Neue ORF-Chefin Thurnher über Weißmann-Affäre: "Dieses Verhalten war falsch"
Ingrid Thurnher will sich "alle Fälle und Themen" im ORF, die zuletzt in den Schlagzeilen waren, "genau ansehen". Das sagte die neue ORF-Chefin Ingrid Thurnher bei ihrem ersten Pressegespräch nach ihrer Bestellung.
Sie verstehe jeden, der sich angesichts der Affäre um Roland Weißmann und dessen veröffentlichten Chats "fragt: Wie kann es sein, dass das keine sexuelle Belästigung war", sagte Thurnher. Diese "Anmaßung und sexualisierte Sicht auf Frauen" sei für sie als Generaldirektorin "inakzeptabel". "Dieses Verhalten war falsch", und daher sei als Konsequenz die Kündigung Weißmanns erfolgt.
Sie will die "Weichen stellen" für die Zukunft des ORF, für einen "besseren ORF", sagt sie. Sie will die Fragen aufarbeiten - "unter Einhaltung aller gesetzlichen Vorgaben, internen Richtlinien und Wahrung individueller Schutzrechte". Es dürfe dabei keine "Vorverurteilung, keine öffentlichen Tribunale" geben, sagte sie. Sondern "klare Zuständigkeiten, belastbare Empfehlungen" - und "dann Konsequenzen".
Die zwei Seiten der Weißmann-Affäre
Dass der Stiftungsrat beschlossen hat, Einblick in den Compliancebericht zur Causa Weißmann bekommen zu wollen, sei eine "schwierige Gemengelage". Es gabe da "rechtliche Bedenken", sagte Thurnher zum KURIER. Es stünden in dem Bericht Sachen, die "unter Vetraulichkeit fallen" und die "wir vielleicht abdecken müssen". Prinzipiell aber habe der Stiftungsrat - der zur absoluten Vertraulichkeit verpflichtet sei - ein "Recht, Einsicht zu nehmen", dem sie sich nicht entziehen könne.
"Es gibt da zwei Seiten", betonte Thurnher. Der Bericht sei "unter der Auflage zustande gekommen", dass "die betroffenen Personen nur unter Hinweis auf absolute Vertraulichkeit" ausgesagt haben. "Die andere rechtliche Realität ist, dass der Stiftungsrat einen Mehrheitsbeschluss fällen kann, der mich auffordert, Einsicht in diesen Bericht zu gewähren". Dies sei eine "rechtliche Zwisckmühle".
Zu den weiteren Fällen - der Stiftungsrat verlangte auch Einblick in die Causen Pius Strobl, Peter Schöber und Robert Ziegler - meinte Thurnher, dass sie insbesondere was in den Bereich "Klagen und Anzeigen" falle, "ganz sicher nicht öffentlich kommentieren" werde. Es sei "in jeder Organisation schmerzhaft, wenn Dinge aufgearbeitet werden".
ORF "größer als Schlagzeilen"
Sie gehe mit "Respekt" an ihre Aufgabe heran - Respekt vor all den "Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen, die auf mich einströmen". Und auch "Respekt vor den eigentlichen Eigentümerinnen und Eigentümern, dem Publikum". Der ORF darf sich "nicht in der Aufarbeitung verlieren, wir haben nämlich auch anderes zu tun", sagte sie unter Verweis auf den Song Contest, die Fußball-WM oder auch den Kultursommer. "Der ORF ist viel, viel größer als diese Schlagzeilen der letzten Wochen."
Es gebe auch in den weiteren Bereichen Reformnotwendigkeiten, die "nicht bis Jahresende fertig" sein werden. Sie habe aber noch nicht darüber nachgedacht, ob sie sich auch für die Zeit ab 2027 bewerben wolle.
Am Donnerstag war Thurnher zur ORF-Chefin bis Ende 2026 bestellt worden. Am 11. Juni erfolgt die Wahl der ORF-Leitung ab 2027. Auf die Frage, warum sie sich das alles antut, sagte Thurnher mit einem Lachen: "Eine gute Frage. Wenn man gefragt wird, sagt man nicht nein."
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