ORF-Affäre: Warum jetzt alle Seiten den Druck auf Ingrid Thurnher erhöhen

Um den ORF ist ein Machtkampf ausgebrochen – um die Deutungshoheit der Affäre Weißmann, um das Ausmaß der Aufklärung, um die Chefposten. Im Epizentrum: Thurnher.
Press Conference on Security Measures during preparations for the Eurovision Song Contest 2026

Dieser Vergleich wurde hier zuletzt schon öfters verwendet; er wird aber von Tag zu Tag wahrer: Das Erdbeben am Küniglberg, das von der Affäre um Roland Weißmann ausgelöst wurde, zeitigt immer weitere Nachbeben. Diese ziehen immer weitere Kreise – und überschlagen sich teils: Nach dem durchaus selbstgewissen Auftritt von Weißmann am Wochenende haben die Veröffentlichung ausgewählter Chats und Interviews mit der betroffenen Frau die Stimmungslage erneut gedreht (und eine neue Klage nach sich gezogen, Weißmann klagt laut Ö1 den Falter auf Unterlassung).

Im Epizentrum all dieser Beben steht Interimschefin Ingrid Thurnher – denn sie wird im offen ausgebrochenen Machtkampf um den ORF von allen Seiten unter Druck gesetzt.

Nicht allein entscheiden

So ist etwa die FPÖ eigentlich immer um Aufklärung und Transparenz besorgt. Zuletzt nützte sie Gerüchte um eine Kokainaffäre am Küniglberg, um weitere Maßnahmen zu fordern.

Am Dienstag schlug die Partei aber plötzlich andere Töne an: Die Wahl des Nachfolgers von Thurnher soll  auf Juni vorverlegt werden – also um zwei Monate früher stattfinden. 

Und Thurnher, unter deren Führung zuletzt etwa der Werbechef Oliver Böhm beurlaubt worden ist, soll keine Personalentscheidung mehr treffen ohne Absprache mit dem Stiftungsrat und ihrem Nachfolger, der ihr früher als gedacht zur Seite stehen soll. Das ist – obwohl FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler Transparenz und Aufklärung forderte – nicht gerade ein klares Signal an Thurnher, dass sie bei den Aufräumarbeiten am Küniglberg uneingeschränkte Unterstützung oder gar freie Hand hat.

Auch die ÖVP-Stiftungsräte sind für eine Vorverlegung der ORF-Wahl. Diese Wahl ist schon immer ein Politikum gewesen – diesfalls aber umso mehr: Durch das Bröckeln etablierter Machtstrukturen am Küniglberg ist vieles aufgebrochen, auf das sich nun die Politik mit neuem Eifer stürzt. Und politische Player wie die beiden Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer (SPÖ) und Gregor Schütze (ÖVP) sind selbst unter Druck geraten. Diesen reichen sie an Thurnher weiter: Die Interimschefin muss, bevor ihr Vertrag bis Jahresende verlängert wird, Rede und Antwort bezüglich der Aufarbeitung im Haus stehen. 

Pressegespräch des ORF-Stiftungsratsvorsitzenden Heinz Lederer und des stellvertretenden Vorsitzenden Gregor Schütze

Dass sich eine Riesenaffäre nicht in wenigen Wochen besänftigen und schon gar nicht zu aller Zufriedenheit klären lässt, ist dabei sicher allen Beteiligten klar. Verantworten aber muss sich derzeit nur Thurnher.

Sie muss das übrigens auch gegenüber dem Haus tun. Denn auch viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schauen mit einigem Horror auf das Hauen und Stechen, das in der Führungsebene und rund um den ORF aufgebrochen ist. Auch diese Aufregung im Haus muss die Interimschefin einfangen. Unter schwierigen Bedingungen: So rief sie in einem Video, mit dem sie ihre Bewerbung für den Chefposten bis Jahresende erklärte, ihre Kolleginnen und Kollegen auf, sich zu melden, wenn sie bei ihrer Arbeit „angefeindet“ werden.

Roland Weißmann

Imagefrage

Das Image des ORF ist am Tiefpunkt. Die kursierenden Chats, die gegenseitigen Klagen, die Gerüchte über weitere Fälle von Machtmissbrauch, die aufgeheizte Stimmung und die eigenen Problemlagen des Stiftungsrats sind eine hochschwierige Mischung für den ORF. 

Vor allem aber eine jener Situationen, in denen gar nicht wenige einen Sündenbock suchen – um von eigenem Wirken abzulenken oder auch die kommende Führung unbelastet starten zu lassen. Der Druck, der auf Thurnher projiziert wird, ist auch in dieser Hinsicht enorm.

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