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ORF-Wahl: Das stört die Favoriten an den ORF-Nachrichten

Die Generalthemen der Bewerberinnen und Bewerber: Die Zukunft ist digital, lokal und neutral. Rundherum gibt es in den Konzepten Variationen zu ähnlichen Punkten – und Signale an die Politik.
Georg Leyrer
Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker und APA-CEO Clemens Pig

Ein fundiertes und innovatives Konzept dazu, wie der ORF künftig funktionieren soll, war bei den letzten dortigen Generaldirektorenwahlen ein bisschen so wie das gute Porzellan: Wichtig ist weniger, dass man es verwendet, als dass man selbst und die Nachbarn wissen, dass man es hat. Für die Entscheidung, wer Hüttenwirt am Küniglberg wird, war anderes ausschlaggebend.

Das ist diesmal doch anders. Aus mehreren Gründen sind die Konzepte jener, die am Donnerstag eine zumindest halbwegs realistische Chance auf die Kür zum ORF-General haben, heuer von einiger Bedeutung. 

Erstens, weil sie den natürlich unabhängigen Stiftungsräten aus einer Patsche helfen: Diese müssen nämlich heuer wegen eines verschärften rechtlichen Umfelds erstmals begründen, warum sie sich für ihre Favoritin, ihren Favoriten entscheiden. Da fällt es leichter zu sagen, wegen des hervorragenden und innovativen Konzeptes, als wegen Freundeskreiszwang oder anderen parteipolitischen Gründen.

Und zweitens, weil auch manchen in der Politik dämmern mag, dass ein „Weiter wie bisher“ im Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr gut gehen kann. Betonung auf „dämmern“: Denn natürlich ist auch diese Wahl von allerlei Machtgezerre im Hintergrund vergiftet. Und dennoch muss am Ende jemand herauskommen, der mehr kann, als der beste Mann für die Politik zu sein. Denn der ORF ist schon jetzt in einer erstaunlichen Krise. Und diese wird in den nächsten Jahren aus vielen Gründen noch größer werden. Der ORF braucht diesmal wirklich eine kompetente Leitung.

Fast austauschbar

Wie sehr es brennt, das findet sich in den Konzepten des engeren und weiteren Favoritenkreises wiedergegeben – zumindest in jenem Ausmaß, wie es für die Eigenwerbung nützlich ist. Der KURIER hat die ausführlichen Papiere von Clemens Pig, Markus Breitenecker, Lisa Totzauer und Johannes Larcher analysiert; Kathrin Zierhut-Kunz wollte ihres nicht schicken, übersendete aber zumindest ein kurzes Dokument zu ihren Vorhaben.

Sie bespielen bei der Generalswahl alle ähnliche Generalthemen – und das in einem so großen Ausmaße, dass sie in dieser Krisenbeschreibung fast austauschbar sind. Der Kern der Analysen: Der ORF ist erstmals in seiner Geschichte nicht nur der marktbeherrschende Riese in einem kleinen Land, sondern auch ein Zwerg in einem weltweiten Medien-Ökosystem, dessen bisherige Positionierung nicht zu halten ist. Er ist „politisch und gesellschaftlich besonders verletzlich“, wie Pig schreibt. Denn die klassischen Medien wurden von den US-Plattformen in die Defensive gedrängt.

Zwar sieht die ältere, und damit die wahlentscheidende Publikumsschicht noch ausführlich fern; das erklärt auch das völlig überdrehte Interesse der heimischen Politik an jeder Sendeminute im ORF. Doch schon bei den Unter-50-Jährigen beginnt sich das Bild zu wenden, und bei den Unter-30-Jährigen ist – das mag man hierzulande gar nicht – die Zukunft unübersehbar: Das klassische Fernsehen verliert die Aufmerksamkeit (und damit die auch für den ORF lebenswichtigen Werbegelder) an die Social-Media-Plattformen. „Erstmals in seiner Unternehmensgeschichte hat er die schlechteren Karten“, schreibt Breitenecker zum ORF.

Ex-ORF-Managerin Petra Höfer, Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer, APA-CEO Clemens Pig, Ex-HBO-MAX-Manager Johannes Larcher und Moderatorin Anna Wallner

Große Worte

Warum das blöd ist fürs Land, dazu herrscht kein Mangel an großen Worten in den Konzepten: Der ORF sei „Teil der demokratischen Infrastruktur Österreichs“, betont Totzauer, ein Gedanke, der auch in den anderen Konzepten variiert wird. Will man den Kampf gegen Fake News und Polarisierung nicht verlieren, muss man den ORF neu denken, schreiben alle in mehr oder weniger unterschiedlich geschliffenen Formulierungen.

Der Weg ist klar: Es geht Richtung Streaming, Sharing und KI. Der ORF soll zum Tech-Player werden und dabei zugleich den heimischen Medienmarkt mitretten, durch Kooperation (Pig, Breitenecker), als Plattform auch für die Inhalte privater Medien (Larcher) oder als „digitaler Partner“ (Totzauer).

Kritik an den Nachrichten

Das vielleicht häufigste Buzzword in allen Konzepten ist „Vertrauen“, das habe man eingebüßt und müsse man zurückgewinnen. Einen entscheidenderen inhaltlichen Teil machen aber Signale an die Politik und deren Schmerzen aus.

So konstatiert etwa Breitenecker der ORF-Info, dass diese „den eigenen Werte-Korridor so weit zu öffnen“ habe, „dass sich marktliberale, konservative und ordnungspolitische Positionen in der Berichterstattung ebenso wiederfinden wie liberal-progressive Grundhaltungen“. Auch Pig schreibt: „Vertrauen braucht ein redaktionelles Selbstverständnis, das nicht aus einem Milieu für ein Milieu sendet, sondern aus der demokratischen Mitte für das ganze Land arbeitet.“ Signale an all jene, die schon lange sagen, dass der ORF einseitig berichtet.

Larcher verspricht, 100 Millionen Euro pro Jahr zu sparen, auch das wird mancher gerne hören. Auch wer als ORF-Chef mit wie vielen (und welchen) Direktoren auskommt, wird wohl aufmerksam gelesen; diese zweite Führungsebene war verlässlich Objekt des politischen Abtausches in der jeweiligen Regierungskoalition.

Lokalgebot

Durch die Bank wird die Wichtigkeit regionaler Inhalte betont – auch das passt sehr gut zur aktuellen politischen Rhetorik, die vom Staatsverbindenden stark ins Lokale übersiedelt ist.

Ins selbe Horn stoßen daher die Konzepte: Im veränderten Medienumfeld wird der Öffentlich-Rechtliche als Garant des genuin Österreichischen in Info, Unterhaltung, Sport und Kultur beschrieben. Gemeint ist: Im Gegensatz zu den großen US-Riesen, die vielleicht ab und zu mal im Land produzieren, aber nicht für Österreich. Der ORF soll sich also ab jetzt im Spannungsfeld zwischen Silicon Valley und Stinatz bewegen, das heißt: die große weite Tech-Welt dazu nützen, um lokale Inhalte an die Leute zu bringen.

Wobei: Auffällig (wohl auch als Signal an die Politik) ist der übergroße Nachrichten-Fokus fast aller Kandidatinnen und -en. Die Wichtigkeit neutraler und Österreich-spezifischer Information aus Stadt und Land wird mit weitaus dringlicheren Formulierungen untermauert als die Bedeutung von österreichischen Filmen oder Kulturangeboten. Vielleicht muss man da mitbedenken, dass sich die Entscheidungsträger lieber in der „Zeit im Bild“ sonnen als im Hauptabend-Krimi. Ob das die Empfindungen der Bevölkerung und auch das Selbstbild der Kulturnation gut abbildet, ist wohl eine andere Frage.

Subtrahiert man aber Marketingsprech und Eigenwerbung aus den Konzepten, ist eines an der ORF-Wahl jedenfalls nützlich: Der Politik wird vor Augen geführt, wie lichterloh der heimische Medienstandort brennt. Zwar aus der Perspektive des ORF, aber immerhin.

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