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TV-Tagebuch
09/02/2021

Langes Warten auf Fußball: "Marko Arnautovic will die Drohne kaufen"

Die halbstündige Verzögerung vor dem Fußballspiel Moldau gegen Österreich hätte ein unvergessliches Stück Fernsehunterhaltung werden können.

von Peter Temel

*Disclaimer: Das TV-Tagebuch ist eine streng subjektive Zusammenfassung des TV-Abends.*

Wenn Fußballspiele verspätet losgehen, dann kann das für goldene Fernsehmomente sorgen. Wie etwa am 1. April 1998, als nach dem sogenannten „Torfall von Madrid“ die RTL-Kommentatoren Marcel Reif und Günther Jauch eine 76-minütige Verspätung beim Champions-League-Halbfinale Real Madrid gegen Borussia Dortmund überbrücken mussten. Das gelang mit mittlerweile legendären Sagern wie: „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan.“ (Reif) Oder: „Für alle die, die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben, […] das erste Tor ist schon gefallen!“ (Jauch)

1. September 2021, Chișinău, Republik Moldau, 20:45 Uhr MEZ. Das WM-Qualifikationsspiel Moldau gegen Österreich sollte eigentlich angepfiffen werden. Davor gab es schon Probleme mit der Tonanlage, weswegen die Hymnen nicht gleich abgespielt werden konnten, obwohl die beiden Mannschaften bereits Aufstellung genommen hatten. Ein paar mitgereiste österreichische Schlachtenbummler überbrückten dies mit ihrer selbst gesungenen, eigenen Version der Bundeshymne. Eigene Version deshalb, weil die wie bei vielen anderen ÖFB-Fans gepflogen Unsitte, die „Töchter“ im Text zu ignorieren, auch hier beibehalten wurde.

"Was gefällt dem Schiedsrichter nicht?"

Manchem Teamkicker huschte da schon ein Lächeln übers Gesicht, aber die Fußballwelt war noch einigermaßen in geordneten Bahnen. ORF-Kommentator Boris Kastner-Jirka bedankte sich ordnungsgemäß bei den „österreichischen Anhängern und Anhängerinnen“ für die improvisierte Gesangseinlage. Nach den korrekt abgespielten offiziellen Hymnen bemängelte er zwar das grünstichige Fernsehbild, aber ansonsten hätte das Spiel starten können.

„Wir können uns eigentlich wieder hinsetzen, Roman, die Hymnen sind verklungen“, sagte Kastner-Jirka zu Co-Kommentator Roman Mählich. Vielleicht schaute der aber gerade ebenso wie der Schiedsrichter und die Spieler verdutzt in den Chișinăuer Nachthimmel.

Kastner-Jirka zeigte sich auch verdutzt: „Was gefällt dem englischen Schiedsrichter noch nicht? Die Beleuchtung? Das Flutlicht ist okay, es funktioniert zumindest.“

Spielzeugdrohne

Immer wieder zeigte ein Spieler nach oben. Eine weiße Spielzeugdrohne zog ihre Kreise, senkte sich einmal herab, stieg dann wieder rasant auf. Kastner-Jirka: „Solange die gewissermaßen den Luftraum verunreinigt, pfeift er die Partie nicht an.“

Mählich: „Es hat heute schon bei der Hymne begonnen, das war schon ned ideal.“

Kastner-Jirka machte Hoffnungen auf Livefußball, der „bald, vielleicht in wenigen Augenblicken“ beginnen könne. Doch weit gefehlt, es sollte noch eine halbe Stunde dauern, bis der Mann in Schwarz endlich anpfeifen konnte.

Kastner-Jirka verwaltete die Wartezeit eher trocken, nüchtern und cool, stellte Mannschaftsteile vor, besprach mit Mählich taktische Formationen. Gute Drohnenwitze kamen nicht über den Äther. Vielleicht lädt die Atmosphäre im Nationalstadion Zimbru nicht zu überschäumendem Humor ein. Aber am Spielfeld sah man zumindest immer wieder jemanden scherzen und grinsen.

Irgendwann sagte Kastner-Jirka: „Aber keine schlechte Partie bisher.“

„Fehlerlos“, ergänzte Mählich, „gute Passquote.“

„Auf beiden Seiten nämlich“, erklärte Kastner-Jirka.

Die beiden spielten darauf an, dass die Mannschaften sich inzwischen mit lockerem Passspiel warm hielten.

Die Bedrohnung

Dann verließ Schiedsrichter Paul Tierney das Feld. „Die Bedrohnung ist noch nicht gebannt“, sagte Kastner-Jirka.

„Was machst du morgen 20:45, Roman, falls das Spiel neu angesetzt wird?“

„Na, i bleib länger. Mir g’fallt’s eh da“, sagte Mählich.

Kastner-Jirka schien es nicht so zu gefallen. Mehrmals wies er darauf hin, dass es vor Ort aufgrund der Zeitverschiebung schon eine Stunde später sei, also schon fast 22 Uhr. Die Entscheidung des Schiedsrichters und der Offiziellen empfand er ironisch als „beeindruckend konsequent“. „Denn: Wenn diese Drohne als Bedrohung wahrgenommen wird, wovon ich ausgehe, warum dürfen die Spieler dann auf dem Spielfeld bleiben?“

„Mich darfst das nicht fragen“, sagte Mählich. „Ich hab so was noch nie erlebt. Ich seh auch keine Drohne mehr. Siehst du eine?“

Kurz darauf zoomte die Kamera wieder auf den irrlichternden weißen Fleck am Himmel.

Und dann nahm sich Mählich endlich ein Herz: „Ich glaub, Marko Arnautović will die Drohne kaufen.“

Endlich ein Anflug von Drohnen-Humor.

"Wirklich zu gefährlich"

Wenig später wurden alle Spieler in die Kabinen geschickt.

„Jetzt ist es wirklich zu gefährlich geworden hier heraußen“, sagte Kastner-Jirka spöttisch. Er gab zurück ins Studio am Wiener Küniglberg. Seine Kollegen dort schienen besser aufgelegt.

„Ja, Sachen gibt’s“, sagte Moderator Rainer Pariasek. „Ich glaub’ der Marko Arnautović und der Conny Laimer haben schon überlegt, ob sie nicht mit dem Ball rauf schießen sollen.“

Analytiker Helge Payer: „Ich würd vorschlagen, die Torhüter bleiben draußen, und wenn wer als erster die Drohne trifft, steht’s 1:0. Aber das wird in die FIFA-Regeln nicht aufzunehmen sein. Aber irgendwas muss man machen.“

Pariasek kommentierte: „Ich mein, das ist wie ein Klamaukfilm. Zuerst einmal die Geschichte mit der Hymne, die nicht funktioniert hat, wo die Fans dann singen, jetzt das mit der Drohne. Oder ist das ‚Versteckte Kamera‘?“

„Aber wem fällt sowas ein?“ fragte sich Herbert Prohaska.

Pariasek: „Idioten gibt’s immer …“

Prohaska, fassungslos: „Wahnsinn …“

Unbestätigt

Wenig später, nach einer Schaltung zum Parallelspiel Dänemark - Schottland, wurde dann klar, dass offenbar ein kleiner Bub die Chisinauer Drohne gesteuert hat. Spieler und Schiedsrichter betraten wieder das Spielfeld.

„Der hat a Watschen kriegt und Hausarrest“, war über die Leitung aus Chisinau zu hören, die bereits wieder offen war.

Wenig später sprach Kastner-Jirka das dann ins Reine: „Es schaut zumindest jetzt nach einem klaren Himmel über dem Stadion aus. Der Drohnenpilot wurde angeblich ausgeforscht, soll, so hört man, ein kleiner Bub gewesen sein. Offensichtlich ein sehr versierter kleiner Bub und noch unbestätigten Meldungen zufolge hat er jetzt Hausarrest, bis er 18 ist.“

„Aber wirklich unbestätigt“, ergänzte Mählich.

Unbestätigt ist bis jetzt auch, ob Marko Arnautović die Drohne tatsächlich gekauft hat.

"Einziges Highlight"

Die virtuelle "Goldene Drohne" sicherte sich in der Pause des völlig glanzlosen Spiels dann Rainer Pariasek. Mit zwei Aussagen:

"Herbert, ich bin sehr froh, dass du nicht Co-Kommentator warst. Ich kann mich erinnern, was du schon über Buben mit Papierfliegern gesagt hast."

"Diese Drohne war auch leider lange Zeit das einzige Highlight in diesem Spiel."

 

LINK: Die Bedrohnung zum Nachschauen

 

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