Der neue Michael-Jackson-Film: Superstar mit Affe und Giraffe
Jafaar Jackson spielt seinen Onkel, King of Pop Michael Jackson: „Michael“.
Das Bio-Pic „Michael“ hätte mit dem Skandal beginnen sollen: Michael Jackson blickt kummervoll in den Spiegel, während hinter ihm die Blaulichter von Polizeiautos aufflackern. Sie nähern sich seiner Neverland Ranch auf der Suche nach belastendem Material aufgrund von Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs.
Diese Szene bekommt niemand zu sehen, denn sie landete – glaubt man dem Branchenmagazin Variety – auf dem Boden des Schneideraums. Wie übrigens der gesamte „dritte Akt“ von „Michael“ gekübelt wurde, der sich mit den Auswirkungen der Missbrauchsvorwürfe auf das Leben Jacksons beschäftigte – und ihn von den Anschuldigungen hätte entlasten sollen. Um aber genau diese Reinwaschung zu verhindern, ist es aus rechtlichen Gründen untersagt, den Namen und die Person des Anklägers Jordan Chandler in einem Film vorkommen zu lassen.
Diese entscheidende Klausel hatte die Produktion, an der das Jackson Estate maßgeblich beteiligt ist, allerdings übersehen, und musste mit einem Mehraufwand von rund 15 Millionen Dollar Szenen neu- und nachdrehen.
Zurück bleibt ein weichgespültes, auf Hochglanz gebürstetes Rumpfporträt, das am Höhepunkt von Jacksons Karriere – und mit Sicherheitsabstand zu den Missbrauchsvorwürfen – im Jahr 1988 endet und sich vor allem an eine loyale Fanbase richtet. In einem Durchmarsch von 1966 bis 1988 rekapituliert „Michael“ die wichtigsten Karrierestufen von Jackson vom gequälten Kinderstar zum globalen Superstar. Plattenaufnahmen, der Dreh von „Thriller“ und legendäre Konzertauftritte fügen sich zu einer „Best of“-Michael-Jackson-Kompilation und feiern frenetisch, was am King of Pop toll war.
Bis zur Perfektion imitiert Jafaar Jackson, Michael Jacksons Neffe, die Moves seines Onkels und seinen Gesang und reißt mit Welthits wie „Dont Stop ’til You Get Enough“, „Thriller“ und „Billie Jean“ sein Publikum vom Sessel. Dazwischen umgibt eine Aura der Einsamkeit Jafaar Jacksons melancholisches Spiel und lässt ihn – obwohl immer im Zentrum der Aufmerksamkeit – emotional im Abseits stehen.
In einer gelungenen Musikerbiografie – wie beispielsweise „Love & Mercy“ über Brian Wilson und die Beach Boys – verzahnen sich Persönlichkeit und künstlerische Produktion ineinander und geben einander Tiefgang. In „Michael“ allerdings bewegen sich Musik und Leben auf parallelen Erzählschienen, die jenseits musikalischer Faktentreue kaum emotionalen Mehrwert bieten.
Erziehung mit dem Gürtel
Antoine Fuqua, der als Regisseur für seine Zusammenarbeit mit Denzel Washington für Action-Krimis wie „Training Day“ und die „The Equalizer“-Trilogie berühmt wurde, lässt „Michael“ im Jahr 1988 während der Bad World Tour beginnen (und enden) – am Gipfel seines Weltruhms. Der King of Pop – zu sehen nur von hinten – steht kurz vor seinem Konzertauftritt, seine Füße stecken in den berühmten weißen Glitzersocken. Frenetisch brüllt ihm das Publikum ein „Michael Michael“ entgegen – Schnitt! – und wir landen im Jahr 1966 in Gary, Indiana.
Im bescheidenen Wohnzimmer eines Einfamilienhauses zwingt Vater Joseph Jackson seine fünf Söhne in die Soulband The Jackson 5. Der jüngste Sohn Michael, erst sieben und ein Ausnahmetalent, ist der Leadsinger. „Gewinner oder Verlierer“ lautet die Maxime des gewalttätigen Vaters, der die Karriere seiner Kinder mit der Gürtelschnalle vorantreibt und Michael regelmäßig verprügelt. Colman Domingo als Joe Jackson spielt den brutalen Patriarchen in eindimensionaler Bösartigkeit bis an den Rande der Selbstkarikatur.
Colman Domingo als prügelnder Joseph Jackson.
Moonwalk
Uninspiriert rattert Fuqua die Konzertauftritte der Jackson 5 wie eine Nummernrevue herunter, so lange, bis sie vom legendären Platten-Label Motown entdeckt werden. Dort liefert ein umwerfender Juliano Valdi als kleiner Michael beim Vorsingen eine berührende Szene und muss dazu ermahnt werden, nicht mit den Füßen zu zappeln.
Jafaar Jackson in "Michael".
Der erwachsene Michael perfektioniert das Fußgezappel zum legendären „Moon-Walk“. Mit sanfter Stimme und traurigem Blick bleibt er emotional das ewige Kind, dessen Zimmer auch im Erwachsenenalter mit Stofftieren vollgestopft ist. Er liebt Peter Pan, Horrorfilme und Charlie Chaplin, sein Freundeskreis besteht aus Affe, Giraffe, Schlange und einem Lama. Sexualität ist bis zuletzt kein Thema.
Dass Fuqua vor seiner Karriere als Actionregisseur auch Musikvideos drehte, macht sich bezahlt, doch abseits seiner musikalischen Showstopper bleibt die private Seite von Michael Jackson reine Bebilderung.
„His story continues...“ heißt es am Ende. Doch selbst bei einer Fortsetzung ist die Hoffnung gering, dass er dem King of Pop näher kommt.
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