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Digitale Vertrauenskrise: Wovon redet der neue ORF-Chef da eigentlich?

Clemens Pig will den ORF für eine brutale Medienzukunft rüsten. Und ihn deshalb zu einem digitalen, sicheren Hafen umbauen.
Georg Leyrer
Newly appointed director general of Austrian national broadcaster ORF

Der ORF ist so etwas wie ein Setzkasten der österreichischen Seele: Jeder findet in ihm ein Platzerl, um seine eigenen Emotionen hineinzustellen. Die Politik sieht ihn, klar, als politischen Spielball. Manche Menschen sehen ihn als Blitzableiter für all das, was ihnen unheim(at)lich vorkommt. Und wieder andere finden dort ihre Identität gespiegelt. Für alle aber ist der ORF ein alter Bekannter, den man kennt und mag (oder eben nicht), so wie er ist.

Das könnte sich ändern.

Völlig anders

Denn in jenem Konzept, mit dem sich der neue ORF-Chef Clemens Pig beworben hat, ist von einem völlig anderen ORF die Rede. Von einem, in dem es nicht um die „Zeit im Bild“-Minuten der Politiker geht. Und auch nicht primär um das, was ab 20.15 Uhr auf den letzten Metern zum Einschlafen begleitet. Ja, es wird die „Zeit im Bild“ und den „Tatort“ und so noch geben.

Aber Pig schreibt auch von Datenlogik und Governance, von Human Upstream und plattformgerechten Formen, von Nutzersouveränität und Produktarchitektur. Von Digital Asset Management und Innovationslabors, von Deepfakes und einem WCAG-AA-Zielbild für digitale Produkte (Sie müssen das nicht googeln). Er beschreibt eine Medienwelt, in der der ORF im Vergleich zu den US-Plattformen ein kleiner Player ist, der die Privatmedien in Österreich stärken muss. Und eine Zukunft, die ganz andere Probleme hat als jene, die die Politik und der Rechts-Links-Internetmob im ORF sehen.

Pig verortet den Sender nämlich nicht mehr in der altbekannten österreichischen Gemengelage mit ihren kleinen Konflikten und Streits und Befindlichkeiten. Sondern im Gegenteil, er schreibt davon, dass der ORF rasch zu einem wesentlichen Faktor dafür gemacht werden muss, die Menschen zusammenzuhalten. In einer Welt nämlich, in der man weder Texten noch Bildern noch Videos noch dem gesprochenen Wort mehr vertrauen kann.

Das ist ein Problem. Denn „wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns als Gesellschaft auf so etwas wie Wahrheit zu beziehen, jedenfalls auf die bestmögliche Annäherung an das, was Wahrheit sein kann, dann haben wir als Gesellschaft insgesamt verloren“, sagte Pig im April im KURIER-Interview.

Eine derartige Welt rückt aber rasch näher. Böswilliger KI-Einsatz wird längst dazu genützt, Menschen gegeneinander aufzuhetzen. Das offensive Kritisieren von Qualitätsmedien dient dazu, die Unsicherheit in den Menschen darüber, was wahr ist und was nicht, zu erhöhen.

ORF-WAHL 2026: PIG

Pig sieht die Aufgabe des Öffentlich-Rechtlichen in der Zukunft darin, dieser gezielten Online-Verunsicherung entgegenzuwirken. Das aber funktioniert nur, wenn der ORF nicht mehr nur der „Rundfunk der Gesellschaft“, sondern eine „Plattform der Gesellschaft“ ist, schreibt er.

All der Digital-Sprech, der vorher aufgelistet wurde, bezeichnet kleine und große Schritte auf dem Weg dorthin, den ORF vom TV- und Radiosender zu einem vertrauenswürdigen, digitalen Heimatort für Österreich zu machen. Vor allem auch für die Jungen. Denn ohne Vertrauen, so Pig zum KURIER, „zerbricht demokratische Gesellschaft“. Es scheint höchste Zeit für eine ORF-Debatte, die dem ins Auge sieht.

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