Ab heute, 20.15 Uhr, im ZDF und in dessen  Mediathek zu sehen: Merab Ninidze als schrulliger Arzt in der Provinz

© ZDF und Stefan Erhard/ZDF/Stefan Erhard

Interview
04/08/2021

Neuer TV-Doktor im ZDF: "Ich habe Arztserien nie gemocht"

Der in Wien lebende Georgier Merab Ninidze spielt im ZDF-Hauptabend "Doktor Ballouz". Auf dem prominenten Sendeplatz des "Bergdoktors".

von Peter Temel

Eine prominent an den deutschen Waldrand gebaute Klinik. Da entstehen sofort Bilder im Kopf. Mit einer glattgebügelten Seifenoper wie der „Schwarzwaldklinik“ hat „Doktor Ballouz“ aber nichts zu tun.

Was die elegische Grundstimmung und die außergewöhnlichen diagnostischen Fähigkeiten der Titelfigur betrifft, ist man schon eher bei „Dr. House“ zu Haus. Dessen Zynismus muss man allerdings abziehen. Ballouz ist ein Arzt, dem die Menschen vertrauen. Hauptdarsteller Merab Ninidze beschreibt ihn als „überzeugten Idealisten, der an das Gute im Menschen glaubt. Er ist wirklich ein guter Hirte.“

Auf dem ZDF-Sendeplatz, an dem sonst der „Bergdoktor“ ordiniert (ab heute Donnerstag, 20.15 Uhr), ist die neue sechsteilige Serie trotzdem ein Wagnis. Die Titelfigur entspricht kaum den Hör- und Sehgewohnheiten im Hauptabend: Ein mit Akzent sprechender Arzt im zerknitterten Columbo-Mantel tuckert mit seinem Trabi durch die Alleen der idyllischen Uckermark, ab und zu steht eine Schafherde im Weg.

Reales Vorbild

Inspiration für die Serie ist ein Arzt, der tatsächlich in der nördlich von Berlin gelegenen, strukturschwachen Uckermark ist. Dr. Amin Ballouz fährt ebenfalls Trabi, kleidet sich ungewöhnlich, ist aber kein Chefarzt einer Klinik. Das Original ist mit Leib und Seele Landarzt, mit dem Serien-Ballouz verbindet ihn der tägliche intensive Patientenkontakt.

„In seinem Ort ist er eine lebende Legende sozusagen, er ist sicher kein typisch westlicher Arzt, eher ein ungewöhnlicher Vogel“, weiß Ninidze zu berichten. Vor Ort recherchiert habe er nicht, „weil man dann unbewusst mehr Nähe zur echten Figur findet, als gut ist.“

Aus Bürgerkrieg geflohen

Der echte Ballouz floh aus dem Bürgerkriegsland Libanon, auch der Serien-Ballouz ist emigriert. Ninidze konnte seine eigene Geschichte damit „ein bisschen verbinden“. „Als in den 90ern der Bürgerkrieg in Georgien ausbrach, war ich gewissermaßen gezwungen, das Land zu verlassen, mein Leben neu zu starten. Es war reiner Zufall, dass ich in Österreich gelandet bin und hierbleiben konnte“, erzählt er.

Geholfen habe ihm der Kontakt zu Kunsttheoretiker Peter Weibel und zur heimischen Filmszene. 1994 wurde er in Andreas Grubers KZ-Drama „Hasenjagd“ besetzt. Obwohl er kein Wort Deutsch konnte, spielte Ninidze eine der Hauptrollen, einen Mauthausen-Flüchtling. Er habe gedacht: „Okay, das ist ein Zeichen, dass ich so bald wie möglich mit der Sprache klarkommen muss. Wenn mich ein Beruf so einlädt, dann darf ich nicht versagen.“

Es folgte eine Hauptrolle in Goran Rebić`„Jugofilm“, als weiterer Grundstein für eine Karriere, die Ninidze zu Engagements in Deutschland und zu internationalen Serienauftritten („Homeland“, „McMafia“) führte.

Mit Akzent

Auch Dr. Ballouz hat es nach oben geschafft. Ninidze hält solche Geschichten für sehr wichtig. „Wir Migranten werden als Belastung gesehen, wir bringen unsere eigene Kultur, die hier nicht gebraucht wird. Wenn dann so ein vorbildlicher Migrant wie Ballouz auftritt, mit so einer Inspiration, dann ist das ein kleiner Schritt zu mehr Toleranz. Vor 10, 15 Jahren wäre man nicht so weit gegangen, das mit einem Ausländer mit Akzent zu besetzen,“ sagt er. „Man hätte einen deutschen Schauspieler den Ausländer spielen lassen, weil die Rolle zu wichtig ist und weil die Zuschauer durch den Akzent ermüden könnten. Ich finde es großartig, dass wir das machen dürfen.“

Dr. Amin Ballouz (Merab Ninidze) vor der Klinik in der Uckermark

Doktor Ballouz (Merab Ninidze) leistet Christina (Sophie Lutz) Erste Hilfe, die bei einem Fahrradunfall gestürzt ist.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze) beobachtet einen Fahrradunfall und eilt sofort zur Hilfe.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze) setzt sich zu Flori (Mavie Meschkowski) unter den Tisch, um ihr Vertrauen zu gewinnen.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze) macht auch ein Röntgenbild von Emil dem Stoffhasen, um Floris (Mavie Meschkowski) Vertrauen zu gewinnen.

Doktor Amin Ballouz (Merab Ninidze) sorgt gemeinsam mit seinem Team für die medizinische Versorgung in der Uckermark.

Frau Rosin (Andrea Sawatzki) verweigert die Zustimmung zu einer lebensnotwendigen OP für ihren Mann.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze, l.) behauptet, allergisch gegen Katzen zu sein. Doch das Tier sucht seine Nähe, und Vincent (Vincent Krüger, r.) durchschaut ihn.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze) auf der Suche nach der Katze von Herrn Schenk.

Dr. Michelle Schwan (Nadja Bobyleva) beobachtet, wie Ricardos (Jonas Laux) Kinder ihm um den Hals fallen.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze, l.) und Vincent (Vincent Krüger, r.) warten gemeinsam darauf, die Katze eines Patienten einzufangen.

Doktor Ballouz (Merab Ninidze, r.) und Vincent (Vincent Krüger, l.) versuchen, sich um die Katze des verstorbenen Patienten Herrn Schenk zu kümmern. Dabei haben sie etwas unterschiedliche Ansichten darüber, wie das am besten geht.

Rührende Geschichte

Ninidze lebt noch immer in Wien, obwohl er fast nur noch außerhalb Österreichs arbeitet. „Die letzten Jahre habe ich oft Bösewichte und Gangster gespielt, was auch total Spaß macht. Aber es geht nicht so unter die Haut“, sagt Ninidze. „Die Geschichte von Ballouz ging mir schon beim Lesen unter die Haut, weil sie so rührend ist.“ Das Genre selbst habe ihn davor aber so gar nicht berührt. „Ich habe Arztserien nie gemocht“, sagt Ninidze.

Die neue Serie versucht eine gewisse Balance zwischen Melancholie und schrulligem Humor zu finden. Dr. Ballouz hat der Tod seiner Frau aus der Bahn geworfen. Jetzt kehrt er zurück in seine Klinik und stürzt sich in die Arbeit. Und er muss sich um eine Katze kümmern, obwohl er Allergiker ist.

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"Ich glaube, es ist die schwierigste Aufgabe für uns alle, etwas loszulassen. Besonders, wenn wir liebe Menschen verlieren", sagt Ninidze. "Und es ist sehr schwierig, nicht in Depressionen zu versinken und es sich dort gemütlich zu machen, sondern einen Schritt nach draußen zu machen und zu schauen: Was ist da noch an Welt für mich? Wie kann ich weiterleben?"

Den Tod müsse man als täglichen Begleiter akzeptieren, meint Ninidze. „Da, wo ich herkomme, wird darüber auch laut gesprochen. Früher sagte man: Wenn man ein Mal am Tag über den Tod meditieren kann, dann bleibt man gesund. “

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