millionen monatliche Hörer auf Spotify. Das ist natürlich erheblich weniger als Taylor Swift (102 Millionen), aber gleich viel wie die auch gerade sehr populäre Sabrina Carpenter.
Jaafar Jackson spielt seinen Onkel Michael im neuen Biopic, ab kommender Woche im Kino.
Einnahmequelle verwehrt
Ist also Michael Jackson dieser Sonderfall, bei dem Künstler und Werk getrennt werden können? Auf der einen Seite: Nein. Eine der großen Einnahmequellen der Erbeverwalter, des Michael Jackson Estates, ist laut New York Times seit den Vorwürfen in „Leaving Neverland“ nachhaltig versiegt. Für Werbekampagnen wird Jacksons Musik von Firmen nicht mehr gekauft. Nicht zuletzt deshalb hofft der Estate auf eine Image-Politur durch den kommende Woche anlaufenden Film über Jacksons Leben – also zumindest Teile davon. Der Trailer von „Michael“ lässt vermuten, dass die Erzählung endet, bevor es heikel wird.
Selbst Paris Jackson, die Tochter des Sängers, die immer wieder rechtlich gegen (finanzielle) Entscheidungen der Nachlassverwalter vorgeht, distanziert sich vorab von einer Hagiografie: „Es ist Hollywood. Es ist Fantasie“, notierte sie auf Instagram, resigniert, dass ihre Anmerkungen zum Skript ignoriert wurden. Die Taktik scheint aber zu funktionieren: In Großbritannien sind gerade mehrere Alben von Michael Jackson wieder in den Charts eingestiegen.
Tanzen zu Jackson
Denn auf der anderen Seite mehren sich Indizien, dass das mit dem Sonderfall sehr wohl stimmen kann. Erst vergangenen Freitag machte die RTL-Show „Let’s Dance“ ein „Michael-Jackson-Special“. Im handelsüblichen Formatradio sind „Thriller“, „Beat It“ und „Smooth Criminal“ immer wieder zu hören, halt mittlerweile in der Oldies-Abteilung. Neuseeländische Sender, die sich für Boykott entschieden, müssen sich hämische Facebook-Kommentare gefallen lassen, wenn sie Kygos Cover von „Say, Say, Say“ (Jacksons Duett mit Paul McCartney) spielen. Und auf den Sozialen Medien wie TikTok und Instagram herrschen ohnehin andere Regeln bei der Auswahl von Hintergrundmusik, die dann viral geht.
Als Sample oder Interpolation in jüngeren Hits lebt Jacksons Musik quasi als trojanisches Pferd weiter. Einer der berühmtesten Songs mit Jackson-Beitrag ist Rihannas „Don’t Stop the Music“, („Mama-say, mama-sa, ma-ma-ko-ssa“ aus „Wanna Be Startin’ Somethin’“). Der jüngste ist „Wake Me Up“ aus dem Vorjahr von The Weeknd, der sich bei „Thriller“ bedient.
2025 wurden übrigens wieder Strass-Socken versteigert. Die fanden einen Käufer. Für 6.200 Dollar.
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