Kultur | Medien
06.10.2018

Prime Videos Expansionskurs: Glamour auf Bestellung

Reportage: Ein Tag in London zeigt, worauf wir uns im TV-Geschäft einstellen können: Hollywood in Episodenformat.

Irgendwann stand ich neben Don Draper am Klo. Schwer zu sagen, ob „Mad Men“-Darsteller Jon Hamm oder mich das mehr überraschte. Keiner von uns beiden hatte an diesem warmen Oktobernachmittag in der City of London eine andere Wahl: Ein Gigant hatte uns in ein dreistöckiges Townhouse voller Journalisten und Schauspiel-Stars geführt, um Interviewrunden abzuspulen. Und an diesem Ort gab es eben nur eine Toilette. Anwesende Damen hatten ähnliche Erlebnisse mit Julia Roberts. Der gemeinsame Tag war lang.

Der 900-Milliarden-Konzern Amazon hatte zu dem Event gebeten. Und die Veranstaltung stellte gewohnte Serien-Präsentationen nonchalant in den Schatten, lieber vollführte man eine Art-Mini-Cannes für seine Streamingabteilung. Diese nennt sich Prime Video und ist neben Netflix der dominierende Anbieter hochwertiger Serien, die über das Internet gestreamt werden.

Der Tag begann um 8.30 Uhr in einem der letzten Londoner Nachkriegskinos, dem Curzon Mayfair, wo über 200 Journalisten aus ganz Europa zunehmend ermattet Trailer nach Trailer und Podiumsgespräch nach Podiumsgespräch verfolgten. Man ließ die eingeflogenen Reporter „sorry – die Planung“ – effektvoll im Unklaren darüber, auf wen sie treffen würden und fuhr dann ein A-Liga-Kaliber nach dem anderen auf: Orlando Bloom, Clara Delevigne, Jon Hamm ... Dazwischen federte euphorisiert und charismatisch der Fantasy-Autor Neil Gaiman im Sessel auf und ab und „ Mad Men“-Schöpfer Matthew Weiner parlierte angeregt über sein Großprojekt „The Romanoffs“ (siehe Story weiter unten).

Psychothriller

Irgendwann stakste dann auch Julia Roberts aus dem Dunklen unter die Scheinwerfer. Sie wird der Star von „Homecoming“, einem Psychothriller, der im November startet. Roberts gibt darin ihr TV-Debüt (und produzierte dieses auch mit). Viel länger hätte sie nicht zuwarten dürfen, sonst wäre sie bald der letzte Kinostar gewesen, der sich im Serienformat probiert.

Fragt man Roberts nach ihren Erfahrungen in dem neuen Genre, perlt man erwartungsgemäß an einen sehr nett lächelnden Vollprofi ab. Ja, sie habe mehr Drehbücher lesen müssen als gewohnt, enthüllte sie großzügig. Und daher weniger Zeit für Wäsche und Kochen gehabt: „Mein Ehemann meinte, er hat mich noch nie so hart arbeiten sehen.“ Häh?

Sie sagt dann auch artig jenen Satz, der von allen Neuankömmlingen im Streamingbusiness erwartet wird: „Fernsehen ist im Moment SO kreativ.“

Das stimmt. Aber der Grund, warum Frau Roberts und ihre Kollegen alle hier sitzen, ist vor allem die Goldgräberstimmung in der Branche. Noch nie hat TV so einen Geltungsdrang entwickelt. Amazons Prime Video wirft mit Geld um sich. Netflix tut das gleiche – und die beiden veranstalten ein schön anzusehendes Match um global noch ausreichend vorhandene Kundenpotenziale.

Hochgeschraubt

Irgendwann in naher Zukunft wird dann Disney in den Ring steigen und unsere Ansprüche ans Fernsehen in noch größere Höhen schrauben. Der Unterhaltungskonzern ist gerade im Begriff, 21st Century Fox zu erwerben und wird damit über Rechte von „Avatar“ bis zu den „X-Men“ bekommen. Wenn der Deal über die Bühne ist und Disney wie erwartet in das globale Streaminggeschäft einsteigt, werden die Datenleitungen in die Wohnzimmer global noch einmal ordentlich zu glühen beginnen, soviel ist sicher.

Die Strategie von Prime Video, in dem Geschäft nachhaltig eine relevante Größe zu bleiben ist, so sagten es an diesem Tag in London alle Verantwortlichen: Qualität vor Quantität. Besonders Lokales soll hervorgehoben werden. In unseren Breiten ist etwa „You are wanted“ bekannt, die im Vorjahr als erste deutsche Amazon-Produktion die Seher eroberte, in weiterer Folge auch global. Hauptdarsteller Matthias Schweighöfer fungierte zugleich als Regisseur und durfte Pionierarbeit leisten.

Es geht aber auch anders: Etwa bei der Tom Clancy-Materie „Jack Ryan“? Die Serie um einen Ökonomen, der für die CIA von einem Abenteuer ins nächste stolpert, ist in manchen Ländern so flächendeckend plakatiert, als handle es sich um den neuesten Kino-Blockbuster. Genau in dieser Liga tritt Amazon ebenfalls auf – und setzt durchaus auf Breite, schließlich ist man mit dem Versand von Waren aller Art groß geworden.

Das Motto lautet unübersehbar: Was wir machen, soll die Massen bewegen. Wenn auch über Erfolg und Misserfolg im Gegensatz zu den unerbittlichen öffentlichen Kinostatistiken nichts nach außen dringt – Amazon verrät ja nicht einmal, wie viele von seinen Prime-Kunden den Videodienst wie oft nutzen.

Ein Prime-Abo, könnte etwa auch einfach wegen günstigerer Versandbedingungen abgeschlossen werden. Oder auch den gleichnamigen Musikdienst nutzen. Unabhängig davon: Die beiden Streaminggiganten sind in den Fokus des internationalen Publikums gerückt.

Wertvolle Marken

Laut Markenberater Interbrand sind Amazon und Netflix die am schnellsten an Wert zulegenden Marken der Welt, beide wuchsen ungefähr um die Hälfte und hängen die Konkurrenz damit deutlich ab.

Was bleibt? Netflix mag der First Mover auf dem Streaming-Markt gewesen sein – Amazon fährt aktuell mit der Stretch-Limousine davon. Zumindest in PR- und Marketingbelangen. Das zeigt auch das obenstehende „Familienfoto“ nach dem PR-Tag. Jon Hamm ist übrigens sehr höflich gewesen.

"The Romanoffs": Die ermordete Zarenfamilie als Klammer

Eine märchenhafte Liebesbeziehung, ein fataler Seitensprung oder ein gruseliger Dreh mit Folgen: In Matthew Weiners neuer Serie „The Romanoffs“, die der „ Mad Men“-Erfinder für Amazon Prime Video entwickelt hat, dreht sich zwar alles um (zumeist vorgebliche) Nachfahren der von den Bolschewiken im   Jahr 1918 ermordeten  Zarenfamilie. Wer auf lange Handlungsbögen in der berühmten „horizontalen Erzählweise hofft, wird jedoch enttäuscht – Weiner legte nämlich eine Anthologie vor. Die acht Episoden könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie sind ab Freitag auf Prime Video abrufbar.

„Mir war wichtig, dass wir einen Wochenrhythmus einhalten“, erklärte Weiner vor Journalisten. „Wir beginnen mit einer Doppelfolge, aber dann gibt es jeweils eine Episode. Früher gab es eine Zeit, als Fernsehen gemeinschaftlich ablief. Und dazu wollte ich wieder zurück. Glücklicherweise war Amazon demgegenüber offen.“

Aber zurück zu den „Romanoffs“: Wer Weiners Arbeit kennt und schätzt, der wird auch hier fündig. Mit größter Sorgfalt und Ruhe werden Charaktere eingeführt, Abhängigkeiten etabliert, Unterschwelliges angedeutet.  Zum Auftakt („The Violet Hour“) darf die Schweizer Schauspielerin Marthe Keller als hochnäsige Pariser Dame all ihre Bosheit ausspielen. „Sie ist so böse, so rassistisch, so bourgeois und französisch“, fasste sie ihre Figur zusammen. „Das fühlte sich beinahe wie eine Entgiftung an.“ 

Ihr gegenüber steht die junge Muslima Hajar (Ines Melab), die die ziemlich hypochondrisch veranlagte und rassistische Frau betreut – und dabei ihrem Neffen Greg (Aaron Eckhart) näherkommt. All das geschieht vor dem romantisch-kitschigen Hintergrund der französischen Hauptstadt – kein Wunder, dass Weiner da selbst von einem „Märchen“ spricht. Und der Romanow-Konnex? Ist zwar sehr deutlich vorhanden (die von Keller porträtierte Figur gibt an, eine direkte Nachfahrin zu sein), bleibt letztlich aber eher verbindendes Vehikel für das, was noch kommen soll, als dass sich die eigentliche Geschichte dadurch maßgeblich weiterdreht. 

Stattdessen hat Weiner sein Faible für klassisches, ja geradezu altmodisches Erzählen, das auch bei „Mad Men“ mehrfach zum Vorschein kam, noch deutlicher in den Vordergrund gerückt. „Die Romanows sind ja beinahe wie ein eigenes Genre“, erklärte er. „Es gibt so viele Filme über die Familie, über Rasputin. Ihre Geschichte ist auch eine von Überlebenden. Und das fühlt sich heute noch relevant an.“

Überleben ist auch ein Stichwort für die zweite Episode („The Royal We“), die ebenfalls Freitag in einer Woche bei Amazon abrufbar sein wird. Darin verstrickt sich Corey Stroll in eine verhängnisvolle Affäre, während seine Frau (dargestellt von Kerry Bishe) auf eine besondere Kreuzfahrt geht. Diese präsentiert sich nämlich als eine Art Klassentreffen für die offenbar weit verstreute Romanow-Sippe, der auch ihr Mann angehört. Da wie dort läuft aber nicht alles so, wie man es sich erwartet. Für Kitsch und Emotionen ist dank reichlich großer Gesten, altbekannter Klischees und einiger absurder Einfälle trotzdem genug Platz.

Eine Folge spielt übrigens in Österreich. Was darin zu sehen ist, unterliegt noch Geheimhaltung. Allerdings darf eines verraten werden: Die Serie wurde in Wahrheit in Tschechien gedreht, auch wenn Weiner augenzwinkernd erklärte, dieser Teil des Landes wäre zumindest historisch einmal Teil des Landes gewesen. 

Eher obskur wird es bei der Frage, warum er die Episode in Österreich spielen lässt: „Wir wollten einen Horrorfilm drehen.“ Dieses Klischee ist uns neu. Aber Weiner recherchiert angeblich sehr genau ...