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Kultur
11/08/2020

Memoiren von Regisseur Oliver Stone: "Ich fühlte mich ungeliebt"

Der US-Regisseur Oliver Stone im Gespräch über seine soeben veröffentlichen Memoiren "Chasing The Light".

von Elisabeth Sereda

Diplomatie war nie seine beste Charaktereigenschaft. Der bald 74-jährige Regisseur und Drehbuchautor, Sohn eines amerikanischen Colonels, der nach dem 2. Weltkrieg Aktienhändler wurde, und einer Französin, war ein einsames Kind, dass seine Frustrationen in frühen literarischen Versuchen auslebte. Oliver Stone studierte auf der Yale Universität mit George W. Bush, den er schon damals hasste. Als depressiver Jugendlicher trat er der Armee bei und ging freiwillig nach Saigon, wo er seine Freizeit mit Drogendealern und Prostituierten verbrachte. Als er an die Front musste, erkannte er die Sinnlosigkeit des Vietnamkrieges. Mehrmals angeschossen, verließ er das Militär Ende 1968 mit zwei Purple Hearts und einem Bronze Star, den höchsten Auszeichnungen der US-Armee, aber vor allem mit dem Wissen, dass er seine Erfahrungen künstlerisch verwerten würde.

Politisch wurde er zum radikalen Linksliberalen. 1974 machte er „Seizure“, seinen ersten Film, ein Horrormovie. Vier Jahre später gewann er seinen ersten Oscar für das Drehbuch von „Midnight Express“. Er war Co-Autor bei „Conan, der Barbar“ und schrieb „Scarface“. 1986 gewann er den Regie-Oscar für „Platoon“, und der Rest ist Geschichte.In den letzten Jahren schlug er vor allem mit seinen Polit-Dokus Wellen: In „Mi Amigo Hugo“ (Mein Freund Hugo) verherrlichte er den venezolanischen Diktator Hugo Chavez, in „Die Putin Interviews“ behauptet er – trotz Gegenbeweises – Vladimir Putin hätte sich nicht zugunsten Trumps in die 2016-Präsidentschaftswahl eingemischt.

Jetzt hat Oliver Stone mit „Chasing The Light“ seine Memoiren auf den Markt gebracht.

 

KURIER: Das ist Ihr 2. Buch?

Oliver Stone: Ja, aber das erste war ein Kinderroman, der 1997 herauskam. Das hier können Sie eine Autobiografie nennen. Ich bevorzuge Memoiren, weil es sich auf die ersten 40 Jahre meines Lebens beschränkt.

Führten Sie Tagebuch oder konnten Sie sich wirklich an alles erinnern?

Ich habe Tonnen an Tagebüchern aus den 1970er Jahren, aber ich schrieb schon als Kind, weil mein Vater mich dafür bezahlte. Die Tagebücher, die ich seit 1982 habe, sind besser als die davor, weil mein Leben vorher sehr turbulent war. Ich habe in meinem über 100.000 Tagebuchseiten geschrieben. Da sind sehr viele Details drin.

Die erste Hälfte Ihres Buches ist sehr introspektiv, die zweite eher erzählerisch…

Das sehe ich nicht so. Die Tonalität zieht sich durch. Ich habe mein Erwachsenwerden beschrieben und meine Lernphasen als Regisseur.

Man hat Ihnen immer wieder vorgeworfen, dass die Atmosphäre auf dem Set von „Platoon“ vergleichbar war mit Francis Ford Coppolas Chaos bei den Dreharbeiten von „Apokalypse Now“. War der Film wirklich so schwierig?

Die Gemeinsamkeiten ergeben sich schon allein durch den Drehort. Beide Filme wurden im philippinischen Dschungel gedreht. Der Unterschied ist, dass meine Schauspieler von einem Armee-Ausbildner trainiert wurden, dass weniger Drogen im Spiel waren als bei Coppola und dass Willem Dafoe, Charly Sheen und Tom Berenger die moralischen Anführer waren.

Wir kennen alle Ihre Filme, aber wussten wenig über Ihre Kindheit. Wie hat die Ehe Ihrer Eltern ihre eigenen Beziehungen beeinflusst?

Mein Vater war ein konservativer Erbsenzähler und Sklave seiner eigenen Regeln. Meine Mutter war ein rebellischer Freigeist. Die Beziehung war anfangs hochromantisch, aber es war klar, dass die Ehe nicht halten konnte. Sie stritten ununterbrochen. Sie waren wie Scarlett O’Hara und Rhett Butler. Als sie sich scheiden ließen, passierte mit mir, was mit vielen Scheidungskindern passiert. Ich fühlte mich ungeliebt, verlassen und das hat Einfluss auf das ganze Leben. Für mich ist heute, nach eigenen gescheiterten Ehen und Beziehungen, die Familie das Wichtigste. Und die absolute Harmonie zwischen Mann und Frau.

Was bewegt Sie heute noch, einen Film zu machen? Haben Sie noch dieselbe Leidenschaft?

Ich hatte sie 2016, als ich „Snowden“ drehte. Das war ein extrem schwieriger Film. Wir konnten keine amerikanische Finanzierung aufstellen. „Snowden“ ist in Wirklichkeit eine deutsche Produktion. Er wurde auch in München gedreht.

Sie machten einen Film über Ihren ehemaligen Studienkollegen…

Ja, „W“ über Bush junior. Für mich war das eine Vater-Sohn-Tragödie von shakespearischen Dimensionen. W startete den Irakkrieg, um das zu beenden, was sein Vater im Golfkrieg nicht geschafft hatte.

Wie denken Sie über den derzeitigen Zustand Amerikas?

Amerika hat großen Bedarf nach alternativen Medien. Jeder, vor allem in den Fernsehmedien, folgt demselben Denkprozess, auch wenn manche gegenteilige Meinungen vertreten. Wo sind die Freidenker, die Andersdenker? Wir befinden uns in einer Revolution, die Menschen haben Gründe, warum sie der Polizei misstrauen, warum sie eine Reform fordern. Ich hoffe nur, dass wir das möglichst friedlich lösen können, denn ich habe die Marcos-Revolution in den Philippinen miterlebt, und die Proteste gegen Nixon, als er 1970 Kambodscha eingenommen hat, und da wurde NYU, die New Yorker Uni, besetzt und zerstört. Es war wie die Französische Revolution, wo alle Reden geschwungen, gebrüllt und alles zerstört haben, und die Lautesten wurden die neuen Leader. Das ist Anarchie. Ich sehe Revolutionen wie Surfen. Du musst die Welle reiten, bis du auf der anderen Seite herauskommst.

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