© ORF/ORF/MR Film/Petro Domenigg

Kultur Medien
01/06/2021

"Vorstadtweiber"-Autor Brée: Lineares Fernsehen "wird wieder konservativer"

Drehbuchautor Uli Brée über Mut im Fernsehen, Streaming und Abschied von den „Weibern“.

von Georg Leyrer

Am kommenden Montag sind sie wieder da, die „Vorstadtweiber“, zum fünften und vorletzten Mal. In der neuen Staffel wollen Maria Köstlinger, Nina Proll und Co. das Geld, das ihnen am Ende der vierten zufiel, gut investieren.

Eine Herausforderung für Drehbuchautor Uli Brée: Er hat, wie er im KURIER-Gespräch schildert, ein Handtaschen-Label inklusive Produkten entwickelt. Handtaschen als Investition? Ja, sagt Brée. Das Luxussegment „ist total schräg. Man muss ein Jahr vorher Taschen reservieren, um dann 15.000 Euro hinzulegen. Handtaschen sind in einer gewissen Gesellschaftsschicht die Aktie der Frau. Die Tasche wächst im Wert. Als Außenstehender fragt man sich: Was ist so toll dran?“

Auch die sechste Staffel ist schon zur Hälfte gedreht; Sendetermin und endgültiger Abschied von der ORF–Erfolgsserie ist 2022 geplant.

KURIER: Sind für Sie die Vorstadtweiber eigentlich schon abgeschlossen?

Uli Brée: Ja. Ich habe das Finale fertig und abgegeben.

Ein trauriger Moment?

Seltsamerweise hat sich diese Sentimentalität, diese Wehmut nicht eingestellt. Ich dachte – jetzt muss ich doch den Tränen nahe sein! Bei „Vier Frauen und ein Todesfall“ war das auch so. Nach 66 Büchern war es halt fertig. Der Wehmutsmoment kam erst, als die letzte Folge – mit vier Jahren Verspätung, wie das beim ORF so üblich ist – ausgestrahlt wurde. Die „Vorstadtweiber“ sind mir schon sehr ans Herz gewachsen.

Und – wie geht die Serie aus?

Ich habe den Handlungsstrang in der neunten Folge der sechsten Staffel komplett abgeschlossen – um mich in der zehnten Folge dem Loslassen, dem würdigen Verabschieden zu widmen. Ich hoffe, ich habe sie liebevoll entlassen. Ich hätte noch viel weiterschreiben können!

Also kommt vielleicht doch eine Fortsetzung?

Ich wollte nicht mehr. Aber alle sind der gleichen Meinung: Es ist genau der richtige Zeitpunkt, diese Figuren zu entlassen. Die sind auch mit dem Alter milder geworden, sie sind am Ende nicht mehr solche Krätz’n, nicht mehr so intrigant.

Wie schade!

Finde ich nicht. Es ist okay, wenn die doch ein bisschen was davon begriffen haben, worum es geht.

Sie haben schon nach der zweiten Staffel gesagt, dass die Serie bald endet, nun wurden es sechs. Was ist da passiert?

Die erste Staffel ist „passiert“, weil man mich hat schreiben lassen. Bei der zweiten haben alle die „Vorstadtweiber“ erfunden, nur ich nicht. Das war die schlimmste Schreibzeit meines Lebens. Ab der dritten hat man mich immer mehr gelassen. Die fünfte finde ich wirklich toll. Die hat einen Look, der echt cool ist. Das schaust du dir an und sagst, Häh, das ist Wien? Da ist im Vergleich zur ersten Staffel auch ein unglaublicher Schub passiert, was die Optik, die Gestaltung, die Umsetzung betrifft. Das Team dahinter wird viel zu wenig gelobt.

Wie stark wird die Pandemie die TV-Produktionen der nächsten Monate hemmen?

Ich höre, dass man wegen Corona 20 Prozent höhere Produktionskosten hat. Der ORF hat soundso nie Geld, da hat sich nicht viel geändert (lacht). Ich gehe davon aus, dass die Produktionen ab dem Frühjahr von Schauspielern und Teams eine Impfung einfordern. Der Staat muss die Impfpflicht gar nicht einführen – die kommt von den Fluggesellschaften, den Konzertveranstaltern und den Arbeitgebern. Wenn das alles wieder durchstartet, dann brauchen alle Sender Content. Und dann wird das alles nicht an Corona scheitern, sondern daran, dass ich keinen Aufnahmeleiter find’. Das merke ich, weil ich erstmals eine kleine Serie selbst produzieren will – und Regie führe.

Für wen arbeiten Sie da?

Ich mache für Servus TV zwei spannende Projekte, das taugt mir voll. Und ich entwickle für den ORF eine Serie.

Nützt es ganz allgemein etwas bei Produktionen im linearen TV, dass im Streamingfernsehen so viele grandios geschriebene Serien zu sehen sind?

Eine Zeit lang war das so. Die Öffentlich-Rechtlichen haben gemerkt: Oh, uns schwimmen die Felle davon. Jetzt trauen wir uns auch etwas, um unsere Seher nicht zu verlieren. Jetzt hat sich das Rad weitergedreht: Das lineare deutsche Fernsehen wird wieder konservativer.

Interessant. Warum?

Die Serie „Hindafing“ etwa funktionierte im linearen Fernsehen gar nicht – aber war ein Hit in der Mediathek. Dort greift das junge Publikum drauf zu. Im linearen TV wird man dafür braver.

Aber auch Ältere wie ich streamen überwiegend.

Ich bin 56 und schau’ fast nur Streaming. Aber der Fehler, den die Streamer machen, ist das Überangebot. Wenn man sich im Streaming etwas anschauen will, surft man eine halbe oder eine dreiviertel Stunde herum, schaut sich viele Trailer und den Anfang irgendeiner Folge an und sagt dann: Lass ma’s. Da punktet das Fernsehen wieder, weil ich mir um 20.15 einfach irgendetwas anschauen kann.

Also – wann kommt eine Brée-Serie fürs Streaming?

Ich bin mit Netflix im Gespräch für zwei Geschichten. Für Sky hat es Pläne gegeben.

Toll. Da gibt es wohl mehr Freiheiten?

Man sollte nicht glauben, dass das der Himmel auf Erden ist. Das ist Business, als Kreativer versucht man, mit seiner dünnen Haut zu überleben. Zu glauben, dass man bei Streamern alle Freiheiten hat, ist ein großer Irrtum.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.