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28.01.2019

Precht in ORF-Talk: "ÖVP wird Grundeinkommen einführen"

In der Diskussion über "Jobkiller Roboter" ereiferte sich der deutsche Starphilosoph über "niedliche Vorschläge" in Österreich.

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Wenn Experten in einer Fernsehdiskussion sitzen, erwartet man nicht unbedingt harte Debatten, sondern eher noble Zurückhaltung. Beim ORF-Talk „Im Zentrum“ am Sonntag zum Thema „Jobkiller Roboter - wer hat morgen noch Arbeit?“ war es ein bisschen anders. Zu Gast war der telegene deutsche Generalauskenner Richard David Precht.

Zunächst lieferte der Philosoph eine Art Einleitung: Im ersten Maschinenzeitalter sei die menschliche Hand ersetzt worden. Im zweiten Maschinenzeitalter sei nun das menschliche Hirn an der Reihe. 

Precht liebt knallige Sätze, die freilich noch der Differenzierung bedürfen. Denn genau genommen befinden wir uns längst in einem solchen zweiten Maschinenzeitalter, schließlich übernehmen Computer schon seit Jahrzehnten nicht-manuelle menschliche Tätigkeiten. Und der Fernfahrer, der bald durch autonomes Fahren arbeitslos werden könnte, benötigt auch seine Hände für den Job.

Weichenstellungen

Mithilfe der Maschinen könnte eine „wunderbare Gesellschaft“ gebaut werden, sagte Precht, aber: „Ich würde mir gern bei diesem Umbruch die massiven Schattenseiten ersparen.“ Damit es geringere gesellschaftliche Verwerfungen gebe als im ersten Maschinenzeitalter, müsse man rechtzeitig Weichenstellungen vornehmen. Nämlich jetzt.

Mit den Weichenstellungen, die ihm am Sonntag von seinen österreichischen Gesprächspartnern präsentiert wurden, war Precht so gar nicht zufrieden.

Dabei übte sich Barbara Teiber, Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten, geradezu in Optimismus. Vor großer Arbeitslosigkeit aufgrund von Automatisierung sei schon in den 1970ern gewarnt worden (siehe Spiegel-Cover unten), und es sei nicht so schlimm gekommen. Es gebe höchst unterschiedliche Prognosen und durch den technologischen Wandel würden neue Jobs geschaffen, „die wir uns jetzt noch gar nicht vorstellen können“.

Prechts Reaktion fiel gepfeffert aus: „Wenn die Gewerkschaften so weitermachen, wird es sie vielleicht zurecht nicht mehr geben.“ Er glaube zwar ebenfalls nicht, dass die Hälfte aller Jobs wegfallen werde. Aber wenn es vielleicht nur 20 Prozent seien, „dann leben Sie hier in Österreich in einem anderen Land“. Dies könne „für Tumulte sorgen.“ „Es nützt überhaupt nichts, sich zu beruhigen, dass neue Jobs geschaffen werden“, sagte Precht. „Inwiefern kann man den Bankangestellten, der seinen Job verliert, beruhigen, in dem man sagt: ‚Er soll doch Big Data Analyst werden, durch lebenslanges Lernen‘?" Precht weiter: „Der Arbeitsmarkt ist doch kein Nullsummenspiel." Viele Leute, die ihren Job verlieren, „werden nicht in den Jobs arbeiten, die neu geschaffen werden“, daher brauche es vonseiten der Politik "verdammt gute Ideen“.

Teiber versicherte, „keine Beruhigungspillen“ verabreichen zu wollen. „der digitale Wandel muss gestaltet werden und man muss die Beschäftigten mitnehmen.“ Konkrete Maßnahmen konnte die Gewerkschaftschefin aber nicht nennen, sie sehe die Politik gefordert. Es gehe ihr um eine gerechtere Verteilung „der Arbeit, die übrig bleibt", also um eine Arbeitszeitverkürzung.

Runtastic-Gründer Florian Gschwandtner zeigte sich in dem Punkt Ausbildung und Umschulung - ähnlich wie Precht - kritisch: „Die Menschen, die wir jetzt haben, können wir in zehn Jahren nicht einsetzen.“ Bildung sei der wichtigste Faktor, aber das gehe „nicht von heute auf morgen.“ 

Der Start-Up-Pionier, der auch die Regierung zum Thema Digitalisierung beraten hat, schlägt daher Programmieren als dritte Fremdsprache vor. Es sei in Zukunft wichtig, die Algorithmen zu verstehen.

Das stärken, was künstliche Intelligenz nicht kann

Precht schüttelte wieder fleißig mit Kopf und Haupthaar. „Die Leute, die da reingeschnuppert haben, wofür sollen Sie die brauchen?“ fragt er provokant und zog folgenden Vergleich: „Um ein Fahrzeug steuern zu können, müssen Sie nicht wissen, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert.“ Die IT-Branche werde in Zukunft nur ein paar ausgesuchte High-End-Fachkräfte benötigen.

Man müsse im Gegenteil das stärken, was künstliche Intelligenz nicht kann. Hauptwachstumsbereich werde nicht die IT sein, sondern jene Bereiche, wo der Kontakt mit real existierenden Menschen nachgefragt werde: Precht nannte Altenpflege, Animateure, Fernsehmoderatoren. Auch für das hoch qualifizierte Handwerk sehe er in Zukunft „goldenen Boden“.

Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) hob hervor, dass digitale Kompetenz durchaus wichtig sei, in der Ausbildung müsse das bisher aufgebaute traditionelle Wissen mit dieser verknüpft werden.

Precht hakte sich bei dem Thema Bildung noch einmal fest, „weil wir hier eine Kontroverse haben“. Dass alle das Gleiche lernen, z.B. vom Kindergarten weg das Programmieren, sei ihm „zu sozialistisch gedacht“.

ÖVP-Ministerin Schramböck hat wohl auch noch nie gesagt bekommen, dass sie ein „sozialistisches Schulmodell“ vertrete. Als Precht forderte, es müsse viel mehr auf individuelle Begabungsförderung gesetzt werden, stimmte sie zu, da seien sie „einer Meinung“.

Kontroverses Thema Grundeinkommen

Beim letzten großen Themenblock, der sich mit der Finanzierung des gesellschaftlichen Wandels beschäftigte, wurde es dann noch kontroverser. Precht, der im ZDF selbst ein TV-Debattenformat ("Precht") moderiert, schien die Sendung zwischendurch ganz übernehmen zu wollen.

Er plädierte für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die Digitalisierung werde ohne diese Maßnahme nicht gehen. Maschinen würden nicht konsumieren, keine Steuern zahlen oder Pensionssysteme stützen. „Über Besteuerung von Erwerbsarbeit können wir unsere Sicherungssysteme nicht mehr finanzieren“, sagte Precht

Dann folgte wieder so ein knalliger Precht-Satz: „Es ist schwierig, als Hartz-IV-Empfänger eine schöne Frau zu bekommen.“

Mit einer Grundsicherung von zumindest 1.500 Euro sollten soziale Härtefälle vermieden werden, weitere 1.000 Euro sollte man steuerfrei dazuverdienen können. „Das ist mehr als die Sozialdemokratie jemals rausgeholt hat“, ätzte Precht.

Die Wirtschaftsministerin hält das bedingungslose Grundeinkommen für nicht praktikabel, als Beispiele nannte sie Finnland, wo ein entsprechender Test abgebrochen worden sei, und die Schweiz, wo sich die Bevölkerung bei einem Volksentscheid dagegen ausgesprochen hätte. Die Regierung habe es sich zur Aufgabe gemacht, Leute in Beschäftigung zu halten, sagte Schramböck.

Gschwandtner: 9 bis 9 mal 6

Gschwandtner fügte hinzu, das Angebot eines Grundeinkommens würde von vielen einfach nur ausgenützt werden. Teibers Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung, weil die Menschen und nicht ein paar wenige vom Produktivitätsschub profitieren sollten, erteilte der Unternehmer nicht nur eine Absage, er drehte den Spieß sogar um: „In Europa können wir nicht mit 38,5 Stunden auskommen“. In Asien werde im Start-up-Bereich sechs Mal die Woche von 9 bis 9 Uhr gearbeitet.

In der Annahme, dass Gschwandtner "9 bis 21 Uhr" gemeint hat, wären das 72 Stunden Arbeit pro Woche.

„Aber das ist ja nicht lebenswert", sagte Teiber. Beim Thema Grundeinkommen zeigte sich auch die Gewerkschafterin vorsichtig. Sie sehe dafür keinen Grundkonsens. Außerdem: Wenn das System sich nach der Einführung als nicht funktionstüchtig erweise, gebe es dann keinen intakten Sozialstaat mehr.

Philosoph sieht "Verniedlichung"

Precht war jetzt richtig warm gelaufen. Der Philosoph sah nichts als „niedliche Vorschläge“. Wenn das Grundeinkommen abgelehnt werde, nur weil die Schweizer nicht dafür seien, dann werde „das Niveau, in dem hier diskutiert wird, nicht dem Ernst der Lage gerecht.“ Man müsse sich „doch überlegen, wie soziale Sicherungssysteme in Zukunft noch funktionieren sollen.“

„Wir stehen ja noch vor diesem Sprung“, sagte Precht. Da könne man doch nicht sagen: „Wir bleiben bei den alten Systemen, wir kriegen das schon irgendwie hin. Das ist doch eine totale Verniedlichung des Themas.“

Schramböcks Antwort: „Es verniedlicht niemand das Thema und es weiß jeder genau, was zu tun ist. Aber was passiert ist, ist, dass von Politikern vergangener Generationen zu wenig gemacht wurde.“ Sie sei gegen Panikmache und sehe sich hier mit dem deutschen Gewerkschaftschef einer Meinung.

Moderatorin Claudia Reiterer hatte noch eine kleine Erinnerung an Schramböck: „Seit 32 Jahren ist die ÖVP in Regierungen und stellt das Wirtschaftsministerium.“

Schramböck: „Ich gehöre zur neuen ÖVP.“

Precht: Grundeinkommen wird kommen

Precht ließ nicht locker. Den Weg zum Grundeinkommen, "das die ÖVP mit Sicherheit in zehn Jahren einführen wird, weil man gar nicht daran vorbeikommt", bezeichnete er als Notwendigkeit, für die man in verschiedenen Ländern nur unterschiedlich lang brauche, um sie nachzuvollziehen.

Nur Roboter Henry wurde verschont

Precht, der einmal Schramböck auch rüde unterbrach, zeigte Lust an der Kontroverse und teilte in alle Richtungen aus. Nur einen ließ er ungeschoren. Den Roboter Henry, der zur Halbzeit der Sendung vorgestellt worden war.

„Guten Abend, Frau Reiterer. Bin ich Kollege oder Konkurrent?“ fragte Henry mit metallischer Stimme. Veronika Schauer vom Haus der Barmherzigkeit erklärte den Tätigkeitsbereich des Roboters: „Der Henry war bei uns im Pflegekrankenhaus unterwegs.“ Zunächst habe er gelernt, den Bettentransporten auszuweichen, was schwierig gewesen sei, dann, Personen in einen Raum zu bringen. 

Ob Henry eine diplomierte Fachkraft ersetzen könne, fragte Reiterer.

Schauer: „Aus unserer Sicht: Nein.“

Allgemeines Schmunzeln. Gegen Henry hatte niemand etwas, nicht einmal Richard David Precht.

IM ZENTRUM: Jobkiller Roboter