Zweite Wahl: ORF-Journalisten küren ihre Favoriten für Chefsessel
Das Feld der Kandidatinnen und Kandidaten für die ORF-Generaldirektion ab 2027 ist ungewöhnlich groß und vielfältig. Immerhin 13 Bewerbungen hat die Findungskommission akzeptiert. Als Favoriten gelten der scheidende APA-CEO Clemens Pig, Ex-ProSiebenSat.1-Vorstand Markus Breitenecker und Streaming-Experte Johannes Larcher.
Die letzte Hürde für alle, um auf dem ORF-Chefsessel landen zu können: Sie müssen von einem Mitglied des Gremiums für das Stiftungsrats-Hearing am Wahltag, dem 11. Juni, eingeladen werden. Nur dann können sie auch gewählt werden.
Nicht so aber bei den ORF-Redakteurinnen und -Redakteuren.
Der ORF-Redaktionsausschuss hat die Journalistinnen und Journalisten zu einer eigenen "Wahl" eingeladen. Über einen Link im Intranet können sie sich ab Freitag daran beteiligen. Die Aktion dauert bis Dienstagmittag. So können die Redakteurinnen und Redakteure ihre Eindrücke vom Hearing in ORF III am Montag, 20.15 Uhr, einfließen lassen.
"Wir haben kein Recht dazu, aber eine Meinung"
"Es geht nicht darum, dass sich die ORF-Journalistinnen und -Journalisten die Chefs aussuchen wollen. Es geht um ein Stimmungsbild, wen wir für die Zukunft des ORF am besten halten. Wir haben kein Recht dazu, aber eine Meinung", erklärte der Vorsitzende des Redaktionsausschusses, Dieter Bornemann, gegenüber dem KURIER. Die ORF-Korrespondentinnen und -Korrespondenten haben sich bereits zuvor für TV-Magazin-Chefin Lisa Totzauer ausgesprochen. Sie verantwortet deren wöchentliche Sendung "WeltWeit".
Dass sich mit dieser Aktion einige der 35 Stiftungsräte gefrotzelt fühlen, liegt nahe. Der Grant am Küniglberg ist aber groß. Er richtet sich auf (vermeintlich) jene, die dem ORF trotz guter Quoten Existenzdiskussionen einbrocken. Jüngst erst bekamen Stiftungsräte Post von der ORF-Belegschaftsinitiative #mituns: ein Paket mit Gesetzestexten samt markierten Stellen, Kugelschreibern in "politisch unverfänglicher Farbe" und einem "Geistesblitz"-Tee.
Vorwurf von Mittelschüler-Niveau
"Das war Papierverschwendung, es gibt ausreichend juristisches Wissen im Gremium", reagierte ein Stiftungsratsmitglied unterkühlt. Und ein weiteres: "Das hat Mittelschüler-Niveau, mit dem man die Herausforderungen, vor denen der ORF steht, nicht meistern wird." Heinz Lederer, Vorsitzender des obersten Aufsichtsgremiums sowie Dreh- und Angelpunkt bei den anstehenden Personalbestellungen, erklärt knapp: "Die Stiftungsräte lassen sich von niemandem unter Druck setzen, weder von außen - noch von innen."
Auffällig ist: Der ORF-Betriebsrat, der fünf Gremienmitglieder stellt, macht bei der Aktion nicht mit. Stiftungsräte "sind durchaus in der Gesellschaft respektierte Personen, welche praktisch unentgeltlich auch für ihre Entscheidungen haften. Die haben so was einfach auch nicht notwendig", sagt ORF-Zentralbetriebsratschef Werner Ertl zum KURIER.
Auf die Betriebsräte kommen harte Verhandlungen mit der bisherigen und der neuen ORF-Spitze zu. Durch die Dreierkoalition drohen Budgetkürzungen im Ausmaß von bis zu 90 Millionen Euro. Wie bereits berichtet, geht es in den nächsten Monaten um den Abbau von voraussichtlich 300 bis 400 Mitarbeitenden. Allein mit "natürlichen Abgängen" wird das nicht zu machen sein.
Betriebsrat gegen unzulässige Wünsche von jeglicher Seite
"In dieser für den Gesamt-ORF ohnehin schwierigen Situation wollen wir ganz sicher nicht den Druck ausgerechnet auf die fünf im Stiftungsrat vertretenen Betriebsräte noch erhöhen, indem wir ihnen von den Wahlteilnehmern der Belegschaft, die sie ja auch zu vertreten haben, ausrichten lassen, wie ihre freie Entscheidung auszusehen hat", erklärt ORF-Betriebsratschef Ertl. Er betont: "Das ist ebenso unzulässig wie Wünsche von Parteien oder sonstigen Interessenverbänden."
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