© Die Verwendung ist nur bei redak/© 2019 Home Box Office, Inc

Kultur Medien
11/04/2019

HBO-Serie "Watchmen": Rassismus als größtes Übel

Damon Lindelof, Schöpfer der Comic-Adaption „Watchmen“, im Interview über Hassmails und die Ängste der Amerikaner.

Damon Lindelof war 13 Jahre alt, als sein Vater ihm 1986 die ersten beiden Ausgaben eines neuen Comics mit dem Titel "Watchmen" schenkte. „Ich werde es nie vergessen“, sagt er, „ich hatte keine gute Beziehung zu meinem Vater, aber wir fanden Gemeinsamkeiten in den Comics“. Er war noch zu jung, um es zu verstehen, erinnert er sich, „es war ja für Erwachsene, was sehr seltsam war“. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, hat er seine eigene Version fürs Fernsehen gemacht, „eine neue Serie, aber mit der DNA von ,Watchmen'“. Er weiß, dass er damit nicht alle glücklich machen wird können, und das ist okay.

"Watchmen" von Alan Moore und Dave Gibbons wird heute als eine der wichtigsten Comics gefeiert. „Es hat alles, was jeder über Comics wusste, grundlegend verändert und zerstört“, erklärt Lindelof bei einem Gespräch in einem Hotel in der Nähe des Gramercy Parks in New York City. "Watchmen" zeigte kostümierte Abenteurer als narzisstische, brutale Perverse und die Fans bewundern es seit langem als dekonstruktivistische Interpretation des Superhelden-Genres.

"Die Idee hat mich unglaublich eingeschüchtert"

Als HBO und Warner Bros. Lindelof darum baten, den 12-teiligen Comicroman zu einer Fernsehserie zu machen, lehnte er dies zunächst ab. Sie fragten noch einmal – wieder lehnte er ab. Aber beim dritten Mal begann er sich zu fragen, ob er vielleicht etwas Interessantes damit anfangen könnte. „Die Idee hat mich unglaublich eingeschüchtert“, gesteht er, aber „sie hätten es auch ohne mich gemacht“. Anstatt also zu Hause vor dem Fernseher zu hocken und sich „für den Rest seines Lebens in den Hintern zu beißen“, machte er sich an die Arbeit.

Die Graphic Novel hatte schließlich einen enormen Einfluss auf sein Geschichtenerzählen gehabt. Damon Lindelof ist bekannt für große Hits wie "Lost" und den Kultklassiker "The Leftovers". „Ich hatte das Gefühl, dass ich dem Comic etwas schuldig war“, betont er, "denn die Art und Weise, wie ich meine Geschichten erzähle, habe ich von ,Watchmen' gelernt.“

Adaptionen notorisch abgelehnt

Es gab nur ein Problem. Der britische Autor Alan Moore, einer der größten Namen in der Comic-Welt mit Credits wie "Watchmen", "V wie Vendetta", "From Hell" und "The League of Extraordinary Gentlemen", ein praktizierender Okkultist und Magier, ist bekannt dafür, dass er Adaptionen seiner Arbeit notorisch ablehnt – die 2009er Filmversion von Zack Snyder miteingeschlossen.

Lindelof hat versprochen, Moores Namen nicht für die Vermarktung der HBO-Serie zu verwenden. „Ich respektiere das vollkommen“, sagt er, „ich verehre ihn als Schriftsteller“. Natürlich sei es auch „eine Last“ für ihn, „es ist ein Meisterwerk“. Aber der 46-Jährige ist in seinem Leben an einem Punkt angelangt, an dem nur diese Art von Druck ihn auch zu Höchstleistungen anspornt.

Rassismus als größtes Übel

In der HBO-Adaption – die keine strenge Fortsetzung, sondern eher eine Erweiterung des "Watchmen"-Universums nach mehr als dreißig Jahren darstellt – ist Robert Redford seit etwa 20 Jahren Präsident und der Oberste Gerichtshof ist mit linksgerichteten Richtern besetzt. Und doch bleibt auch in einem liberal kontrollierten Land die Bigotterie. Polizisten tragen jetzt zu ihrem eigenen Schutz Masken, weil sie von einer rassistischen Gruppe, die als Siebte Kavalliere bekannt ist, terrorisiert werden. Während der Atomkrieg die Wurzel allen Übels im Comic war, positioniert die HBO-Serie den Rassismus als das größte Übel.

„Ich glaube nicht, dass die Angst vor dem Atomkrieg vollständig verflogen ist“,  sagt Lindelof, aber als Amerikaner im Jahr 2019 hat er sich gefragt: Was sind derzeit die Sorgen in der Welt? „Ich denke, es ist Misstrauen in die Führung und Rassismus; das sind die großen Themen, die diese enorme Menge an Angst und Unruhe in diesem Land beherrschen und hervorrufen.“

"Ich denke nicht, dass ich es verdient habe, zu sterben"

Die Seele des Originals ist mehr als intakt. Aber der Schöpfer der Serie, den das gesamte Ensemble in New York City als „Genie“ bezeichnet, macht sich keine Illusionen. Er weiß, dass seine Serie eine starke Gegenreaktion bei Hardcore-Fans des Comics auslösen wird. Er kann das gut verstehen: „Wenn Sie etwas lieben, dann wollen Sie es beschützen.“

Es gäbe aber auch eine „toxische Art von Fandom”, in der Leute so boshafte Dinge zu ihm sagen wie „ich hasse dich“ oder „ich hoffe, du stirbst“. „Ich verstehe, dass diese Menschen die Tatsache, dass ich es nicht verdient habe, diese Geschichte zu erzählen, sehr ernst nehmen“, betont er, „aber ich habe wirklich hart dafür gearbeitet, diese Chance zu bekommen. Wenn Ihnen nicht gefällt, was ich mache, ist das in Ordnung, aber ich denke nicht, dass ich es verdient habe, zu sterben.“

Tatsächlich ist es so, dass es vermutlich kein anderer besser gemacht hätte. Er sagt dann noch zutiefst bescheiden: „Ich werde niemals eine Fernsehserie machen, die so gut ist wie ,Watchmen', aber wenn dies die Menschen dazu bewegt, den Comic zu lesen, dann ist das auch eine Errungenschaft."

Von Marietta Steinhart

„Watchmen“ läuft ab 4. November auf Sky Atlantic.