Biblisch: Meir Shalev, 66 lebt in Jerusalem

© /Bastian Schweitzer / Diogenes Verlag

Heute kommt keine Friedenstaube geflogen
11/02/2014

Heute kommt keine Friedenstaube geflogen

"Zwei Bärinnen". Biblisches im israelischen Dorf.

von Peter Pisa

Was ist denn mit dir los, Gott? Es ist heute nicht mehr die biblische Zeit, in der Bären aus dem Wald stürzen und die Kinder zerreißen.

... und doch hatte er nichts dagegen, dass ein kleiner Bub von einer Schlange getötet wurde.

Sein Vater hatte mit ihm ein Stück Wüste erkundet. Männertour. Kochen im Wadi. Vögel beobachten. Pflanzen bestimmen.

Da hat er die giftige Sandrasselotter übersehen.

Was ist denn mit dir los, Gott?, fragt viele Jahre später noch immer die Mutter des toten Sechsjährigen, die im Gymnasium Bibelkunde unterrichtet.

Wirst du etwa auch große Steine vom Himmel auf mich werfen? Wird sich jetzt die Erde auftun und mich verschlingen?

Schalom

Meir Shalev, 66, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Israels. Und Friedensaktivist. Er setzt sich für die Rückgabe der besetzten Gebiete ein.

In "Zwei Bärinnen" überrascht er mit Gewalt und vielen Toten.

Im vorangegangenen wunderbaren Roman "Der Junge und die Taube" war alles noch so lieb gewesen.

Man nahm vom Buch auf jeden Fall mit, dass jeder zu seiner Wohnung, zu seinem Haus, seinem Heim "Schalom" sagen sollte oder "Servus", ehe man es betritt.

Das Haus dankt es.

Man wird es wärmer haben. Gut beschützt sein.

Und eine Taube überbrachte 1948, im ersten Israelisch-Arabischen Krieg, Liebesbriefe.

"Zwei Bärinnen" haben keine Friedenstaube zu bieten. Das passt leider besser.

Übersprudelnd erzählt wird von einer Frau, aber es ist eine Männergeschichte, die sich seit Generationen aufgestaut hat: mit Liebes-, Hass- und Rachegelüsten.

Die Familie Tavori in einem Dorf im Norden Israels führt "immer schon" eine Gärtnerei – ohne Orchideen, Großvater Seev hatte etwas gegen die "künstlichste, kitschigste, neureichste, gefallsüchtigste, aufdringlichste" Pflanze.

Schon an dieser Beschreibung sieht man, mit welchen Emotionen hier gelebt wird.

Der Nachbar, der mit der Ehefrau des Gärtners schläft, wird erschossen. Alle im Dorf halten dicht. Das uneheliche Baby wird dem Hungertod ausgeliefert. Das Dorf hält dicht. Und so geht es über Jahrzehnte, Auge um Auge, Zahn um Zahn – was ist denn mit euch los?

Da muss doch auch Gott schrecklich weitermachen!

Dem Buch liegt eine Postkarte des Diogenes Verlags bei, darauf eine Frage, die an dieser Stelle entschieden mit Nein beantwortet wird (weil es herrlich ist) :"Schämen Sie sich eigentlich, wenn Sie bei einer guten Geschichte einschlafen?"

KURIER-Wertung:

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