Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt

© Screenshot: prosieben.de

TV-Tagebuch
04/01/2021

"Sch*** auf die Quote": Sieben Stunden TV-Geschichte mit Pflegedoku

Mit einem überraschenden Special von "Joko & Klaas live" lenkten die beiden Fernsehmacher viel Aufmerksamkeit auf das sperrige Thema Pflegenotstand. Und landeten sogar einen Quotenerfolg.

von Peter Temel

 *Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Mit sieben Stunden Bewegtbild kann man hierzulande Regierungen stürzen.

Man kann auch so lange zuschauen, wie schwitzende Sportler durch Frankreich radeln.

Die gesamte Staffel von „Tiger King“ im Bingewatching ginge sich auch noch aus.

Sieben Stunden wären auch ungefähr ein Arbeitstag in einem Pflegeberuf, wenngleich die tatsächliche Arbeitszeit wesentlich höher ist. Von 200 bis 300 angelaufenen Überstunden berichtet ein Pfleger am Mittwochabend auf ProSieben. Er ist einer von zahlreichen Frauen und Männern aus Krankenhäusern und Altenheimen, die zur besten Sendezeit zu Wort kamen, um auf den Pflegenotstand in Deutschland hinzuweisen. Sieben Fernsehstunden lang.

"Was da gerade bei ProSieben passiert, dürfte ein Stück deutsche TV-Geschichte sein", twitterte der Kultursender Arte. Der Stern: „Das ist ein Abend, der in die TV-Geschichte eingehen wird.“ Die sozialen Medien gingen plötzlich über mit einem Thema, das viele als sperrig erachten. Das ist #nichtselbstverständlich.

Aus 15 Minuten wurden sieben Stunden

Was ist passiert? Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf haben in ihrer Show "Joko & Klaas gegen ProSieben" wieder einmal frei gestaltbare Sendezeit gewonnen. Diese füllen die beiden unterhaltsamen Kreativköpfe - hierzulande oberflächlich vielleicht unter „Fernsehkasperl“ eingeordnet - dann mit gesellschaftlich höchst relevanten Inhalten.

Aber diesmal wurde „Joko & Klaas live“, das wie gewohnt wie ein schlecht gemachtes Neunziger-Homevideo beginnt, ohne jede Vorankündigung bis in die Morgenstunden gesendet. Das heißt, der Sender wusste diesmal ausnahmsweise schon, welches Thema geplant ist, musste aber erst von der Wahnsinnsidee, einen Abend lang ohne Unterhaltungsfernsehen und ohne eine Werbesekunde zu senden, überzeugt werden. "Sowas stellt nämlich in so'nem Sender ein bisschen was auf den Kopf und widerspricht genau genommen jeder Regel des Fernsehens", leitete Klaas die Sondersendung ein. Das Fehlen der Werbeunterbrechungen wurde übrigens von der Versicherung CosmosDirekt und der Deutschen Telekom kompensiert.

Joko sagte zu Beginn: "Ein Thema, das uns alle betrifft, mitten aus dem Leben, und dennoch zu oft ganz am Rand der allgemeinen Wahrnehmung. Viele Themen im Leben bekommen erst dann den Stellenwert, den sie verdient haben, wenn man die Gelegenheit bekommt, sich in ein Leben hineinzuversetzen, das nicht zwangsläufig das eigene ist."

Dies wurde diesfalls mit einer kleinen Körperkamera bewerkstelligt. Die Zuseher konnten eine ganze Schicht der stark geforderten, aber stets freundlichen Gesundheits- und Krankenpflegerin Meike Ista im Knochenmark- und Transplantationszentrum der Uniklinik Münster verfolgen.

Traurig

„Es macht mich traurig, alle Lasten tragen zu müssen. Jedem einzelnen gerecht zu werden. Wie ein Schutzschild vor allem zu stehen und alles abzubekommen. Wir sind einfach 'selbstverständlich'. Aber das sind wir nicht.“ Diese mit „anonym“ gekennzeichneten Sätze leiten in den Film ein, die Musik erinnert an einen Sonntagabend-Thriller. Man sieht, wie Pflegerin Meike Ista ihren Wagen in einer Garage parkt und am 18. März 2021 um 5:56 Uhr die Münsteraner Klinik betritt. Es ist noch dunkel. Sie desinfiziert ihre Hände und legt die Arbeitskleidung an.

Seit siebeneinhalb Jahren arbeitet sie an der Klinik. Letztendlich handle es sich bei den zu pflegenden Menschen um „todkranke Patienten mit Leukämien“, sagt sie. „Man ist einfach ganz nah dran, man bekommt ganz viel zurück, ganz viel Dank“, sagt sie, „manchmal sind das so Kleinigkeiten wie ein Lächeln, was halt irgendwie das Ganze so toll macht.“

Pflegekräfte flüchten "reihenweise"

Aus der Gesellschaft komme aber nicht annähernd so viel zurück, auch nicht aus der Politik. Diesen Eindruck vermittelt nicht nur Ista, sondern auch jene Berufskolleginnen und –kollegen, die mit ihren Statements zwischendurch zu Wort kommen.

„Für mich ist das der schönste Beruf der Welt“, sagt Franziska Böhler, eine Krankenpflegerin, die auf einer anästhesiologischen Intensivstation arbeitet. Sie beobachte aber, wie Kolleginnen und Kollegen „reihenweise flüchten“. Sie selbst wolle sich "einfach weigern, aufzugeben."

Krankenpfleger Dominik Stark sagt, er habe gelesen, dass in der Coronakrise 9.000 Pflegekräfte ihre Stelle gekündigt haben, „das ist natürlich eine gravierende Zahl und erschreckend“. Wenn sich dies fortsetze, „dann gibt es auch immer weniger Intensivplätze, die wir nutzen können“, sagt Pfleger Alexander Jorde.

Altenpflegerin Flora Reiling erlebt zum Teil, „dass wir wirklich für 35 Bewohner morgens im Frühdienst nur zu zweit arbeiten.“

Wütend

Man bekomme immer wieder zu hören: „Ihr könnt ja die Patienten nicht im Stich lassen“, berichtet Jorde. „Wir lassen die Patienten nicht im Stich, die Gesellschaft, die Politik und die Krankenhäuser machen das seit Jahrzehnten. Und irgendwann können wir auch nicht mehr.“ Die Würde des Menschen ende nicht bei den Patienten. „sondern die geht auch beim Personal weiter.“

Krankenpfleger Dustin Struwe ist „wütend, dass es eine Pandemie braucht, um auf Missstände in der Pflege aufmerksam zu machen.“

Meike Ista behält derweil ihre Freundlichkeit bei, betritt ein Krankenzimmer. „Es war wohl nicht so eine Supernacht, oder?“ fragt sie eine Patientin verständnisvoll. Wenigstens hat eine geänderte Bettposition bei der Patientin für eine „Druckentlastung im Bauch“ gesorgt.

Druckentlastung, das können auch die Pflegerinnen und Pfleger dringend gebrauchen. Das haben Joko, Klaas und ihr Team gezeigt. Mehr als sieben Stunden lang.

„Das funktioniert aber auch nur, wenn jemand bereit ist, seine Welt zu öffnen und mit Geduld und Beharrlichkeit vielleicht auch schon zum wiederholten Mal zu sagen, was es braucht, damit sich was zum Guten ändert. Das ist #NichtSelbstverständlich“, sagen sie.

Quote

"Wisst ihr was? Scheiß auf die Quote, wir machen das jetzt einfach", habe man bei ProSieben gesagt, berichtet Joko am Beginn. Mit 16 Prozent Marktanteil war der Sender am Mittwoch aber sogar der erfolgreichste in der jungen Zielgruppe (14 – 39 Jährige), wie der Sender mitteilte.

Im Netz zeigt ProSieben die ersten 33 Minuten des beeindruckenden Fernsehabends. Für einen historischen Streamingmoment fehlt noch das vollständige siebenstündige Video. Aber das kennen wir ja, hierzulande.

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