Kultur | Medien
22.11.2018

Steineklauben zur Kontemplation mit der Ars Electronica

Die Linzer Institution für Medienkunst verkauft ihr Know-how in die ganze Welt

Maschinen haben kein Herz – damit eignen sie sich für mitunter sehr liebenswerte Betrachtungen. Die Linzer Medienkunst-Institution Ars Electronica gastiert aktuell mit einer Schau im Berliner VW-Ausstellungsraum „Drive“ an bester Adresse in der Prachtstraße Unter den Linden. Und dieser Umstand erzählt die andere Geschichte der Ars Electronica: die des Kunst-Exports in alle Welt. In etwa zeitgleich mit Berlin starteten Schauen in Peking, Moskau und Seoul.

Was hat Volkswagen davon, sich mit sperrigen Medienkunstthemen auseinanderzusetzen? „Image“ ist die naheliegende Antwort. Man schmückt sich mit moderner Kunst, wobei die von der Ars Electronica kuratierten Beiträge tief in aktuelle Forschungsfelder hineinragen, die Weltkonzerne beschäftigen: Machine Learning, Künstliche Intelligenz, Blockchain ...

Seit sieben Jahren ist die Ars Electronica Gast bei VW und zugleich die einzige Kunstausstellung in den Räumlichkeiten. Dafür gibt es bares Geld: Mit der „Export“-Schiene finanziert man einen wesentlichen Teil des Ars-Electronica-Budgets. Daneben betreibt das Festival lukrative Forschung und bietet Designlösungen an; Auftraggeber ist wiederum oft die Automobilindustrie.

Förderung wackelt

Demgegenüber steht die angekündigte Auflösung von Förderverträgen. 1,2 Millionen Euro würden der Ars Electronica damit fehlen. Festivalchef Gerfried Stocker sieht dies selbstbewusst kritisch: „Wir müssen schon jetzt zwei Drittel unseres Budgets selber verdienen. Keine Chance, dass wir den Ausfall solcher Mittel kompensieren können.“ Man wartet auf den Ausgang des Streits zwischen Stadt und Land.

40 Jahre Ars

Kommendes Jahr feiert das Festival sein 40-jähriges Bestehen – ein günstiger Zeitpunkt: Medienkunst beginnt zaghafte, aber ernst zu nehmende Schritte am internationalen Sammlermarkt und ist auch an den Kunstuniversitäten mittlerweile fest verankert. Ein wichtiger Partner ist hier die renommierte Central Academy of Fine Arts (CAFA)in Peking, die gerade dabei ist, das gesamte Ars-Electronica-Archiv ins Chinesische zu übersetzen – Linz ist internationaler Know-how-Träger für die Medienkunst im Fernen Osten.

Den Berliner Besuchern ringt man mit den gezeigten Installationen zunächst ein rätselndes Lächeln ab, um sie informierter in herausfordernde Zeiten zu entlassen. Die Installation „Iller“ von Prokop Bartoníček und Benjamin Maus etwa übt sich in robotischer Kontemplation: Sie sortiert Kiesel nach ihrem geologischen Alter. Ein hypnotisch-langweiliger Vorgang, der in die geologische Forschung Einzug halten soll.

Hilflose Maschine

Wie hilflos künstliche Intelligenz den menschlichen Codes gegenüber steht, zeigt wiederum die Installation „Asemic Languages“ von So Kanno & Yang02 aus Japan: Sie ließen eine Maschine die menschliche Handschrift lernen – ohne weitere Informationen. Der Roboter liefert brav wunderschönste Kalligrafie, die jedoch bei näherer Inspektion keinerlei Buchstaben enthält.

Unter die Kategorie liebenswert fällt „Bittercoin“ von César Escudero Andaluz und Martín Nadal : Der langsamste Bitcoin-Miner der Welt ist ein handelsüblicher alter Tisch-Taschenrechner mit Endlospapier-Rolle. Das „Schürfen“ dauert für ihn eine rechnerische Ewigkeit. Dafür spuckt er alle Rechenschritte brav auf Kassenzettel aus. Einsamer sah man eine Maschinen selten vor sich hin werken. Letztenendes braucht es auch für die komplexesten Algorithmen den Menschen als Inputgeber, wie die Installation „MOSAIC Virus“ der Britin Anna Ridler zeigt: Sie verarbeitete Bilder von tausenden Tulpenblüten für eine Visualisierung des Bitcoin-Kurses. Und musste dem Programm beibringen, wo weiß endet und hellrosa beginnt.