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Kultur Medien
07/14/2019

Naomi Watts im Interview: Der Urknall von #MeToo

Naomi Watts. Die Schauspielerin über ihre neue TV-Serie, die sich um Fox News dreht

von Elisabeth Sereda

Nimmt man Naomi Watts als Beispiel, dann hat sich in Hollywood tatsächlich etwas geändert, was die Karrieren von Schauspielerinnen über 40 betrifft. Mit 50 ist der in England geborene und in Australien aufgewachsene Star besser im Geschäft als mit 25, als sie über mittelmäßige australische Filmchen und TV-Serien nicht hinauskam.

Es bedurfte der Weitsicht eines David Lynch, der in der damals 32-Jährigen etwas Besonderes sah und ihr die Rolle in seiner bizarr-düsteren Showbusiness-Story „Mulholland Drive“ gab, die sie international zum Star machte.

Seit einigen Jahren gehört sie zu jenen, die kapiert haben, wie gut Fernsehen geworden ist, und wechselt mühelos zwischen Leinwand und Bildschirm. In den USA – und bald auch in Europa - ist sie nun in der Serie „The Loudest Voice“ zu sehen.

Sie spielt die Ex-Miss America Gretchen Carlson, die unter „Fox News“-Erfinder Roger Ailes zur Anchorwoman aufstieg und sich zu Beginn der #MeToo-Bewegung gegen ihren Chef, der Frauen missbrauchte, auflehnte.

KURIER: Konnten Sie mit Gretchen Carlson sprechen?

Naomi Watts: Nein, sie hat ja einen Vertrag unterschrieben, dass sie öffentlich nichts sagen darf.

Was würden Sie zu ihr sagen, sollten Sie ihr jemals begegnen?

Danke. Sie war der Auslöser für die #MeToo-Bewegung. Sie hat diese toxische Umgebung bei Fox News, in der Frauen nicht mehr waren als ein hübscher Rock, einfach nicht akzeptiert. Ihr wurden Aufstiegsmöglichkeiten verbaut als ihre Einschaltquoten am allerhöchsten waren. Und als sie sich dagegen auflehnte, hat man versucht, sie los zu werden.

Haben Sie selbst jemals etwas ähnliches erlebt?

Ja, klar. Das gibt es bekanntlich in jeder Industrie. Ich habe genügend Situationen erlebt, in denen ich zum Vorsprechen ging und an einem Ort endete, wo ich niemals hätte sein sollen. Du weißt als sehr junges Mädchen nicht, wie du damit umgehen sollst. Du hast keine Agentur hinter dir, die dich beschützt. Und du willst den Job bekommen. Das kann sehr verwirrend sein. Als ich älter wurde, waren es manche Regisseure, die mich angingen und die Arbeit sehr unangenehm machten. Ich bin sehr dankbar dafür, dass das alles herausgekommen ist, dass es eine Bewegung gibt, dass Frauen laut werden und nichts mehr hinunterschlucken. Denn ich kann mir gar nicht vorstellen, was einige dieser Frauen durchgemacht haben. Es macht mir Mut, dass sich hier wirklich etwas verändert und die nächste Generation nicht mehr damit belastet sein wird.

War Roger Ailes in Ihren Augen einer von vielen oder war er schlimmer als andere?

Er war schlimmer, weil er nicht nur seine Macht missbrauchte, sondern weil seine Macht so unglaublich groß war. Vergessen wir nicht, das war der Mann, der Fox News erfand. Der eine völlig neue Art der Nachrichten kreierte. Nachrichten, die mit der Wahrheit nur mehr sehr wenig zu tun hatten. Alles war eine Frage der Wahrnehmung für ihn. Eine Wahrnehmung, die er kreierte. Das begann mit einer Betonung und ständiger Wiederholung von Fakten, die nicht immer Fakten waren und ging weiter mit der Art der Präsentation. Weibliche Moderatoren wurden in Outfits gesteckt, die von dem, was sie sagten, nur ablenkten. War die Gesellschaft dafür offen? Ja sicher. Aber er fütterte das. Auf seine Art war er ein Genie, aber eines des bösesten.

Sie haben auch in Filmen gespielt, die von Harvey Weinstein produziert wurden. Gibt es da Gemeinsamkeiten?

Die Gemeinsamkeit ist, das absolute Macht absolut korrumpiert. Und dass beide diese absolute Macht hatten und missbrauchten.

Wie geht es Ihnen als Frau heute? In Ihrer Karriere und in Ihrem Leben? Ich fühle mich besser als in meinen Vierzigern, was ich mir früher nie vorstellen hätte können. Ich hatte die übliche Panik vor dem großen 50er, aber als er vorbei war, konnte ich mir gar nicht mehr vorstellen, warum ich solchen Stress hatte. Manchmal erwische ich mich dabei, dass ich in den Spiegel schaue und mich wundere, warum ich alt aussehe, wenn ich mich doch noch so jung fühle. Aber diese Momente gehen vorbei. Ich genieße es sehr, dass ich jetzt viel besser weiß, was wichtig ist. Dass ich zwar neuen Freundschaften nicht abgeneigt bin, aber dass mir die langjährigen, die ich seit Jahrzehnten habe, heute so viel mehr wert sind, weil sie um so vieles tiefer geworden sind.