"Braunschlag 1986": Seriencomeback als Flucht in die Vergangenheit
Nach wenigen Einstellungen ist man wieder mitten drin in der Welt von „Braunschlag“. Bürgermeister Gerri Tschach (Robert Palfrader) liegt im Bierdunst auf einer Hässlichkeit von Couch und wird von einem Anruf aus St. Pölten geweckt. Strippenzieher Katzlbrunner (Simon Schwarz) meldet, dass Braunschlag 14 Jahre nach dem Atomunfall wieder für die Öffentlichkeit freigegeben ist. Gleich steht Tschach in der Disco seines ebenfalls im Ort verbliebenen Spezis Richard Pfeisinger (Nicholas Ofczarek). Der schneidet ihm fast zärtlich die Haare. Denn Tschach meint, schon am nächsten Tag in Scharen heimkehrende Braunschlager begrüßen zu können. Richie wirkt weniger enthusiastisch. Auch an seinem 14-jährigen – wohl von Tschach gezeugten – Sohn zeigt er kaum Interesse. Es folgt ein typischer Dialog: „Zahlst du heimlich Alimente? – Tschach: „Bist deppert?!“
Pfeisinger (Nicholas Ofczarek) und Tschach in nächtlicher Autofahrt.
Die Lust, den Ort im nördlichsten Waldviertel wieder zu bevölkern, scheint überschaubar. Tschach wird klar: Er muss erneut eine Mediensensation aufbieten, wie einst die erfundene Marienerscheinung, die die Grundlage für den Überraschungsserienhit von 2012 gebildet hatte. Aber auch Serienerfinder David Schalko wusste: Für ein Seriencomeback braucht es eine zündende Idee. Und mit dem PR-Gag, aus Braunschlag eine Art Disneyland der 1980er zu machen, ist ihm dies tatsächlich gelungen. Es dient einerseits dem Zweck, neben der Rückkehr sämtlicher zentraler Figuren, eine weitere Ebene der Nostalgie zu bieten: Synthiesounds, Commodore 64, Neonfarben, Telefonzellen, Festnetz, riesige Schnurlostelefone.
Politisch
Schalko interessiert sich aber vor allem für die politische Komponente dieser Setzung. 1986, das Jahr in welches Braunschlag per Verordnung des dreiköpfigen Gemeinderats zurückversetzt wird, ist nicht nur das Jahr, in dem St. Pölten Landeshauptstadt wurde, sondern auch das Jahr der Waldheim-Affäre, des Tschernobyl-Unfalls und des Aufstiegs Jörg Haiders. Als einmal alte Nachrichten laufen – über Terroranschläge und den Sauren Regen – fällt Tschach auf, dass sich nicht so viel verändert habe.
„Die Tante“ aus St. Pölten – in Staffel 1 war es noch „der Onkel“ – will sich nicht der Restkontamination aussetzen und überlässt dem Koalitionspartner das Feld. Der blaue Sigmund (Stefan Gorski) ist ganz verzückt ob der Reise in eine Zeit ohne Political Correctness. Er lässt – parallel zur Gendarmerie (Stefanie Reinsperger und Erol Nowak) – eine Eingreifgruppe aufstellen, welche die Einhaltung der 1986-Verordnung (die übrigens der kürzlich verstorbene Anwalt Alfred J. Noll in einer kleinen Gastrolle fiktiv legitimiert, Anm.) überwacht. Sämtliche Produkte, die zu dieser Zeit noch nicht bekannt waren, werden eingezogen.
Der Auftakt der zwei TV-Specials am Freitagabend in ORF 1 lockte im Schnitt 415.000 Zuseher vor die Endgeräte (Marktanteil: 18 Prozent). Die Streamingauswertung (ORF ON zeigt die Story im traditionellen Serienformat in fünf Folgen) wird erst später einbezogen.
Der slicke Populist rückt aber auch dem schwarzen Pfarrer Ricardo (David Wurawa) zuleibe und startet eine Kampagne zu dessen Abschiebung. Dieser Handlungsstrang wird besonders konsequent wie bitterböse zuende geführt. Denn als „Sigi“ seines eigenen Migrationshintergrundes gewahr wird, schreitet er folglich zur Selbstabschiebung. Eine Ähnlichkeit zu lebenden Politikern scheint nicht nur zufällig.
Den alteingessenen Figuren widmet sich Schalko freilich liebevoller. Elfi Pfeisinger (Nina Proll) meint, 14 Jahre sind fürs Erste genug – jetzt sollen Gerri und Richard ihre Vaterpflichten erfüllen. Das „Halbe-halbe“ sorgt für Konflikte. Und der ängstliche Winni versteckt sich in einem Darth-Vader-Kostüm. Man darf auf das Zitat „Ich bin dein Vater“ wetten.
Auch Richie (Ofczarek) und Elfi (Nina Proll) haben offene Rechnungen.
Auch Herta Tschach (Maria Hofstätter) kehrt zurück, will Gerri aber lediglich zur Scheidung überreden, hat sie doch ihren weltgewandten Helfried (Stefko Hanushevsky) im Schlepptau. Es bleibt aber noch Zeit für philosophische Dialoge bei der idyllisch gelegenen Fischerhütte: „Hast du eigentlich jemals was g’fangt?“, fragt sie. „Scho, Gedanken“, meint er. – „Und?“ – „Die meisten waren so klein, dass ich sie gleich wieder reing’haut hab.“
Die charakterischen Wortwechsel, die sich oft um skurrile Sprachspielereien drehen, wurden beim Revival unverändert schön herausgearbeitet. Die Lust an derben Schimpforgien bleibt dabei freilich nicht auf der Strecke.
Federn mussten hingegen manche Figuren lassen, weil die ursprünglich auf sechs Folgen ausgelegte Serie für die Fernsehausstrahlung auf zwei abendfüllende Filme einzudampfen war. So hat Manuel Rubeys „Dornenvögel“-Pfarrer Banyardi etwas weniger Raum.
Toxisch
Der örtliche Herr Doktor Feist (Thomas Stipsits) wurde hingegen aufgewertet. Gattin Deborah (Nora Waldstätten) stößt sauer auf, dass dieser noch immer mit seinem toten (und sehr toxischen) Vater verheiratet zu sein scheint. Als dessen Geist ist Branko Samarovski zu hören – und auch „ein bisschen“ zu sehen.
Mit der Asche des Vaters: Dr. Feist (Thomas Stipsits) mit Gattin Deborah (Nora von Waldstätten).
Babs Tschach (Sabrina Reiter), ihr Kevin (David Miesmer) und Ronnie (Christopher Schärf) lässt der skurrile Bankraub aus Staffel 1 weiterhin keine Ruhe – dabei hat Ronnie längst auf die Lieferung von allerlei Zeug aus den 80er-Jahren umgesattelt. Und plötzlich taucht Ronda (Gabriela Garcia Vargas) in der Disco Lametta auf, die nach einem illegalen Auto-Duell mit Elfi lange totgeglaubt war. Dort wird – eine lange Partyszene, unterlegt vom Wham!-Hit „Club Tropicana“, muss natürlich sein – der Countdown zum Umschalten auf 1986 heruntergezählt. Anwesend ist der milchgesichtige Hipster-Investor B. B. (Arthur Vischer), der Braunschlag vollends aufkaufen möchte. Irgendwann dämmert es dem Bürgermeister, dass er wieder ziemlich viele Geister geweckt hat.
Da ziehen die protestierenden Horden sämtlicher Couleur bereits durch die Marktgemeinde. Und der wieder aufgetauchte Dorfguru Reinhard Matussek (Raimund Wallisch) lockt noch dazu mit einem besseren Leben auf dem fernen Planeten Blax.
Landflucht
Und so erzählt „Braunschlag 1986“ nicht nur von der Vergangenheitsflucht (neues Dorfmotto: „Die Zukunft liegt in der Vergangenheit“), sondern auch von der Landflucht. Am Land muss man ein eigenes Geschäftsmodell bieten, um attraktiv zu sein. Gerade dies führt ins Chaos.
David Schalko führt in „Braunschlag 1986“ mit viel Detailliebe (den Tennisplatz am Drehort hat das Team tatsächlich so überwuchert vorgefunden) einige lose Handlungsfäden der satirischen Kultserie zusammen, was Fans freuen dürfte, und doch Neueinsteiger Willkommen heißt. Der offene Schluss lässt ein Wiedersehen möglich erscheinen. In einem Interview sagte Schalko dazu: „Reden wir in 14 Jahren wieder darüber.“
Die enorme Spiellust des Ensembles lässt darauf hoffen. Aber es wird wohl einer ähnlich zündenden Idee bedürfen, um dies ein weiteres Mal zu ermöglichen.
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